farbwelt

Pro Satz ein Bild – das macht es spannend!

Schülerinnen und Schüler einer 5./6. Klasse stellen zu einer Schreibaufgabe selbst Kriterien auf. Sie orientieren sich an früheren Vor- und Nachbesprechungen von Texten und klären die Kriterien im Gespräch. Ihre Lehrerin Annemarie Fischer mutet ihnen das zu. Eine Reportage aus dem Pestalozzischulhaus in Bern. Von Therese Grossmann.

Die heutige Deutschlektion beginnt im Sitzkreis. Die Schülerinnen und Schüler singen und klatschen ein selbst erfundenes Lied für das bevorstehende Schulfest. Die durch diesen Beginn entstandene Konzentration ist beinahe physisch spürbar und bleibt im Raum, als Annemarie Fischer die Schreibaufgabe vorstellt. Es geht um eine Szene aus einem Jugendbuch, das die Klasse in ein eigenes Theaterstück umsetzen wird. Gemeinsam rekapitulieren die Lehrerin und die Kinder die Situation, in der das Mädchen Melanie das Haus verlässt und in ein Gewitter gerät. «Melanie hatte Angst, sie weinte», erinnert sich Louis, «sie hatte sich im Wald verlaufen». Enrico ergänzt: «Melanies Vater sah, wie seine Tochter vom Haus wegging». «Im Buch wird die Perspektive des Vaters dargestellt», bestätigt die Lehrerin, «ihr werdet nun die Perspektive einer anderen Person einnehmen. Erfindet eine aussenstehende Person, die beobachtet, wie Melanie das Haus verlässt und was nachher geschieht. Beschreibt, was die Person sieht und was sie sich dabei denkt.» Eine Schülerin will wissen, ob sie die aussenstehende Person beschreiben müsse. «Ein paar Stichworte genügen, schreibt diese dann oben auf euer Textblatt», antwortet Annemarie Fischer, «zuerst aber bereitet ihr euch auf das Schreiben vor. Notiert euch, was ihr beachten müsst, damit es ein guter Text wird. Was muss der Text enthalten, und wie muss er geschrieben sein? Schreibt diese Punkte, wir sagen ihnen auch Kriterien, zuerst alleine auf und besprecht sie nachher in eurer Lerngruppe.»

Kriterien aufstellen und besprechen

Die Schülerinnen und Schüler verlassen den Sitzkreis und machen sich an die Arbeit. «Man muss wissen, wer in der Szene vorkam», schreibt Liam in sein Heft. Elena notiert: «Gefühle müssen deutlich sein.» Einzelnen Kindern gelingt es nicht auf Anhieb, die Ebene zu wechseln und zuerst Kriterien aufzuschreiben, sie beginnen gleich mit dem Text. Für sie wiederholt die Lehrerin die Frage von vorhin, und nun können auch sie ihre Punkte notieren, zum Beispiel: «Schreiben, was die Person denkt» und «gute Wörter». Später setzen sich die Schülerinnen und Schüler in Gruppen zusammen, um die Kriterien zu besprechen. «Der Text muss spannend sein», beginnt Elma, «und im Präsens geschrieben.» «Ja, spannend«, wiederholen zuerst Flori und dann auch Jeremia. Nun will die Reporterin wissen, was für die Schülerinnen und Schüler «spannend» heisse. «Man sieht den Text wie in einem Film, es ist eine Art Kopfkino», antwortet Flori. Und Aïna fügt hinzu: «Darum muss man gute Verben suchen, die ein starkes Bild geben im Kopf. Pro Satz ein Bild – das macht es spannend!» «Also nicht langfädig schreiben», ergänzt Jeremia, «und keine Wiederholungen». In der Gruppe nebenan wird diskutiert, ob der Text eine Einleitung mit Angaben zur beobachtenden Person brauche – als Ergänzung zu den Stichworten. Enrico meint: «Ich würde gerade mitten in die Situation gehen, in der Melanie aus dem Haus tritt. Weitere Angaben zur aussenstehenden Person würde ich in spätere Sätze einflechten. Eine Einleitung wirkt nicht interessant.» Die Kriterien «interessant» und «spannend» spielen in allen Gruppen eine Rolle. Das zeigt sich auch in der anschliessenden Gruppenpräsentation. Das seien beliebte Kriterien, erklärt Annemarie Fischer später der Reporterin. Es sei wichtig, dass diese immer wieder besprochen würden. Es habe schon einmal eine Schreibaufgabe mit einem Perspektivenwechsel gegeben. Da seien dieselben oder ähnliche Kriterien diskutiert worden: «In den bald zwei Jahren meines Deutschunterrichts haben die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse schon einige Kriterien fürs Schreiben kennengelernt. Sie haben anhand von Vor- und Nachbesprechungen erfahren, was denn «spannend» alles heissen kann – je nach Schreib­aufgabe. Und die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse können vom Vorwissen der 6. Klasse profitieren. «Während der Gruppenpräsentation taucht das Kriterium ‹dramatisch› auf. Emilie erklärt, dass man beim Lesen die Angst von Melanie deutlich spüren müsse. «Ich muss also klar und mit starken Wörtern über Melanies Gefühle schreiben.» Nach der Präsentation hängen die Gruppen ihre Kriterien an die Wandtafel. Die Lehrerin wird daraus eine einzige Liste machen, als Grundlage für ihre späteren Rückmeldungen sowie die Überarbeitungen der Schülerinnen und Schüler. 

Ich habe eine Steigerung eingebaut und den Himmel immer düsterer werden lassen.

Kriterien anwenden

Jetzt beginnen die Kinder mit dem Schreiben, sie arbeiten ruhig und sehr konzentriert. Fragen gibt es keine mehr, die Aufgabe und die Erwartungen an den Text scheinen klar zu sein, sodass die Kriterien an der Wandtafel kaum konsultiert werden. Einige Kinder arbeiten sehr schnell, wie zum Beispiel David und Aïna. Sie haben Zeit, der Reporterin zu zeigen, wie sie das Kriterium «dramatisch» umgesetzt haben. David bemerkt: «Ich habe kurze Fragen eingebaut, wie ‹Was macht sie jetzt?›. Dann habe ich auf genaue Verben geachtet, ich habe geschrieben‚ ‹sie stapft auf mich zu›, das gibt ein stärkeres Bild als ‹sie kommt auf mich zu›.» Aïna fügt hinzu: «Ich habe eine Steigerung eingebaut und den Himmel immer düsterer werden lassen.» In dieser Schreibaufgabe werden nicht alle Kinder das Kriterium «dramatisch» umsetzen können. Sie brauchen die Rückmeldung durch die Lehrerin beziehungsweise die Nachbesprechung mit ihr, sie brauchen Überarbeitungsmöglichkeiten und vielleicht auch Beispiele von gelungenen Umsetzungen. Darüber hinaus weitere Lernchancen in Form von Schreibaufgaben, in denen das Kriterium «dramatisch» gefordert – und thematisiert – wird.

Annemarie Fischer hat sich in der Erarbeitung der Kriterien inhaltlich wenig eingemischt und darauf vertraut, dass die Schülerinnen und Schüler frühere Lernerfahrungen einbringen und nutzen. Sie unterstützt die Kinder durch eine permanente Aufbauarbeit, sei es im Bereich des kriteriengestützten Schreibens, sei es im Bereich guter Lernbedingungen. Dadurch kann die Lehrerin den Schülerinnen und Schülern viel zumuten.

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrages (PDF)1.64 MB