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Schulen, die den Reformen Form geben

Im Kanton Basel-Stadt wird seit August 2015 nach dem Lehrplan 21 unterrichtet. Was anderen Gegenden noch bevorsteht, ist in Basel bereits Realität. Dazu ein Gespräch mit zwei Schulleiterinnen. Von Peter Uhr.

Im Mai 2016, als dieses Gespräch stattfindet, liegt der Einführungszeitpunkt des neuen deutschschweizerischen Lehrplans noch kein Dreivierteljahr zurück. Zu früh also, um praxis­gespiesene Antworten auf die vielen Fragen des Besuchers zu erwarten, auf die erste Frage etwa nach der Pionierrolle des Kantons: Warum habt ihr mit der Einführung bereits im letzten Jahr begonnen?

Astrid Wüthrich

Astrid Wüthrich

Ana Gabriela Mathys

Ana Gabriela Mathys

Drei miteinander verknüpfte Faktoren haben dafür gesprochen: Man wollte ein neues Integrationskonzept, eine neue Schullaufbahnverordnung und den Lehrplan 21 nicht gestaffelt einführen, sondern so, dass die Neuerungen in einer grossen gemeinsamen Anstrengung in die Schulwirklichkeit überführt werden können. Beide Gesprächspartnerinnen begrüssen dieses Vorgehen. Die Behörden sind sich der Komplexität bewusst und lassen den Schulen Zeit und Freiraum bei der Interpretation und Umsetzung der Vorgaben. Zudem unterstützen sie die Lehrpersonen – zum Beispiel mit massgeschneiderten Weiterbildungsofferten – nach Kräften.

Wo ein gewisses Spannungsfeld bestünde, sei in der nicht ganz passgenauen Übereinstimmung zwischen der Schullaufbahnverordnung (SLV) und der Philosophie des neuen Lehrplans (LP21). Die SLV atme inhaltlich noch nicht ganz die Idee des LP21, sondern sehe jährliche Lernberichte oder Noten vor, gebe der Kompetenzentwicklung aber noch nicht die Zeitspanne von 4 beziehungsweise 3 Jahren, wie sie die Zyklen des LP21 vorsehen. Dies gelte aber primär für die summativen Evaluationen, im Bereich der formativen sei man natürlich wesentlich weniger gebunden. 

Spannungsfeld, aber nicht Zerreissprobe

Sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch deren Eltern nehmen dieses Spannungsfeld wahr und thematisieren es gelegentlich. Indem man um Vorschussvertrauen für die Fachleute, also die Lehrpersonen, bitte und sich mit einem Quäntchen Gelassenheit an die Umsetzung mache, die halt Zeit brauche, schaffe man einen Raum, in dem die noch junge Pflanze «neue Beurteilung» in Ruhe wachsen könne.

Sowohl Ana Gabriela Mathys als auch Astrid Wüthrich stellen sich mit ihren Lehrpersonen-Teams dieser Herausforderung, den etlichen, natürlicherweise noch offenen Fragen und den Chancen, die sich aus einer intensiveren Auseinandersetzung mit Lehrplan-, Umsetzungs- und Beurteilungsthemen ergeben.

Dazu ein Beispiel. Wenn Ana Gabriela Mathys früher ihren Unterricht vorbereitete, stellte sie sich unter anderem folgende Fragen: Was müssen die Schülerinnen und Schüler über ein Thema wissen? Welche wichtigen Aspekte möchte ich berücksichtigen? Welche Aktivitäten möchte ich mit den Lernenden durchführen? Wie kann ich meinen Unterricht bereichern? Was möchte ich am Schluss abfragen? Selbstkritisch merkt Ana Gabriela Mathys an, dass sie sich, ihre Rolle und Aufgabe im Zentrum gesehen habe. Heute – vor dem Hintergrund des neuen Lehrplans – sähen die Fragen anders aus: Was wissen und können meine Schülerinnen und Schüler schon? Wie können sie das mitteilen? Welche Aktivitäten können ihren Zugang zum Wissen anregen? Wie können sie sich selbstständig Wissen aneignen und das Gelernte zeigen? Wie kann ein Kind merken, dass und was es gelernt hat? Auf Seiten der Lehrperson – so Ana Gabriela Mathys – verlange das Arbeiten an Kompetenzen vernetztes Denken und Reflektieren. Vermehrt stelle man sich Fragen wie die folgenden: Wie war die Situation vor der Lektion? Was unternehme ich danach, um die Entwicklung weiter zu fördern?

Auf Seiten der Lehrperson verlange das Arbeiten an Kompetenzen vernetztes Denken und Reflektieren.

Kompetenzorientierung begünstigt Zielorientierung

Ja, meint Frau Wüthrich: Früher war uns das Thema, der Inhalt einer Unterrichtseinheit wichtig. Heute fragen wir uns vermehrt: Wozu? Wohin? Welches ist das eigentliche Ziel? Die Kompetenzorientierung des Lehrplans führt nahezu zwingend zu solchen Fragen. An welcher Kompetenz wollen wir arbeiten? Was ist dabei wichtig? Was bietet das Lehrmittel, um am gewählten Kompetenzziel zu arbeiten?

