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Wie breit ist der Grat?

Begleiten ohne zu steuern. Drei Lehrpersonen der Mosaikschule Munzinger in Bern unter­halten sich über ihre Aufgaben und Tätigkeiten im Unterricht des selbstorganisierten Lernens. Wir fragen nach Rollen, die sich aus der besonderen Unterrichtsform ergeben. Die Antworten zeigen: Es geht weniger um Rollen als um Haltungen, um pädagogische Überzeugungen und deren konsequente Umsetzung. Von Werner Jundt.

Im Selbstorganisierten Lernen (SOL) handeln Schülerinnen und ­Schüler selbstverantwortlich. Was tut denn die Lehrperson?

Elsbeth Stern

Dorette Fischer
unterrichtete früher Sekundarklassen

Dorette Fischer Was ich hauptsächlich mache im SOL? – Beobachten, Möglichkeiten anbieten, vor allem präsent sein; nicht sagen: «Jetzt das! Das jetzt nicht!» – möglichst viel aufnehmen.

Esther Scheuner Beobachten, ja: Um zu überprüfen, ob etwas getan wird, und um zur Arbeit anzuleiten. Um rechtzeitig eingreifen zu können, wenn es nötig ist. Ich habe viele Schüler, die Betreuung brauchen.

Marcel Siegfried Ich habe wenig Zeit zum Beobachten. Ich nutze die Zeit, in der die Schülerinnen und Schüler arbeiten, für gezielte Einzelbetreuung.

Beobachten, Möglichkeiten anbieten, vor allem präsent sein. Dorette Fischer

Dorette Fischer Je mehr ich kontrolliere und, vor allem, je mehr ich eingreife, umso weniger arbeiten die Lernenden von sich aus. Dass wir heute so weit sind, dafür brauchte es einen sehr langen Atem. Wenn ich dauernd eingegriffen hätte, wenn’s grad nicht rund lief, wären wir vermutlich nicht dahin gekommen. Manchmal wird der Betrieb chaotisch, ja – aber plötzlich entsteht eine Ordnung von innen. Oder die Jugendlichen stossen sich gegenseitig an. Das braucht Geduld, Wochen, vielleicht Monate, bis die Motivation greift.

Esther Scheuner Das erleben nicht alle Lehrpersonen gleich. Wenn ich einfach zugeschaut hätte, hätte ich nach dem ersten Semester alle zurückstufen müssen, weil sie zu wenig gemacht hätten.

Marcel Siegfried Siebtklässler denken halt noch nicht ernsthaft über ihr eigenes Lernen nach. Vorrangiges Ziel ist für viele, die Arbeit mit geringem Aufwand zu erledigen. Das war in der Gesamtschule schon anders. Da hatten die Jüngeren von Anfang an Vorbilder fürs Lernen. Das fehlt mir hier ein wenig.

Dorette Fischer Für mich ist es hier auch so. Es hat sich total gelohnt, auf Selbstverantwortung zu setzen. Jetzt achten die Schülerinnen und Schüler gegenseitig darauf, dass die Arbeitsregeln eingehalten werden. So habe ich Zeit für die, die Beratung suchen.

Elsbeth Stern

Esther Scheuner
unterrichtete früher Realklassen

Esther Scheuner Ich bin gespalten. Ich kann meine Aufgabe – und meine Verantwortung – nicht einfach an die Jugendlichen delegieren.

Dorette Fischer Ich setze halt sehr auf die Lerngruppen. Dort investiere ich vor allem am Anfang viel. Ich gebe den Lerngruppen-Leiterinnen und -Leitern, wenn sie ihre Aufgabe gut erfüllen, auch Vorteile, lasse viel in ihrer Verantwortung – drücke auch mal ein Auge zu.

Marcel Siegfried Es geht ja nicht ums Abgeben – es geht ums Zutrauen. Aber die Schwächeren tendieren im SOL schon darauf, die Stunden «abzuhöckeln».

Welches sind besondere Herausforderungen?

Esther Scheuner Schwierig ist, sicherzustellen, dass die Realschülerinnen und –schüler nicht zu kurz kommen. Einfach machen lassen, reicht nicht. Ich sorge für Ruhe, installiere eine Arbeitsatmosphäre. Ich achte darauf, dass die Lernenden die Zeit nutzen. – Die Kontrolle abgeben und doch den Überblick behalten, das ist schon eine Herausforderung im SOL.

Marcel Siegfried Ich achte auch auf das Zeitmanagement, aber vor allem darauf, dass die Jugendlichen sich ein solches angewöhnen.

Dorette Fischer Man muss den Mut finden, es geschehen zu lassen. Wenn es für eine Arbeit nicht reicht, machen sie halt notfalls Überzeit am Freitagnachmittag. Schülerinnen und Schüler müssen selbst erfahren, welche Arbeitsweise geht und welche nicht. Ich lasse sie reinlaufen – aber ich lasse sie nicht fallen! Ich schaue dafür, dass Verpasstes aufgeholt werden kann. Was zählt, ist die Lernhaltung am Schluss. Unterwegs darf vieles schief laufen.

Die Kontrolle ab­geben und doch den Überblick behalten. Esther Scheuner

Esther Scheuner Es gibt halt auch schlechte Gewohnheiten, einfach herumhängen zum Beispiel. Und ich biete natürlich auch Möglichkeiten an, etwas aufzuholen: Beim Aufstarten oder an einem Freitagnachmittag. Manchmal sind diese Zeiten sehr intensiv.

