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Freie Wahl oder Obligatorium?

Die Vermittlung von Bildungsinhalten im Unterricht wird durch Lehrpläne und Lehrmittel geregelt. Den Lehrpersonen bleibt aber Spielraum in der Gestaltung ihres Unterrichts. Ein Gespräch mit Beat Mayer,Autor des ilz.fokus «Lehrmittel - zwischen freier Wahl und Obli­gatorium». Von Therese Gossmann.

In Ihrem Beitrag im ilz.fokus beschreiben Sie den Zusammenhang zwischen Lehrplänen und Lehrmitteln. Welches ist die zusätzliche Leistung von Lehrmitteln bezüglich der Umsetzung von Lehrplänen?

Beat Mayer Lehrplan und Lehrmittel haben bezüglich der Bildungsinhalte zwar eine ähnliche Funktion, sie spielen im Einzelnen aber eine andere Rolle. Der Lehrplan stellt eine allgemeine Grundlage für den Unterricht dar, indem er unter anderem die Fächer und Stundendotationen festlegt, die Ziele und Bildungsinhalte – im Lehrplan 21 in Form von Kompetenzumschreibungen – definiert und den Aufbau über die gesamte Volksschulzeit hinweg gewährleistet.

Die Lehrmittel konkretisieren die Vorgaben des Lehrplans und sind eine Grundlage für die Planung und Durchführung des Unterrichts. Indem Lehrmittel Arbeitsmaterialien (Texte, Darstellungen usw.) und Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler enthalten, sind sie näher bei der Unterrichtsrealität als der Lehrplan. Als Lern- und Arbeitsmittel sind sie direkt im Unterricht einsetzbar. Sie stehen den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung und entlasten die Lehrpersonen in vielerlei Hinsicht.

Die Lehrmittelpolitik legt die Wahlfreiheit für Lehrmittel fest, sie ist kantonal geregelt. Welche Formen von Lehrmittelverbindlichkeiten gibt es?

Zur kantonalen Lehrmittelpolitik gehört es in der Tat, für die einzelnen Stufen und Fächer festzulegen, welche Lehrmittel zwingend zu verwenden sind beziehungsweise wo die Schulen und die Lehrpersonen die Lehrmittel frei wählen können – entweder aus einer vorgegebenen Liste oder aus allen verfügbaren Lehrmitteln.

Die ilz hat 2016 die entsprechenden Regelungen bei allen Kantonen der Deutschschweiz erhoben und in einem ausführlichen Bericht zusammengestellt («Sprachregionale Lehrmittelkoordination im Rahmen der Interkantonalen Lehrmittelzentrale ilz»). Der Bericht zeigt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Kantonen. Über alle Kantone hinweg gibt es fünf Kategorien (mit abnehmendem Grad der Verbindlichkeit):

  • verbindlich bzw. obligatorisch
  • alternativ-verbindlich bzw. alternativ-obligatorisch
  • empfohlen
  • fakultativ, freiwillig, ergänzend, zugelassen
  • freie Wahl
Den Lehrpersonen bleiben auch in Fächern mit definierten Obligatorien erhebliche Freiräume bei der Umsetzung des Lehrplans.

In der Regel braucht ein Kanton drei dieser fünf Kategorien. Der Grad der Verbindlichkeit unterscheidet sich je nach Schulstufe und Fach. So gibt es im Kindergarten und in den unteren Schuljahren weniger Verbindlichkeit als auf der Sekundarstufe I. Bei den Fächern ist die Verbindlichkeit in Mathematik, in den Fremdsprachen und in den meisten Kantonen auch in Deutsch am höchsten. In den übrigen Fächern gibt es deutlich weniger oder keine Obligatorien. Auffallend sind auch hier die zum Teil erheblichen Unterschiede zwischen den Kantonen.

Wie werden Lehrmittel-Obligatorien begründet?