Auf die Frage, ob die nach Komplexitätsgraden abgestuften Kompetenzbeschreibungen des LP21 als hilfreich beim Planen, Unterrichten, Beobachten und Beurteilen erlebt würden, antworten beide Gesprächspartnerinnen mit einem entschiedenen Ja. Ana Gabriela Mathys ergänzt, dass die Formulierungen gerade im Hinblick auf die Frage «Was können die Schülerinnen und Schüler schon?» sehr nützlich seien. Allerdings – das erleben die meisten Lehrpersonen im Kanton so – bewirke dieses höhere Bewusstsein darüber, was man weshalb wie tun wolle, einen höheren Vorbereitungsaufwand. 

Der LP21 macht keine Vorgaben im Be­reich der Beurteilung; das ist weiterhin Kantonssache. Umso mehr müssen sich die Verantwort­lichen vor Ort im Interesse von Chancengerechtigkeit und Transparenz darüber einigen, wie sie in diesem Bereich agieren. Das erfordert fast zwingend eine intensivere Zu­sam­menarbeit unter den Lehrpersonen und Stufen, meinen die beiden Schulleiterinnen. Allerdings solle nicht verschwiegen werden, dass die teils kleinen Unterrichtspensen eines Teils der Lehrpersonen gemeinsame Schul- und Unterrichtsentwicklungsarbeit nicht erleichtern würden. Dass eine Lehrperson nur ein Fach, dieses aber in mehreren Klassen unterrichte, sei auf Dauer nicht optimal. Tenden­ziell wäre es darum sinnvoll, dass die Schulen eher wieder zu höheren Anstellungspensen tendierten. 

Mehr Zusammenarbeit – homogenere Schulkultur

Im Schulhaus Isaak Iselin von Ana Gabriela Mathys ist genau das der Fall. Bis anhin habe man auf den drei Stufen Kindergarten, Unter- und Mittelstufe zuweilen durchaus auch drei Kulturen beobachten können. Im Kindergarten und in der früheren Primarstufe (1.‒4. Klasse) wurde – da dort quasi Generalistinnen am Werk waren – schon traditionell kompetenzorientiert und interdisziplinär gearbeitet. Je höher die Stufe, desto seltener seien jedoch diese Unterrichtsformen zu beobachten. Ein besonderes Augenmerk richten beide Schulleiterinnen auf den Übergang von der 3. zur 4. Klasse, denn nicht am Ende des LP21-Zyklus 1, also Ende der 2. Klasse wechseln die Lehrpersonen, sondern weiterhin nach dem ersten Schuljahr des zweiten Zyklus. Insbesondere da zeige sich, ob eine Schule zu einer homogenen Schul- und Beurteilungskultur gefunden habe. Das sei die Schule den Kindern und ihren Eltern schlicht schuldig. Daraus ergäben sich nun anregende Diskussionen und wechselseitige Lernprozesse, die nach einer gewissen Anlaufzeit dann auch von allen Beteiligten als bereichernd empfunden würden.

In einem der Schulhäuser von Astrid Wüthrich sei – zusätzlich zu den drei erwähnten Neuerungen – noch eine weitere Veränderung in Planung. Im Schulhaus Schoren wolle man nämlich altersdurchmischtes Lernen (adL) einführen. Für die Lehrpersonen, die diesen Schritt tun wollen, spreche gerade die Ausrichtung des LP21 dafür. Er ermögliche stärker zielorientiertes Arbeiten, was sich gerade in der Beurteilung und der Selbstreflexion sehr schön zeige. Mit altersdurchmischten Klassen hoffe man, die LP21-Philosophie noch besser umsetzen zu können.

Schule als lernende Organisation

Und wie halten sie es mit der Beurteilung der überfachlichen Kompetenzen? Laut Ana Gabriela Mathys ist das für die Primarschulen kein Novum. Bereits bisher seien zum Beispiel das Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten beurteilt worden. Frau Wüthrich ergänzt, dass viele Lehrpersonen dies unter anderem darum geschätzt haben, weil man einem Kind, das vielleicht nicht durch Leistungen in den Fächern glänzen konnte, wenigstens in diesem Bereich lobenswertes Lernverhalten habe attestieren können.

Gegen Ende des Gesprächs verdichtet sich der Eindruck, der Lehrplan 21 könne doch eine Art Aufbruchstimmung erzeugen, indem er sich auswirkt auf die schulinterne Zusammenarbeit, auf die Beurteilungskultur und auf neue Überlegungen, wie Schule auch noch gedacht werden könnte. Täuscht das? Nein, finden beide Schulleiterinnen. Genau das sei die Chance. Und wenn sich eine Schule als lernende Organisation verstehe, passe das doch sehr gut zu ihrem Auftrag, das lebenslange Lernen zu fördern. 

Der Kanton Basel-Stadt hat aus vielfältigen, nachvollziehbaren Gründen einen schnellen Einstieg in die Arbeit nach neuem Lehrplan gewählt. Die Departementsleitung nimmt dabei in Kauf, dass nicht alles bereits im ersten oder zweiten Jahr der Lehrplaneinführung perfekt funktioniert.

Er lässt und gibt den Schulen Zeit, die verschiedenen Neuerungen wie Lehrplan, Schulorganisation, Beurteilung allmählich umzusetzen und zu vertiefen. Die beiden Gesprächspartnerinnen waren darum nicht in der Lage, alle beurteilungsspezifischen Fragen des Redaktors abschliessend zu beantworten. Das Thema «Beurteilung» wird in den Schulhäusern übrigens 2017 ein Diskussions- und Fortbildungsschwerpunkt sein. Es ist anzunehmen und zu hoffen, dass die nun anstehenden Reformen auch in anderen Kantonen ebenso pragmatisch, sorgfältig und geduldig an die Hand genommen und allmählich integriert werden.    

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