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Töchter und Gold und Pech

Archetypische Inhalte, wie sie Märchen thematisieren, können Schülerinnen und Schüler auch heute noch faszinieren. Allerdings bedarf es dafür eines neuen, kreativen Zugangs zu dieser Welt. Ein Besuch in einer Mittelstufenklasse. Von Hansruedi Hediger.

Märchen gehören zu unserer Kultur und erscheinen deshalb in unseren Lehrplänen – sie gehören sozusagen zur Allgemeinbildung. Auch im Lehrplan 21 finden wir entsprechende Kompetenzformulierungen:

«Schülerinnen und Schüler kennen einzelne typische inhaltliche, formale oder sprachliche Merkmale von Erzähltexten (z. B. Märchen, lyrische Texte …).»

Sibylle Berger erprobt mit ihrer Klasse die Verbindung von Märchen und Lyrik. Die wichtigsten inhaltlichen Teile eines Märchens sollen in eine lyrische Form gebracht werden.

«Schülerinnen und Schüler können aufgrund von vorgegebenen literarischen Mustertexten (z. B. Gedicht) eigene Texte schreiben und dabei einzelne Merkmale übernehmen.»

Die Schülerinnen und Schüler bringen von zuhause Märchen­bücher mit und tragen in einer ersten Lektion ihr Vorwissen über Märchen zusammen. Die Wandtafel füllt sich rasch mit Stichworten, und es fällt auf, dass auch Kinder mit fremdsprachigen Eltern über Märchen aus ihrem Kulturkreis erzählen und Bücher mitbringen können. Die Kinder – und die Lehrerin – staunen, als Donat aus seinem polnischen Buch fliessend ein Märchen vorliest.

In einer weiteren Lektion bearbeiten die Schülerinnen und Schüler in Dreier- oder Vierergruppen ein ihnen zugeteiltes Märchen mithilfe des reziproken Lesens – eines kognitiv und kommunikativ besonders aktiven Lesens.

Die selbstbewusste Anouk übernimmt spontan das Verteilen der Aufgabenkarten: «Du Ahmad, du kannst den ersten Abschnitt von Frau Holle vorlesen. Silas wird ihn dann zusammenfassen, und ich erkläre ein paar schwierige Wörter. Dann wechseln wir die Rollen.» Ahmad will aber nur einen kurzen Teil vorlesen, da er mit der deutschen Sprache noch Mühe hat. Und Silas stösst sich schon im ersten Abschnitt am Umstand, dass das schöne, fleissige Mädchen in einen tiefen Brunnen springen muss und unverletzt bleibt. Dies löst in der Gruppe eine kurze heftige Diskussion aus.

Das reziproke Lesen zwingt die drei zu genauem und aufmerksamem Lesen und Zuhören und stellt sicher, dass alle aktiv am Prozess der Texterschliessung beteiligt sind und gemeinsam Unverstandenes benennen und klären können.

Regelmässig auf das Schuljahr verteilt, greift Sibylle Berger jeweils das Thema Gedichte auf. Dieses Mal verteilt sie den Schülerinnen und Schülern vier «Gedichtrezepte» – das heisst Anleitungen zum Verfassen eines eigenen Gedichtes. Einige Formen sind bereits bekannt, andere müssen erst gelesen und verstanden werden. Robin wählt die Form des Akrostikons: «Das ist einfach und lustig, das habe ich im letzten Schuljahr schon einmal mit meinem Namen gemacht. Ich muss ihn nur senkrecht hinsetzen und dann hinter jeden Buchstaben etwas Typisches über mich schreiben.» So einfach wird es dann doch nicht. Zwar entscheidet sich Robin nach kurzer Diskussion mit seiner Pultnachbarin für das Schlüsselwort «SPINDEL» aus dem Märchen Dornröschen, braucht aber nachher Zeit und viel Ausdauer, den Inhalt des Märchens auf wenige wichtige Worte zu reduzieren und an die Anfangsbuchstaben anzupassen. Eliane will es sich etwas einfacher machen. Für die Form des Avenida Gedichtes zum Märchen Frau Holle braucht sie lediglich vier Nomen. Die ersten drei wiederholen sich nach einem bestimmten Muster, das vierte wird an den Schluss gesetzt. Rasch ist sie mit ihrem Resultat zufrieden und wendet sich dann lieber dem Gestalten der Überschrift zu. Die Schülerinnen und Schüler haben sichtlich Spass daran, die Märchengedichte zu verfassen, und gehen mit Eifer und Ernsthaftigkeit an die Arbeit. Die kommunikativ und produktiv intensive Auseinandersetzung mit Märchen führt zu Resultaten, die auch während der anschliessenden Präsentationsrunde Freude auslösen.

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