farbwelt

mein & aber

«Vier ein halb», sagte der Doktor …

Werner Jundt

Werner Jundt

 … und als ich fragend die Stirn runzelte, präzisierte er: «4 Komma 38.» – Vorher hatte er mich abgeklopft, abgehorcht, abgetastet; hatte in Ohren, Mund und Augen geleuchtet, die Reflexe geprüft und eben alles durchexerziert, was so zu einem Gesundheitscheck gehört; natürlich auch die Laborwerte mitberücksichtigt – aber da stehen ja so viele Zahlen, das wird sich auf alle Fälle irgendwie mitteln – macht im Schnitt dann eben 4,38 – damit kann ich leben. 

«Totaler Blödsinn!» sagen Sie mit Recht und schütteln den Kopf ob so viel Dummheit. So geht das nie und nimmer. Jedenfalls nicht beim Arzt. – In der Schule schon. Da wird munter verrech­net und verwurstelt, was nicht zusammengehört: Leseverstehen mit Rechtschreibung, Kopfrechnen mit geometrischen Konstruktionen und ab Blatt Singen mit Musiktheorie. Wie käme man denn sonst zu Noten?

Es soll ja Schulen geben, die sind richtige Tempel für Durchschnittsfetischisten. Die sähen ihre Schule am liebsten an der Mittelwertstrasse 37,29 (der durchschnittlichen Hausnummer aller Schweizer Schulhäuser). Was die an Informationsvernichtung leisten! Und dann gelingt es ihnen erst noch, Lehrmeistern den jämmerlichen Auswurf ihres Datenfleischwolfs als wertvolle Unterlagen anzudrehen – nicht zu fassen!

Es soll ja Schulen geben, die sind richtige Tempel für Durchschnittsfetischisten.

Noch schlimmer: Es gibt auch Eltern, denen das gefällt! Sagte mir neulich eine Nachbarin nach einem Elterngespräch mit dem Lehrer ihrer Tochter: «Der hat doch eine geschlagene Viertelstunde über Problemlösekompetenz, Arbeits­disziplin, Gesprächsverhalten und solchen Quatsch geredet, bevor er zur Sache kam: 4,38 – da weiss ich, woran ich bin mit meiner Babette. Klar: Es gibt Lehrer, die rechnen einem das auf Tausendstel aus. Aber man darf auch nicht zu viel verlangen. Ist ja sonst ein guter Lehrer.»

Kevin – das ist der Bruder der Babette – steht kurz vor der Matur. Mit 4,38 wäre der im siebten Himmel. Aktuell serbelt er bei 3,87 herum; und auch das nur, weil er die Eineinhalb in Math mit genügenden Sprachnoten geschickt kom­pensieren kann. Nach der Matur will Kevin Arzt werden oder an die PH. Wird schon klappen. Durchschnitte berechnen kann er ja.