farbwelt

Minnie Mouse und Che Guevara

Therese Grossmann

Die kleine Erna liebt ihr Minnie Mouse-Shirt über alles. Sie trägt es am Geburtstagsfest ihrer Patin und freut sich, wenn sie von den einzelnen Gästen mit «Hallo Erna, oh, das ist ja Minnie Mouse!» begrüsst wird. Alle kennen Minnie Mouse und ihre Geschichten, davon lebt auch das Merchandising – findet sich doch Minnie Mouse auf Rucksäcken, Etuis, Badetüchern, ja sogar auf Slips. Mitzuteilen, dass man Minnie Mouse und ihre Erlebnisse kennt, macht offensichtlich Spass: Man gehört dazu. Auch Ernas älterer Cousin Tim trägt heute ein bedrucktes T-Shirt, es ist ein Sujet aus «Star Wars». «Diese Filme muss man einfach gesehen haben», erklärt Tim gerade, «meine Freunde und ich kennen alle Folgen, und wir schauen sie uns immer wieder an.»

Nicht nur Peergroups mögen es, die gleichen Comics oder die gleichen Helden aus Filmen und Games zu kennen. Vielleicht geht es in einer Gruppe darum, die gleiche Musik zu kennen, in einer andern die gleichen Bücher. Gleiche Inhalte bzw. gleiches Wissen zu teilen, verbindet, es entsteht Gemeinschaft – der Soziologe Jürgen Habermas braucht dafür den Begriff «soziale Binde­kraft».

Erna hat sich bis zum Geburtstagskuchen durchgeschlängelt, den ihre Patin gerade schneidet. «Wer ist das?», fragt Erna und zeigt auf die Schürze. «Das ist Che Guevara, in der Schule hörst du dann sicher noch von ihm.» Da stellt sich die Frage: Wer schafft es auf T-Shirts und Schürzen, wer in die Lehrpläne?

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