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Bilder als Teil einer Reflexionskultur

Die Kommunikation mit Bildern und über Bilder ermöglicht Kindern einen emotionalen Brückenschlag zwischen Aussen- und Innenwelt. Von Karolin Weber.

Karolin Weber

Karolin Weber

Ich lag als Kind auf dem Rücken und schaute zur Decke. Der Gedanke, der mich umtrieb, der sich in Spiralen durch mein Hirn schlängelte und sich in einer Endlosschlaufe ständig neu erfand, war folgender: Ob eigentlich alle Menschen so viel denken wie ich, und ob sie darüber nachdächten, dass sie denken, und darüber, ob auch die anderen denken, dass sie denken. Irgendwie faszinierte mich die Vermutung, meine Gedanken könnten etwas ganz Eigenes und Einzigartiges sein. Und zugleich fühlte ich mich mit diesen Überlegungen auch sehr allein. 

Was diese Gedanken mit dem eigenen Lernen zu tun haben, welche Bedeutung sie für die Selbststeuerung, aber auch für kooperatives Denken und Lernen haben, lernte ich erst viel später und auf Umwegen.

Heute sind Reflexions- und Lernfähigkeit als zentrale, überfachliche Kompetenzen im Lehrplan 21 verankert und werden somit zum expliziten Auftrag an den Unterricht. 

Wie beginnen mit der Reflexion?

Das Nachdenken über das eigene Denken und Lernen erfordert eine entwickelte Selbstwahrnehmung. Junge Kinder brauchen dazu eine Bestätigung, dass das, was sie fühlen, wirklich und wichtig ist. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Innenleben muss die Kinder dazu anleiten, unangenehme und angenehme Emotionen bewusst zu erkennen. 

An dieser Stelle setzt die Arbeit mit den Denkbildern ein

Die Kommunikation mit Bildern und über Bilder ermöglicht jungen Kindern einen emotionalen Brückenschlag zwischen Aussen- und Innenwelt sowie eine Erinnerungshilfe beim Aufbau von neuem Wissen. Zentrale Begriffe und Formulierungen werden mit den Denkbildern visualisiert und baukastenartig – je nach Entwicklungsstand und Situa­tion – eingeführt. Die Zusammenstellung der 16 Bildtafeln basiert auf einer Auswahl wesentlicher Aspekte des Denkens und Lernens. Die Kinder erhalten mit diesen Bildern ein Instrument, um Gefühle und Situationen rund um ihr Lernen wahrzunehmen und zu beschreiben. Der Prozess des Lernens wird damit zu einem Gegenstand der gemeinsamen Kommunikation, er wird real und schliesslich steuer- und beeinflussbar. 

Die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden erfolgt in unterschiedlichen Formen. So sind mithilfe der Bildkarten Gespräche in der Gruppe ebenso möglich wie Einzelgespräche. Da die Denkbilder in unterschiedlichen Formaten auch als digitale Vorlagen zur Verfügung stehen, kann die Anwendung im Unterricht angepasst und variiert werden. 

Junge Kinder brauchen eine Bestätigung, dass das, was sie fühlen, wirklich und wichtig ist.

Denkbilder helfen beim Denken und beim Unterrichten

Mithilfe der Denkbilder lernen die Kinder ihr Lernen als eine Aktivität kennen, über die sie berichten können. Damit wird ein Prozess in Gang gesetzt, der vor allem in den frühen Bildungsjahren ein Echo durch die Lehrperson finden muss. Die Denkbilder sind so konzipiert, dass die Aussagen der Kinder für das Lern­coaching und die weitere Planung des Unterrichts handlungsleitend sein können. 

«Hurra, geschafft!» Die Kinder lesen und verstehen dieses Bild intuitiv und vergleichen die Situation mit eigenen Erlebnissen. «Das war sicher anstrengend für Kulla, den Berg hinaufzuklettern! Aber jetzt ist sie oben. Sie ist sicher froh und auch ein bisschen stolz!» Das Bild bündelt wesentliche Lernerfahrungen und verbindet diese mit der Anforderungssituation und den eigenen Emotionen, die sich bei der Arbeit eingestellt haben. Wenn einem Kind bewusst wird, dass es aus eigener Kraft eine schwierige Aufgabe gelöst, sich mit Hindernissen auseinandergesetzt und nicht aufgegeben hat, dann wird es das Bild «Hurra, geschafft» mit Stolz auswählen und über seine Lernerlebnisse berichten. In Bezug auf seine Selbststeuerung macht es damit wesentliche Erfahrungen. Es wird in Zukunft eher bereit sein, eine Aufgabe anzugehen und auch bei Schwierigkeiten dranzubleiben, da es über konkrete positive Erfahrungen verfügt. In der Lernbegleitung ist es folglich wichtig, solche Hurra-Situationen der Kinder zu kennen, um sie auf dem Weg den Berg hinauf bestärken zu können. 

