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Schulhausaufgaben

Im Oberstufenzentrum Biel Mett-Bözingen lernen die Schülerinnen und Schüler, ihre Hausaufgaben im Unterricht zu erledigen. Die Lehr­personen unterstützen sie beim Planen und bei inhaltlichen Fragen. Ein Gespräch mit dem Schulleiter Kurt Neujahr. Von Therese Grossmann.

Was hat Ihre Schule veranlasst, die Hausaufgaben in Lektionen mit selbst­organisiertem Lernen, sogenannten SOL-Lektionen, zu integrieren?

Elsbeth Stern

Kurt Neujahr
ist Schulleiter des Oberstufenzentrums Biel Mett-Bözingen.

Wir haben festgestellt, dass es immer mehr Schülerinnen und Schüler gibt, die keine Hausaufgaben machen. Weil sie zum Beispiel zu Hause keine Unterstützung erhalten bzw. dort gar keinen Ort haben, um Hausaufgaben machen zu können. In einer Retraite des Kollegiums haben wir nach Möglichkeiten gesucht, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Selbstständigkeit beim Lernen zu fördern und sie beim Erledigen der Hausaufgaben zu unterstützen. Aus dem Kollegium kam dann die Idee, Lektionen der individuellen Lernförderung in SOL-Lektionen mit integrierter Hausaufgabenhilfe zu verwandeln (siehe auch Informationen am Ende des Artikels). Es wurde vorgeschlagen, pro erteilte SOL-Lektion eine halbe Lektion zu entschädigen, da es weder Vor- noch Nachbereitungen gebe.

Wer betreut die Schülerinnen und ­Schüler in den drei wöchentlichen SOL-Lektionen und leistet dadurch diese Hausaufgabenhilfe?

Es sind Lehrpersonen aus dem Klassenteam – sie kennen die Jugendlichen vom Unterricht in einzelnen Fächern. Es kann sein, dass sie in den SOL-Lektionen auch Aufgaben aus einem anderen Fachbereich betreuen. Ich bin zum Beispiel der Mathematiklehrer der Klasse 9d und betreue am Montag eine der drei SOL-Lektionen; die Sprachlehrerin betreut die andern beiden Lektionen. Da wissen die Jugendlichen, dass sie die Mathematikaufgaben eher am Montag erledigen. Sie wissen aber ebenso, dass sie mich im Französisch und im Englisch grundsätzlich auch etwas fragen können.

Wie können die Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler bei den Hausaufgaben unterstützen?

In einer Schule kann sich etwas Neues gut entwickeln, wenn es von innen kommt und nach aussen ge­tragen wird.

Als gesamte Schule unterstützen wir unsere Schülerinnen und Schüler mit diesem obligatorischen Unterrichtsgefäss darin, überhaupt Hausaufgaben zu machen. Wir verstehen uns als Hüter von guten Arbeitsbedingungen wie Ruhe und Konzentration. Damit können wir den Lernenden auch zeigen, dass wir an ihrer schulischen Entwicklung interessiert sind, was auf Elternseite nicht immer der Fall ist. In der 7. Klasse müssen die Schülerinnen und Schüler vorerst einmal lernen, dieses Gefäss der Schule zu nutzen, zum Beispiel selbst zu entscheiden, was sie in den drei SOL-Lektionen machen wollen bzw. müssen. Das ist anspruchsvoll und erfordert Anleitung durch die Lehrperson. Sie führt deshalb zu Beginn der SOL-Stunden in der 7. Klasse eine gemeinsame Auslegeordnung aller Arbeiten durch, die es zu erledigen gibt, und hilft nachher bei Bedarf den einzelnen Schülerinnen und Schülern bei ihrer individuellen Planung der Lektion. Planen können ist deshalb wichtig, weil die SOL-Stunden nicht durch einen Arbeitsplan gesteuert werden: Die Schülerinnen und Schüler entscheiden, ob sie Hausaufgaben lösen oder andere Aufgaben bearbeiten, die sich aus dem Klassenunterricht ergeben, zum Beispiel das Ausarbeiten eines Referats. Manchmal besteht die Unterstützung auch darin, einen Schüler zum Lernen «anzustupsen», damit er überhaupt erfährt, wie sinnvoll die SOL-Lektionen genutzt werden können. Was wir den Schülerinnen und Schülern auch zeigen, ist das Lernen im Team. Das bringt gerade bei den Hausaufgaben nicht nur Entlastung, sondern auch Effizienz. Wir leiten sie an, zusammen die Lerninhalte bzw. das Vorgehen zu besprechen und einander Fragen zu stellen. Wir wissen ja von uns selbst, wie intensiv wir selbst lernen, wenn wir jemand anderen «abfragen». Das Lernen im Team kann zu einer positiven Lernhaltung beitragen, und das ist gerade auch bei den Hausaufgaben wichtig.

