farbwelt

Lernen für eine globalisierte Welt

Japanische Schülerinnen und Schüler schneiden in internationalen Leistungstests regelmässig mit Spitzenresultaten ab. Wie kommt das? Fumiyoshi Suzuki, Schulleiter der «Japanese School in Zurich», erläutert den japanischen Lehrplan und Schulalltag. Von Verena Eidenbenz.

Der neue Lehrplan 21 in der Schweiz umfasst alle Stufen der Volksschule und ist kompetenzorientiert aufgebaut. Wie sieht der aktuelle Lehrplan in Japan aus?

Die schulische Grundbildung in Japan ist in der Bundesverfassung und im Schulbildungsgesetz verankert. Das Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie bestimmt eine Gruppe von Bildungsfachleuten, den sogenannten «Central Council for Education», die den Lehrplan ausarbeiten und alle zehn Jahre überarbeiten. Das Bildungsministerium prüft den Lehrplan und veröffentlicht ihn in Form einer Broschüre. Die Volksschule umfasst neun obligatorische Schuljahre. Der Kindergarten ist nicht obligatorisch. Der Lehrplan ist aber für alle Stufen inklusive Kindergarten und «Highschool» im ganzen Land verbindlich. Für jede Jahrgangsstufe werden Lernziele und Lerninhalte festgelegt. Der Fächerkanon ist sehr ähnlich wie im schweizerischen Lehrplan gestaltet; allerdings wird neben Japanisch nur Englisch als einzige Fremdsprache unterrichtet. An unserer Schule unterrichten wir aber auch Deutsch.

Was ist im japanischen Lehrplan inhaltlich zentral? Wie kommt das gesellschaftliche Wertesystem zur Geltung?

Vor rund 30 Jahren hatten in Japan Disziplin und konformes Verhalten oberste Priorität, und die Leistung war in allen Fächern absolut zentral. Ende der 90er-Jahre gab es intensive Diskussionen über die Ausrichtung des Bildungssystems und zur Frage, wie man den Herausforderungen einer zunehmend globalisierten Welt begegnen sollte. Anfang 2000 wurden deshalb die personalen und sozialen Kompetenzen – die im Lehrplan 21 als die überfachlichen Kompetenzen beschrieben werden – stärker gewichtet. Man räumte auch Eigenständigkeit und Kreativität mehr Platz ein. Um ein Lernen mit weniger Leistungsdruck zu ermöglichen, verringerte man die Zahl der Unterrichtsstunden. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die Leistungen in den Hauptfächern stark abnahmen. Deshalb wurde dies bei der Lehrplanüberarbeitung wieder korrigiert. Im aktuellen Lehrplan – er wurde letztmals 2008 überarbeitet – sind die sozialen Kompetenzen wichtig, ebenso der Respekt gegenüber Traditionen und Kultur. Die Bildung ist jedoch stark auf die globalisierte Welt ausgerichtet. Das Fach Englisch und der ICT-Bereich wurden gestärkt.

Wo sehen Sie Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten zwischen dem japanischen und dem schweizerischen Lehrplan?

Der Fächerkanon ist sehr ähnlich, und die Ziele sind gleichermassen auf das Wissen und Können der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. Das japanische System umfasst aber auf der Primarstufe immer zwei Klassen auf jeder Stufe (1./2., 3./4. und 5./6. Klasse), nicht wie im Lehrplan 21 die Zyklen 4 bis 8 und 9 bis 12. Unterschiede zeigen sich eher in den Rahmenbedingungen. In Japan sind die Klassen immer noch sehr gross im Unterschied zu hier. Eine Klasse kann 40 Schülerinnen und Schüler umfassen. Man versucht zwar, nicht mehr als 30 Kinder in eine Klasse einzuteilen, dies gelingt aber nicht immer. Halbklassenunterricht gibt es nicht. Die Schulen sind Tagesschulen, und die Lehrpersonen betreuen die Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag über, auch in den Pausen. Nach Schulschluss bleiben die Lehrpersonen an der Schule und helfen, wenn nötig, bei den Aufgaben. Über Mittag essen sie zusammen mit den Kindern und räumen mit ihnen auf. Sie putzen auch gemeinsam die Schulräume; eine Putzfrau gibt es in der Schule nicht. So lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen und können ihre sozialen Kompetenzen aufbauen. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich in den grossen Klassen sehr diszipliniert verhalten und viel zuhören, denn der Unterricht findet oft als Frontalunterricht statt.

