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Gemeinsam vorwärts schauen

Für Peter Stämpfli, Vater von drei erwachsenen Kindern, gehört Offenheit zu einem guten Beurteilungsgespräch.
Und die gemeinsame Ausrichtung auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes. Interview von Therese Gossmann.

Sie haben als Vater von drei Kindern einige Beurteilungsgespräche erlebt. Was sollte in einem Elterngespräch zur Sprache kommen?

Peter Stämpfli

Peter Stämpfli

Als Vater erwarte ich zu wissen, wo das Kind in der schulischen Entwicklung steht. Und zwar nicht nur bezüglich der Lerninhalte, sondern auch bezüglich des Mitmachens und des Engagements. Das ist ja auch ein Teil der Beurteilung. Ich erwarte also Antworten auf die Fragen: Wo steht mein Kind, und wie entwickelt es sich auf diesem Weg? Dann sollte die Frage nach dem Potenzial besprochen werden: Wie viel steckt in einem Kind? Liegt noch mehr drin oder vielleicht halt auch nicht? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Note oder das Kreuzchen, das man setzt? Daraus ergeben sich Fragen, die auf jeden Fall erörtert werden sollten: Welche Möglichkeiten hat man, das Kind dort abzuholen, wo es gerade steht? Wie sieht die Zukunft aus? Wohin geht der Weg? 

Sie erwarten also nicht nur den Rückblick, sondern auch den vorwärtsgerichteten Blick auf das Potenzial eines Kindes?

Der Blick rückwärts dünkt mich nur insofern interessant, als man damit illustrieren kann, was man meint. Dass man die Aussage: «Dieser Knabe könnte mehr, er versteckt sich irgendwie» an einem Beispiel zeigen könnte. Aber grundsätzlich gilt für mich: Was vorbei ist, ist vorbei, das Vorwärtsgerichtete ist wichtig. Deshalb sollte auch das Zusammenspiel zwischen Lehrpersonen und Eltern zur Sprache kommen. Ich möchte wissen, was ich als Vater zur schulischen Entwicklung meines Kindes beitragen kann. Das könnte auch heissen, dass ich mich möglichst raushalte.

Sie plädieren dafür, dass der Fokus auf die Entwicklung des Kindes gelegt wird. Gibt es für Sie noch andere Aspekte, die zur Qualität eines Elterngesprächs gehören?

Ein mir wichtiger Aspekt ist die Offenheit: Es muss auf den Tisch kommen, was Sache ist – im Guten, im weniger Guten, im Schwierigen. Von Seiten der Lehrpersonen sollten die wesentlichen Beobachtungen wirklich dargelegt werden. Vielleicht sind diese auch mal negativ, aber wir können ja gemeinsam schauen, dass es vorwärtsgeht und dass man daraus lernen kann. Dass das Lernen aus Schwierigkeiten auch Stärke bedeuten kann, ist für das Kind eine wichtige Erfahrung. Als Vater möchte ich nicht aus dem Gespräch weggehen und denken: Irgendetwas geht nicht auf, irgendetwas wurde nicht ausgesprochen. Man muss ja nichts schönreden oder Pseudo-Hoffnungen wecken, wenn man gar nicht weiss, ob sie erfüllbar sind. Wenn falsche Hoffnungen geweckt werden, kann man nicht vorwärtsgehen und erlebt nur Enttäuschungen. Wir können aber gemeinsam auf Bereiche fokussieren, in denen noch Potenzial vorhanden ist. Das Gespräch muss den Sinn haben: Wie kommen wir alle zusammen weiter zugunsten dieses Kindes, seiner Entwicklung?

Wollten Sie, dass Ihre Tochter, Ihr Sohn am Gespräch teilnimmt? 

Auf jeden Fall! Die Kinder sollten vom Kindergarten an dabei sein, sie gehören dazu, es geht ja um sie. Wir finden es als Eltern mühsam und nicht produktiv, wenn wir den Kindern nach dem Gespräch zuhause unsere Version erzählen müssen. Da interpretieren wir ja immer. Wenn alle Betroffenen an einem Tisch sitzen, kann man die Punkte gemeinsam angehen, und wenn es schwieriger wird sowieso. Für das Kind ist die Teilnahme sehr wichtig, denn es lernt, wie es etwas sagen kann. Und es bekommt mit, wie ein solches Gespräch überhaupt abläuft. Das erfährt es ja dann noch sehr oft im Leben, immer wieder.

Erwarteten Sie, dass alle Lehrpersonen, die Ihr Kind unterrichteten, teilnehmen?

Das wäre für die Schule zu aufwendig und ist aus meiner Sicht auch nicht nötig. Ich erwarte, dass die Lehrpersonen teilnehmen, die für die Besprechungspunkte relevant sind. Auch darum gehört es dazu, dass man als Eltern zum Voraus Themen angeben kann, die es zu besprechen gilt. 

Es sollte also nicht nur eine Einladung zum Gespräch geben, sondern auch eine Möglichkeit, dass Eltern bei der Anmeldung Gesprächspunkte angeben können?

Ja, ich fände es wichtig, dass man die Gesprächspunkte im Voraus nennen kann. Für uns als Eltern war es immer klar, dass wir unsere Anliegen anmelden beziehungsweise einbringen konnten. Dass wir uns zum Beispiel überlegen konnten, welche unserer Beobachtungen die Lehrpersonen wissen müssten. Fatal finde ich, wenn es einfach nur darum geht, den Bericht anzuschauen. Das kann ich zuhause auch, dazu brauche ich kein Gespräch. Dieses muss grundsätzlich weiterführend sein und poten­­-zialbezogen. Das Gespräch muss für alle Beteiligten quasi abchecken, was wessen Aufgabe ist. Alle sollten ihren Part haben, auch das Kind. 

Gibt es schwierige Aspekte eines Elterngesprächs?

Wenn die Lehrpersonen selbst nicht wirklich wissen, was sie zu meinem Kind sagen sollen. Ganz schwierig wird es dann, wenn ich als Vater das Gefühl habe, die Lehrperson wisse selbst nicht so genau, wie es zu dieser Bewertung gekommen ist. Unbefriedigend ist es auch, wenn die Lehrperson nicht auf die Anliegen der Eltern beziehungsweise des Kindes eingeht. Zum Glück waren solche Erlebnisse die Ausnahme und keine Grunderfahrungen, die wir in der Schulzeit mit unseren drei Kindern hatten. 

Ich möchte wissen, was ich als Vater zur schulischen Entwicklung meines Kindes beitragen kann.

Machten Sie mit Ihrem Kind eine Art Nachbereitung des Gesprächs?

Ja, wir schauen nochmals zurück und fragen das Kind: Wie war das für dich? Hattest du das Gefühl, dass das, was gesagt wurde, stimmte? Einmal nannte das Kind einen Punkt, der nicht besprochen wurde. Da mussten wir fragen: Warum hast du nichts gesagt? Wenn wir also zuhause nochmals zurückschauen, ist das auch ein Lernprozess für das Kind. Es lernt daraus, dass es seine Anliegen in einem Gespräch nennen muss und auch, wie es sie einbringen kann.

Was ist förderlich für ein gutes Beurteilungsgespräch?

Wenn sich alle – die Lehrpersonen, die Eltern und das Kind – auf das Gespräch vorbereiten. Indem sie sich zum Beispiel ihre Beobachtungen und Anliegen vorher zurechtlegen. Förderlich ist auch, wenn die Probleme offengelegt werden und sich im Gespräch alle für nächste mögliche Schritte engagieren.

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