Sie unterstützen die Schülerinnen und Schüler beim Planen und beim Arbeiten im Team. In welcher Form bieten Sie inhaltliche Unterstützung an?

Indem wir den Schülerinnen und Schülern immer wieder zeigen, wie wichtig es ist, dass sie mit konkreten Fragen auf uns zukommen. Das hat viel mit Vertrauen in die Lehrperson zu tun, das stetig aufgebaut werden muss, in jeder sich bietenden Unterrichtssituation. Wenn das Vertrauen da ist, gehört das Fragen ganz selbstverständlich zum Lernen. Als Lehrpersonen müssen wir abwägen, ob eine Antwort auf die Frage sinnvoll ist, zum Beispiel in Form einer inhaltlichen Erklärung eines Problems. Oder ob wir auf eine Frage mit dem Hinweis reagieren, das Problem nochmals von einer anderen Seite anzugehen und selbst zu einer Lösung zu kommen. Die Schülerinnen und Schüler kennen unsere Grundhaltung, nämlich unseren Fokus auf ihre Ressourcen zu richten.

Wie ist die Akzeptanz Ihres Systems bei den Lehrpersonen, bei den Lernenden und bei den Eltern?

Da das System vom Kollegium entwickelt wurde und nicht von aussen kam, ist es für die Lehrpersonen selbstverständlich, die Hausaufgaben in die Schule zu integrieren. Bei den Schülerinnen und Schülern haben wir nach knapp einem Jahr eine Umfrage gemacht, die durchwegs positiv beantwortet wurde. Die Jugendlichen schätzen es, dass sie die Hausaufgaben weitgehend in der Schule erledigen und sich bei Bedarf Unterstützung holen können. Wie sich am letzten Elternabend gezeigt hat, haben wir auch die Unterstützung der Eltern; sie sind dankbar für die Entlastung zuhause. Diese Äusserungen kommen ausschliesslich von bildungsnahen Eltern, das Feedback der anderen Eltern lässt sich kaum einholen. Da bleibt unsere Überzeugung bzw. deren Auswirkung auf die Schülerinnen und Schüler die treibende Kraft.

Was würden Sie einer Schule empfehlen, die die Hausaufgaben in den Unterricht integrieren möchte?

Wichtig ist, dass die Idee vom Kollegium getragen wird. Dann würde ich empfehlen, Schulen mit Erfahrungen in diesem Bereich zu besuchen bzw. zu kontaktieren, um das eigene Konzept unter neuen Gesichtspunkten zu diskutieren. Ebenso wichtig ist es, das Konzept möglichst früh mit der Schulaufsicht zu besprechen, damit die Organisation der entsprechenden Lek­tionen festgelegt werden kann. Zudem sollte das Kollegium klären, wie es die Eltern informieren will. An unserer Schule haben sich zum Beispiel Elternabende bewährt. Als Schulleiter ziehe ich das Fazit, dass sich in einer Schule etwas Neues gut entwickelt, wenn es von innen kommt und nach aussen getragen wird. Information Die SOL-Stunden sind für alle Klassen der Oberstufe obligatorisch, sie finden 3 x wöchentlich von 13.15 bis 14.00 Uhr statt. Lehrpersonen aus dem Klassenteam betreuen die jeweiligen Lektionen. Die Schülerinnen und Schüler können Hausaufgaben und andere Arbeiten für den Unterricht lösen.

Information

Die SOL-Stunden sind für alle Klassen der Oberstufe obligatorisch, sie finden 3 x wöchentlich von 13.15 bis 14.00 Uhr statt. Lehrpersonen aus dem Klassenteam betreuen die jeweiligen Lektionen. Die Schülerinnen und Schüler können Hausaufgaben und andere Arbeiten für den Unterricht lösen.

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