Die für die Volksschule verantwortlichen Behörden haben eine Reihe von Gründen, warum sie die freie Wahl der Lehrmittel einschränken und in einzelnen Fächern gar Obligatorien festlegen. Zum einen ist es der Lehrplan selbst: Nicht alle Lehrmittel passen gleichermassen gut zur Ausrichtung und zum Aufbau des betreffenden Fachlehrplans. Manchmal sind nur ein oder zwei Lehrmittel für die Umsetzung des Lehrplans geeignet; das führt dann zur Festlegung eines Obligatoriums oder eines Alternativ-Obligatoriums.

Häufig führen jedoch Koordinationsgründe zu Lehrmittelobligatorien. Dazu gehören Übertrit­te von der Primarstufe in die Sekundarstufe  I wie auch Übertritte von der Volksschule in weiterführende Schulen der Sekundarstufe II. Vor allem in den Fremdsprachen ist es für die abnehmenden Schulen von Vorteil, wenn alle Schülerinnen und Schüler vorher mit dem gleichen Lehrmittel gearbeitet haben. Auch die fachdidaktische Weiterbildung, die Entwicklung von Unterlagen für die Beurteilung, die Erstellung von Planungshilfen und so weiter werden erleichtert, wenn diese nur für ein einziges Lehrmittel bereitgestellt werden müssen. Dies hilft auch, die Kosten tief zu halten.

Im ilz.fokus erörtern Sie den Spielraum von Lehrerinnen und Lehrern in der Umsetzung des Lehrplans. Was bleibt an Spielraum, wenn mit einem obligatorischen Lehrmittel unterrichtet wird?

Abgesehen davon, dass die Schulen in den Fächern, in denen keine Obligatorien festgelegt sind, grosse Entscheidungsspielräume haben, bleiben den Lehrpersonen auch in Fächern mit definierten Obligatorien erhebliche Freiräume bei der Umsetzung des Lehrplans mit dem betreffenden Lehrmittel. Bei jedem Lehrmittel legt die Lehrperson die Auswahl und die Bearbeitung von Texten und Aufgaben fest, zieht andere Materialien bei, entscheidet über die Gewichtung und die zeitliche Abfolge einzelner Abschnitte usw. Dies ist auch notwendig, damit sie den vielfältigen Ansprüchen der Schulrealität gerecht wird.

Im Lehrplan 21 sind die Bildungsinhalte in Form von Kompetenzen ausführlich beschrieben. Aktuelle Lehrmittel orientieren sich an diesen Beschreibungen. Könnte das einen Einfluss auf die Regelung der Wahlfreiheit haben?

Wieweit sich der Lehrplan 21 mit der Kompetenzorientierung auf die Regelung der Wahl­freiheit in den einzelnen Kantonen auswirken wird, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt schwer abschätzen. Es ist durchaus denkbar, dass die Koordinationswirkung des Lehrplans 21 sich auf die Lehrmittel überträgt: «Wenn wir schon einen einheitlichen Lehrplan haben, warum braucht es dann noch unterschiedliche Lehrmittel?» Umgekehrt könnte argumentiert werden: Der gemeinsame Lehrplan hat durch seine konkreten Formulierungen genügend Koordinationseffekt; deshalb kann den Schulen bei den Lehrmitteln weiterhin ein grosser Spielraum gewährt werden.

Persönlich bin ich der Meinung, dass es sinnvoll ist, wenn in jedem Fach in der Deutschschweiz mindestens zwei bis drei Lehrmittel existieren, die auf den Lehrplan 21 ausgerichtet sind. Der Lehrplan 21 ist nicht in Stein gemeisselt – er wird nach einiger Zeit wieder verändert werden. Deshalb ist es notwendig, dass auch bei den Lehrmitteln Weiterentwicklungen stattfinden können, die die fachlichen, fachdidaktischen, pädagogischen und bildungspolitischen Diskussionen aufnehmen und umsetzen. In diesem Sinne ist auch eine Konkurrenz zwischen den Lehrmittelverlagen wie auch zwischen Autorinnen und Autoren sinnvoll.

ilz.fokus Nr. 4 «Lehrmittel - zwischen freier Wahl und Obligatorium», herausgegeben von der Interkantonalen Lehrmittelzentrale ilz, Rapperswil 2016

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