Marcel Siegfried Also beim «Laueren» kann ich auch nicht zuschauen. Hat aber auch mit mir zu tun. Ich meine halt, wenn wir so viel investieren . . . Wir bieten ja zusätzlich viel. Dann erwarte ich eine Gegenleistung. Mit meinem Aufwand würdige ich die Arbeit der Schülerinnen und Schüler. Das gilt auch umgekehrt.

Dorette Fischer Ich kann nicht 20 Jugendliche gleichzeitig individuell betreuen, deshalb lohnt es sich, in die Lerngruppenchefs zu investieren. Klar muss ich die auch kontrollieren. Aber sie nehmen mir viel ab: «Machet nume, Frou Fischer – i luege scho derzue . . . » Je mehr Freiheit ich ihnen zugestehe, umso bessere Lösungen kommen zustande, oft solche, auf die ich selbst nie gekommen wäre.

Esther Scheuner Ich greife ja nicht dauernd ein – das wäre falsch verstanden. Aber die Siebtklässler müssen erst noch lernen, wie SOL geht. Sie müssen zum Beispiel planen lernen; das ist etwas Schwieriges!

Dorette Fischer Die Siebteler führe ich auch ein, obwohl: Es hat auch welche, die sind schon sehr selbstständig.

Welches sind besondere Herausforderungen?

Elsbeth Stern

Marcel Siegfried
unterrichtete früher an einer Gesamtschule (1.–9.)

Marcel Siegfried «Gut im SOL» sind ja nicht einfach die, die in den Fächern stark sind. Es gibt auch Realschülerinnen und –schüler, die von sich aus gut arbeiten. – Ja, das Augenmerk auf die Planung legen, das ist wichtig. «Könner» aus der 8. und 9. Klasse können Jüngere anleiten, aber das genügt nicht. Schwache sind oft überfordert, denen gebe ich die Arbeit zum Teil Stück für Stück vor – «geführtes SOL» eben.

Gefragt haben wir auch nach dem, was anders geworden ist – oder eben nicht.

Marcel Siegfried Aus den Coachinggesprächen weiss ich, dass die meisten gern zur Schule kommen. Die Sozialkompetenz ist gestiegen. Die Jugendlichen gehen friedlich miteinander um.

Dorette Fischer Ja, es gibt viel weniger Stigmatisierungen in den Klassen. Die Jugendlichen sind toleranter und hilfsbereiter geworden.

Esther Scheuner Viele kommen ins «Aufstarten» – freiwillig. Auch ist es heute selbstverständlich, dass man mit der Lehrperson von sich aus an einen Tisch sitzt. Es ist familiärer geworden. – Und mir fällt auf, wie viel die Schülerinnen und Schüler über ihr eigenes Lernen sagen können und wie selbstverständlich sie sich dazu äussern. Die Reflexionsfähigkeit ist heute viel besser.

Dorette Fischer Ich war immer «nah an den Jugendlichen«. Aber das Gefühl des «Miteinanders» ist noch stärker geworden. Die Jugend­lichen erfahren die Schule mehr als IHRE Schule.

Aus den Coachinggesprächen weiss ich, dass die meisten gern zur Schule kommen. Die Sozialkompetenz ist gestiegen. Marcel Siegfried

Marcel Siegfried Die Eltern – gut, am Anfang oft noch kritisch oder ängstlich – wenn sie sehen, wie das läuft, sind sie ja dann auch begeistert.

Esther Scheuner Es ist die Schule, wie ich sie seit Langem wollte. Aber zum Teil ist es schon an der Grenze zur Überforderung. Dafür ist die Teamarbeit stärker und selbstverständlicher geworden.

Dorette Fischer Die Umstellung war nicht an sich schwierig, weil ich so etwas immer schon wollte. Aber es gab viel zu lernen – Organisationsdisziplin zum Beispiel: Die Arbeitspläne und das Material dazu müssen im Voraus bereit sein. Man kann die Jugendlichen nur selbst machen lassen, wenn sehr viel organisiert ist.

Marcel Siegfried Vorher konnte ich, wenn eine Unterrichtsequenz gut lief, weiter dran bleiben. Jetzt haben wir den Takt der Stunden und der Fächer. Die Anschlüsse müssen klappen. Befriedigend dabei ist: Alle helfen, dass es rund läuft.

Und genau dieses «Alle helfen, dass es rund läuft» kristallisierte sich im Verlaufe des Gesprächs für den Zuhörer als Kernqualität heraus. Auch eine grosse Schule kann päda­gogisches Neuland betreten, wenn es den Lehrpersonen gelingt, von unterschiedlichen Grundhaltungen aus gemeinsam eine Vision zu entwickeln und zu verfolgen.

  • Mosaikschule: Die Klassen bestehen aus Schülerinnen und Schülern mehrerer Schuljahre (7.–9.) und verschiedener Lern­niveaus.
  • SOL: Selbstorganisiertes Lernen: Die ­Lernenden bearbeiten in einem Teil der Lektionen Auf­träge aus einem Plan in Eigenregie.
  • Aufstarten: Die Schülerinnen und Schüler ­können sich – von einer Lehrperson betreut – eine halbe Stunde vor Unterrichts­beginn im Klassen­zimmer aufhalten.

 

Weitere Infos zur Mosaikschule Munzinger finden Sie unter: www.mawe-bern.ch/munzinger

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