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Du kennst die Frage, die dir weiterhilft

Wenn die Heilpädagogin Susanne Bucher ihre Schülerinnen und Schüler beim Lernen unterstützt, geht es um das Zusammenspiel von Beobachtungen und Interventionen. Protokoll einer Lernbegleitung auf der Mittelstufe. Von Therese Grossmann.

Heute arbeitet rund die Hälfte der Klasse mit Susanne Bucher zusammen. Es geht darum, Teiler einer Zahl zu finden, später auch gemeinsame Teiler von zwei Zahlen. Gestern hat der Klassenlehrer die ganze Klasse ins Thema «Teiler» eingeführt. Nun versuchen die Schülerinnen und Schüler, von vorgegebenen Zahlen selbst die Teiler zu finden – zum Beispiel von der Zahl 24. Sie wissen, dass Frau Bucher sie dabei unterstützt. Um zu erfahren, was Unterstützung alles heissen kann, heftet sich die Reporterin an die Fersen der Heilpädagogin. Diese geht von Platz zu Platz, sie beobachtet offensichtlich den Start der einzelnen Schülerinnen und Schüler in die Übungsphase.

Hier bestätigen, dort fordern

Da meldet sich auch schon leise Hanna, sie zeigt auf die Zahlen 1 und 24 in ihrem Heft und will wissen, ob sie es richtig mache. Su­sanne Bucher gibt ihr die Bestätigung und geht weiter bis zu Ariel, der um die Zahl 24 herum verschiedene Zahlen aufgeschrieben hat. «Du musst die Zahlen paarweise ordnen», kommentiert sie sein Vorgehen, «das macht es einfacher, alle Teiler zu finden. Stelle die Zahlen in einer Tabelle dar, wie du es an der Wandtafel gesehen hast.»

Mein Angebot der Hilfe gilt noch, melde dich, wenn du bereit bist zuzuhören.

Während Ariel die Tabelle erstellt, ist Susanne Bucher schon bei Gael, der in sein Heft nahezu unleserlich Zahlen gekritzelt hat, die nichts mit den Zahlen an der Wandtafel zu tun haben. «Ich schreibe dir die erste Zahl von der Wandtafel, die 24, schon mal in eine Tabelle. Jetzt suchst du die Teiler und schreibst sie in die Tabelle.» Die Heilpädagogin wartet kurz, bis Gael die 1 neben die 24 in die Tabelle eingetragen hat. Sie sieht, dass Jonas die Hand hochstreckt; er will wissen, ob er das Zahlenpaar 6 und 4 auch in die Tabelle schreiben müsse, wenn er vorhin schon 4 und 6 aufgeschrieben habe. «Was denkst du?», fragt Susanne Bucher. Während Jonas selbst die richtige Antwort gibt, bleiben ihre Augen auf dem Heft von Ariel hängen, der nebenan sitzt. Sie kreist die 3 in der Tabelle ein und sagt: «24 : 3 = 6, das kann nicht sein.» Ariel interpretiert die Bemerkung als Aufforderung, dieses Teilerpaar nochmals zu überprüfen und macht sich an die Arbeit.

Hier antworten, dort Hilfe anbieten

Wieder meldet sich Hanna. Sie hat erst zwei Zahlenpaare in die Tabelle geschrieben und kommt nicht weiter: «Ich weiss nicht, was ich tun muss, um weitere Zahlen für die Tabelle zu finden!» «Du hast ja schon das Zahlenpaar 2 und 12 gefunden», antwortet Susanne Bucher, «jetzt kannst du mit der Zahl 3 eine Frage stellen, du kennst nämlich die Frage, die dir weiterhilft.» Die schlichte Feststellung scheint zu wirken, und Hanna formuliert nach einigem Zögern die Frage: «Ist 24 durch 3 teilbar?» Sie versucht es auch gleich noch mit der 4 und lächelt, während sie die Zahlenpaare in die Tabelle einträgt.

Am Nebentisch haben zwei Knaben aus ihren Zahlenbüchern ein Haus gebaut, was die Heilpädagogin unmissverständlich kommentiert: «Ihr müsst jetzt keine Häuser bauen. Sucht das nächste Zahlenpaar in eurer Tabelle. Geht das ohne meine Hilfe?». Dass es geht, zeigt sich schnell. Jetzt fragt Jules nach neuen Aufgaben, er habe die Teiler der Zahlen an der Wandtafel gefunden. Susanne Bucher schlägt ihm vor, selbst eine Zahl zwischen 100 und 200 zu wählen und ihre Teiler zu suchen. Nicht viel weitergekommen ist Gael. «Ich kann dir zeigen, wie du zu einem neuen Zahlenpaar kommst», bietet Susanne Bucher an, «du kannst fragen». Sie spricht nicht weiter, als Gael sich wegdreht, dann tritt sie näher an ihn heran und sagt: «Mein Angebot der Hilfe gilt noch, melde dich, wenn du bereit bist zuzuhören.» Viel Zeit dazu bleibt Gael nicht, denn schon bald leitet Su­sanne Bucher mit einem neuen Auftrag die Abschlussphase dieser Stunde ein. Es geht darum, auf einer Zahlentafel alle Teiler von 72 rot und alle Teiler von 120 blau anzufärben. Die Zahlentafel wird in der nächsten Stunde als Grundlage dienen, um gemeinsame Teiler von Zahlen zu bestimmen.

Und die Heilpädagogin wird wieder beobachten und intervenieren, um die Schülerinnen und Schüler beim Lernen zu unterstützen. Wie die Beobachtungen der Heilpädagogin und ihre Interventionen zusammenhängen, können Sie im nebenstehenden Gespräch lesen.

