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Fremdsprachen: Zwischen Erfahrung und Veränderung

Unterricht entsteht erst durch die handelnde Lehrperson. Von Peter Uhr.

In vielen Fächern tauschen sich die Fachleute regelmässig über die Landesgrenzen hinaus aus. Diese Kontakte können die Entwicklung eines Fachs und seiner Didaktik wechselseitig befruchten. Im Bereich Fremdsprachen wird die Entwicklung sogar institutionell koordiniert. Beispiel dafür sind der Gemeinsame Euro­päische Referenzrahmen für Sprachen (GER) und die darauf fussenden Sprachenportfolios. Diese Instrumente verwenden sogenannte Can-do-Beschreibungen und verfügen damit über eine gemeinsame Sprache für das Benennen von Kompetenzen in den vier Fertigkeiten Lesen, Hören, Sprechen und Schreiben. Die gleiche Systematik prägt nun auch den Fremdsprachenlehrplan der Passepartout-Kantone (BS, BL, SO, BE, FR und VS) und stand ebenfalls Pate beim kompetenzorientierten Lehrplan 21.

Kein Lehrmittel wird in der Praxis 1:1 Anwendung finden

Gesellschaftliche Vorstellungen und Bedürfnisse hinsichtlich der Kompetenzen, die ein Fach fördern soll, erfahren durch die Lehrpläne eine erste Konkretisierung. Lehrpläne stellen aber immer auch eine Interpretation und Auswahl übergeordneter, allenfalls vage formulierter Ansprüche an die Schule dar (siehe auch Beitrag «Freie Wahl oder Obligatorium?» auf Seite 19). Selbstverständlich könnte Unterricht direkt auf der Basis eines Lehrplans geplant und umgesetzt werden. Aber mit weniger Aufwand und grösserer Zuverlässigkeit hinsichtlich eines zweckmässigen Kompetenz­aufbaus geschieht dies mithilfe eigens dafür geschaffener Lehrmittel. Lehrmittel stellen einen weiteren Konkretisierungs-, aber auch einen weiteren Interpretationsschritt dar. Auf der Basis eines Lehrplans können darum verschiedene Lehrmittel entstehen und eingesetzt werden. Selbst dann, wenn alternative Lehrmittel zugelassen sind: Kein Lehrmittel wird in der Praxis 1:1 Anwendung finden. Lehrmittel sind Vorschläge für die Einleitung von Lernprozessen, sie bieten Anregungen für eine sinnvolle Abfolge von Aufgaben, stellen solche zumeist zur Verfügung – in manchen Fällen in verschiedenen Anspruchsgraden – Lehrmittel stellen vielfältige Übungsgelegenheiten sowie Evaluationshilfen für die Einschätzung von Schülerleistungen zur Verfügung. Aber Unterricht entsteht erst durch die Inszenierung und Begleitung durch eine Lehrperson. Der Projektleiter von Passepartout hat es einmal so formuliert: «Lehrmittel sind so etwas wie eingefrorene Nahrungsmittel. Sie müssen erst aufgetaut, allenfalls gekocht, mit anderem vermischt, eventuell nachgewürzt werden.» Und das ist die Profession der Lehrperson, die sich dem Neuen zunächst vorsichtig annähert, es vorkostet, mit ihren eigenen Erfahrungen anreichert und dann Schritt für Schritt mit ihrer Klasse zu Unterricht und Lernen reifen lässt. Also nimmt auch die Lehrperson eine Interpretation von Lehrplan und Lehrmittel vor: Sie wählt aus, gewichtet, adaptiert und fokussiert.

Beispiel «Mille feuilles» und «Clin d’œil»

Schauen wir uns das am Beispiel des Französisch-Unterrichts an: Die Lehrmittel «Mille feuilles» und «Clin d’œil» gehen von authentischer Sprache aus, wie sie im Alltag und in den Medien des fremdsprachigen Raums vorkommt. Ist diese Konzeption nun durch den Lehrplan gestützt? Im Passepartout-Lehrplan für das 5. und 6. Schuljahr steht dazu Folgendes:

Neuen Inhalten und neuem Weltwissen in der Fremdsprache begegnen.

In ganz einfachen, aber authentischen Texten (Prospekte, Inserate, Plakate) Parallel­wörter zum Deutschen, einzelne wichtige Ausdrücke und Sätze verstehen.

In kurzen Texten, in denen es um Erlebnisse oder interessante Ereignisse geht, das Wichtigste verstehen, wenn Bilder und Titel dabei helfen.

Einen sehr kurzen und einfachen Text zu einem neuen Inhalt Satz für Satz lesen und dabei das Wichtigste markieren.

Wie konsequent und ausführlich ein Lehrmittel diese Zielvorgabe berücksichtigt und umsetzt, das ist durchaus eine Frage der Gewichtung und der didaktischen Konzeption eines Autorenteams und eines Verlags.