Strategien kennenlernen und selbstständig werden

Üben! Üben? Wie viele Schülerinnen und Schüler einer Klasse üben selbstständig und erfolgreich? Ob sie über das Bewusstsein verfügen, dass sie mit Üben ihre Fertigkeiten und Kenntnisse aktiv beeinflussen können, hängt zu einem Teil vom Alter respektive von ihrem Entwicklungsstand ab. Jüngere Kinder erkennen diesen Zusammenhang noch nicht, sie haben diffuse Vorstellungen, wie sie zu Wissen und Können gelangen. Doch auch für sie gibt es Bereiche, in denen sie eigene Erfahrungen mit dem Begriff «Üben» in Zusammenhang bringen können, wenn man genau nachfragt. Meist sind dies Lern- und Übungserfahrungen aus dem motorisch-sportlichen Bereich. «Wie hast du das Fahren mit dem Fahrrad gelernt?», «Immer wieder probiert!». Das Bewusstsein für die Wirkung des Übens muss aufgebaut werden. Und da Üben ein meist langwieriger Prozess ist, muss er immer wieder thematisiert werden. Wer etwas können will oder besser können will, braucht das Üben als Teil des Lernens. Das Denkbild «Üben üben» gehört zum zentralen Repertoire der Reflexion. Das Bewusstsein, geübt und sich auf diesem Weg Neues gesichert zu haben, wird dadurch verstärkt. Würde man an Stelle des Denkbildes nur mit lachenden und schmollenden Gesichtern arbeiten, kämen solch differenzierte Aussagen zum eigenen Lernen nicht zum Vorschein. 

Die Denkbilder zur subjektiven Beurteilung von Aufgaben unterstützen die Kommunikation von Lehrenden und Lernenden.

Bubieifach?

Wie schätzen Schülerinnen und Schüler die ihnen gestellte Aufgabe ein? Gerade im stark individualisierenden Unterricht ist es oft schwierig, die Aufgabenstellung den Voraussetzungen anzupassen. Die Denkbild-Rückmeldung der Lernenden unterstützt die Lehrperson darin, eine lernförderliche Passung zu erreichen. Durch die Äusserungen der Kinder zu einer Aufgabe werden jedoch auch weitere Erkenntnisse bezüglich ihres Lernens und Arbeitens möglich. So kann das Denkbild «zu einfach» darauf hinweisen, dass die Aufgabe nicht richtig verstanden wurde. Kann das Kind die komplexe Aufgabe nicht erfassen, weil es nicht über entsprechendes Grundlagenwissen verfügt? Liegt ein Missverständnis zum Vorgehen vor? Ist die geforderte Tiefe der Bearbeitung nicht richtig erfasst worden? Die Denkbilder zur subjektiven Beurteilung von Aufgaben unterstützen die Kommunikation von Lehrenden und Lernenden. 

Reflektieren gewinnt zunehmend an Bedeutung

Reflexion muss ein Teil des Lernens sein, der im Vorschulalter eingeführt und bis zum Ende der Primarschulzeit ausgebaut wird. Formen und Häufigkeit der Reflexionsanlässe wandeln sich. Die reflexiven Überlegungen werden mit der Zeit vor allem von stärkeren Schülerinnen und Schülern in verinnerlichter Form angewendet und benötigen kaum mehr die Unterstützung und Aufforderung über Bildmaterial und ritualisierte Abläufe. 

Eine Reflexionskultur aufzubauen gelingt dann, wenn ein ganzes Schulteam von deren Bedeutung überzeugt ist und sich vom Kindergarten bis zur Mittelstufe für eine Methode entscheiden kann. Jede Stufe wird Schritte zum Aufbau dieser Kompetenzen beitragen und Nutzen daraus ziehen können.

Wenn ich heute denkend an die Decke schaue, so weiss ich, dass mein Denken etwas absolut Individuelles ist, gleichzeitig ist mir auch bewusst, dass ich mein Nachdenken über das Denken mit anderen teilen kann.

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