 

Gespräch mit Susanne Bucher

Susanne Bucher

Susanne Bucher

Die halbstündige Lernbegleitung wirkte sehr vielseitig mit all den verschiedenen Kontakten zu den Schülerinnen und Schülern. Eigentlich waren Sie pausen- los­ daran, zu beobachten bzw. zu inter­venieren. Ist für Sie Lernbegleitung immer so intensiv?

Eigentlich schon – das hat damit zu tun, dass ich oft mit den schwächeren Schülerinnen und Schülern arbeite: Da gibt es viel zu betreuen, auf unterschiedlichen Ebenen. Das geht vom Bestätigen und Antworten bis zum Durchsetzen von Lernverhalten und Darstellungsformen. Eine häufige Intervention ist, dass ich auf etwas hinweise, das fehlt oder noch nicht richtig gemacht worden ist. Wie vorhin bei Ariel, der die Tabelle als hilfreiche Darstellungsform nicht verwendet hat. Oder dass ich jemandem nochmals etwas zeige, zum Beispiel, wie man eine Frage stellt, um beim Lernen weiterzukommen. Die grosse Intensität hat aber auch mit der kleineren Lerngruppe zu tun: Da ist es viel offensichtlicher, was die einzelnen Schülerinnen und Schüler machen, sie können sich kaum in die Anonymität verkriechen, wie es im Klassenunterricht möglich ist. Sie fragen auch sofort und melden ihre Bedürfnisse an.

Wie sehen Sie den Zusammenhang ­zwischen Ihren Beobachtungen und Ihren Interventionen?

 

Die grosse Inten­sität hat aber auch mit der kleineren Lerngruppe zu tun: Da ist es viel offensichtlicher, was die einzelnen Schüler­innen und Schüler machen, sie können sich kaum in die Anonymität verkriechen, wie es im Klassen­unterricht möglich ist.

In jeder Lernbegleitung fliessen Beobachtungen aus früheren Stunden ein, die meine aktuellen Beobachtungen differenzierter werden lassen und meine Interventionen entsprechend steuern. Ich weiss zum Beispiel, dass es sich lohnt, in der Startphase bei Hanna genauer hinzuschauen und sie in ihrem Vorgehen allenfalls zu bestätigen, sodass sie überhaupt arbeiten kann. Ich beobachte dauernd, setze aber nicht alle meine Beobachtungen in Massnahmen um. In der Stunde habe ich gesehen, dass eine Schülerin gleich zu Beginn die Zahl 100 gewählt hat, um Teiler zu finden. Ich glaubte zu sehen, dass sie Schwierigkeiten hatte, machte aber unmittelbar nichts mit meiner Beobachtung. Ich habe auch gemerkt, dass zwei Schüler Mühe hatten, die Teiler zu finden. Diese Beobachtung habe ich aus dem Unterricht mitgenommen und mir die Frage gestellt, welche Konkretisierungsform für diese beiden Schüler hilfreich wäre. Die Umsetzung dieser Beobachtung erfolgt dann erst in der nächsten Übungsphase. Eigentlich ist Lernbegleitung ein permanenter Zyklus von Beobachtungen und Interventionen.

 

Was wissen die Schülerinnen und ­Schüler über Ihre Art von Lernbegleitung?

Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass ich da bin und genau hinschaue, was sie tun. Sie wissen auch, dass sie Fragen stellen können, sogar immer wieder dieselbe Frage. Sie kennen aber auch meine Erwartungen an sie, zum Beispiel, dass sie Strategien anwenden, um Schwierigkeiten mit einer Aufgabe alleine zu meistern. Ich kommuniziere, dass ich nur einen Teil der Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen kann, und dass der andere bei ihnen liegt. So lag es zum Beispiel an Gael, zuzuhören, als ich ihm Unterstützung bei der Aufgabe anbot. Er weiss, dass er seinen Beitrag leisten muss.

Als Heilpädagogin sind Sie in ein Klassen­team eingebunden. Welche Form der Zusammenarbeit erachten Sie als ­günstig, um die Schülerinnen und Schüler in ihrem Lernen zu unterstützen?

Unterstützung für die Schülerinnen und Schüler bringt jede Zusammenarbeitsform, die den Austausch über Beobachtungen ermöglicht. Häufig teile ich meine Beobachtungen gerade nach der Stunde mit, meistens der Klassenlehrperson. Das braucht gar nicht so viel Zeit und ist gar nicht so aufwendig, wie man manchmal meint. Oft ist es ja wichtig, dass die Klassenlehrperson möglichst bald erfährt, bei welchem Schüler noch Probleme beim Lernen bestehen, die weiter beobachtet werden müssen.

Manchmal schreibe ich meine Beobachtungen rasch auf, damit sie nicht verloren gehen und kommuniziere sie bei der nächsten Gelegenheit. Es kommen aber auch Anliegen an mich aus dem Klassenteam, bei einem Kind etwas möglichst genau zu beobachten, zum Beispiel seine Selbstständigkeit in verschiedenen Lernsituationen. Ich erlebe das regelmässige Abgleichen von Beobachtungen und Interventionen als sinnvoll - und eigentlich auch machbar. Sinnvoll, weil uns der Austausch neue Beobachtungsperspektiven und neue Unterstützungsmöglichkeiten bringt. Machbar, weil der Austausch möglichst «niederschwellig» stattfindet und wir versuchen, die eigenen zeitlichen Ressourcen zu beachten.

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