Bei «Mille feuilles» und «Clin d’œil» stand folgende Überzeugung im Vordergrund: Die angebotenen Inhalte und das Sprachhandeln sollen bereits im schulischen Kontext als sinnvoll, also motivierend erlebt werden und nicht lediglich als Tourismus-Französisch auf eventuelle spätere Reisen vorbereiten. Das bedeutet, dass die authentische, nicht auf den Lernstand der Schülerinnen und Schüler zugeschnittene Sprache oft komplex und anspruchsvoll ist. Dies wiederum führt zu Ansprüchen an die Lehrenden, die sich in mehrfacher Hinsicht von ihren bisherigen Unterrichtserfahrungen unterscheiden. Am Beispiel von «Mille feuilles» und «Clin d’œil» sind das unter anderem folgende Festlegungen: Zum Entschlüsseln der sprachlichen Inputs werden vermehrt Lernstrategien benötigt. Diese werden schrittweise eingeführt, und die Lernenden machen von jenen Gebrauch, die ihnen individuell am meisten bringen.

Das dem Unterricht zu Grunde liegende Sprachmaterial muss nicht immer in allen Facetten analysiert und verstanden sein. Oft reicht für das Erreichen der Lernziele auch ein sogenanntes Global­verständnis aus. Der für die jeweiligen Kompetenzziele ausgewählte Wortschatz wird zumeist den sprachlichen Inputs entnommen. Es werden bei Weitem nicht alle Vokabeln und sprachlichen Strukturen für die Weiterarbeit benötigt und darum oft nicht explizit thematisiert.Dasselbe gilt für die sprachlichen Gesetzmässigkeiten, die Grammatik. Sie ist ein Hilfsmittel zum Verständnis der Bauprinzipien einer Sprache. Regelmässigkeiten werden dann thematisiert, wenn es für den aktiven Sprachgebrauch, das Bearbeiten von Aufgaben angezeigt ist.

Sanfte Unterrichtsentwicklung

Die Zielvorgaben des Lehrplans und die auf dieser Grundlage stehenden Lehrmittel streben also eine sanfte Unterrichtsentwicklung an. Von den Lehrpersonen wird erwartet, dass sie bekanntes Terrain teilweise verlassen und sich einem für sie partiell neuen und möglicherweise als riskant eingeschätzten didaktischen Konzept anvertrauen. Das bekannte Terrain bestand zumeist in einem grammatikorientierten Aufbau, der einfache Orientierung und vertraute Leitplanken versprach. Die Kenntnisse der sprachlichen Bauprinzipien, des entsprechenden Übungsangebots und des «dosiert verabreichten» Wortschatzes versprachen Sicherheit und einfache Überprüfbarkeit – meist mittels schriftlicher Tests. Man nahm in Kauf, dass die im Lehrmittel vermittelte Sprache künstlich vereinfacht war sowie erst schrittweise und über mehrere Jahre hinweg komplexer und wirklichkeitsnäher wurde. Ausserdem ging man davon aus, dass die auswendig gelernten kurzen Dialoge sich so nachhaltig einprägen würden, dass sie im Bedarfsfall bei der Bewältigung von Kommunikationssitua­tionen im Fremdsprachengebiet hilfreich, weil transferierbar sein würden.

Gelassenheit und etwas Zuversicht hingegen sind gute Begleiter

Demgegenüber gleichen die neueren Lehrpläne und Lehrmittel einem Aufbruch in noch wenig bekanntes Gelände. Zu viel Respekt vor den Herausforderungen ist dabei eher hinderlich, Gelassenheit und etwas Zuversicht hingegen sind gute Begleiter. Denn zeigt nicht die eigene persönliche Erfahrung, dass auch das Neue mit der Zeit vertraut wird? So vertraut, dass man es nach ein paar Jahren nur ungern gegen etwas noch Neueres eintauscht. So geschehen mit dem Französisch-Lehrmittel «Bonne Chance!», das vor einer Generation bei seiner Einführung auf teils erbitterten Widerstand stiess. Und heute? Viele möchten es noch lange behalten dürfen. Ausserdem: Wann hat sich tatsächlich erwiesen, dass die geschmähten Schreibtischtäter, die einen Lehrplan verfassten, wirklich so danebenlagen, wie es ihre Kritiker zunächst unterstellten? Lehrpläne werden zumeist nicht erprobt, bevor sie in die Praxis «entlassen» werden. Lehrmittel in der Regel schon. Das gilt insbesondere für die aktuell in der deutschen Schweiz verwendeten und kommenden Sprachenlehrmittel. Und: Sie sind zwar auf schweizerische Schulen ausgerichtet, aber sie greifen auf eine schon 15- bis 20-jährige europäische Erfahrung mit kompetenzorientiertem Sprachenlernen zurück. Ein Grund mehr, das oben erwähnte Vertrauen in die Methode, in sich selbst und in die Adaptionsfähigkeit der Lernenden zu «riskieren». In diesem Sinn: «Bonne Chance!»

Vom GER stufenweise zum Unterricht: Jede Stufe interpretiert und konkretisiert die vorangehende.

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