Was in Japan gänzlich fehlt, ist die reli­giöse Erziehung. Es gibt kein Fach wie Religion und Kultur. Es wird aber «Moralische Erziehung» unterrichtet.

Was ändert sich im Lehrplan nach der relativ kurzen Frist von bloss zehn Jahren?

Einerseits sind es kleine Änderungen, beispielsweise, dass im Fach Mathematik die Multiplikation schon in der 2. Klasse gelehrt wird und nicht erst in der 3. Klasse. Es werden auch grössere Umstellungen vorgenommen oder die Stundenzahlen in einem Fach erhöht. Das Fach «Moralische Erziehung» war früher lediglich ein Zusatzfach und nicht obligatorisch. Neu ist es obligatorisches Nebenfach, denn in den letzten Jahren war «Mobbing» in japanischen Schulen ein grosses Problem. Deshalb reagierte man entsprechend mit einer Änderung im Lehrplan und stufte das Fach höher ein. Auf einigen Stufen wurden auch neue Fächer eingeführt. Wie schon erwähnt, sind die überfachlichen Kompetenzen heute viel wichtiger. Deshalb wurde neu das Fach «Projekte» eingeführt. Die Kinder sollen lernen, eigene Projekte zu verfolgen oder in Gruppen Fachinhalte zu vertiefen und selbstständig zu lernen. Das ist sehr wichtig, weil die Schüler und Schülerinnen nicht nur diszipliniert lernen, sondern sich Inhalte eigenständig und selbstverantwortlich erschliessen sollen. Geplant ist, das Fach Englisch neu schon in der 3. Klasse einzuführen und nicht erst in der 5. Klasse. Ziel dieser Anpassungen ist, dass die Japaner weltweit in der Arbeitswelt Anschluss finden können. Fächer wie Handarbeit waren früher wichtig. Heute macht man dort Abstriche und gewichtet ICT stärker. Zudem setzt man das Fach im neuen Lehrplan früher an. Schülerinnen und Schüler lernen also nicht erst in der «Junior Highschool» mit dem Computer umzugehen. Auch solche Neuerungen fliessen ein.

Werden auch die Lehrmittel entsprechend angepasst und Weiterbildungen für die Lehrpersonen angeboten?

Die Lehrmittel werden in Japan von privaten Verlagen herausgegeben. Diese haben sich auf Schulbücher und einzelne Fächer spezialisiert. Alle Lehrmittel werden kostenlos an die Schülerinnen und Schüler abgegeben. Die Lehrmittel werden bei Lehrplanänderungen angepasst, die Anpassungen vom Bildungsministerium geprüft und für den Einsatz in der Schule freigegeben. In den Regionen (Präfekturen) wählt ein Bildungsausschuss unter den vom Ministerium freigegebenen Lehrmitteln einige aus. Die Lehrpersonen können innerhalb dieser Auswahl dann selbst bestimmen, mit welchem sie arbeiten möchten. Zentral ist das Unterrichten nach Lehrplan. Das Lehrmittel soll beim Unterrichten lediglich ein Hilfsmittel für die Lehrperson sein. In den einzelnen Präfekturen (ähnlich den Kantonen) gibt es Weiterbildungszentren. Die Schulen delegieren jeweils einige Lehrerinnen und Lehrer, welche die Weiterbildungen, die aufgrund der Anpassungen nötig sind, besuchen. Diese geben dann ihr Wissen an ihren Schulen weiter.

Bei uns wird jeder neue Lehrplan zuerst von vielen Lehrpersonen kritisiert und abgelehnt. Kennen Sie das in Japan auch? Was macht in Japan am meisten Mühe?

Das ist sehr unterschiedlich und ist abhängig vom jeweiligen Lehrerverband in der Region. In einigen Gegenden sind die Verbände sehr stark und können Opposition machen. Meistens geht es aber nicht um den Inhalt des Lehrplans. Kritisiert werden eher die Rahmenbedingungen. Früher war die Opposition stärker, heute können die Lehrpersonen die Änderungen gut nachvollziehen und akzeptieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg tat Japan alles, um den Westen punkto Fortschritt einzuholen und die nationale Einheit zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen, war eine gute Bildung ein sehr wichtiger Faktor. Bildung und Politik wird seit dieser Zeit in Japan strikte getrennt, das ist absolut zentral. Auch in den Lehrmitteln wird darauf geachtet, dass sie inhaltlich bezüglich Religion und Politik neutral sind. Das Bildungsministerium schafft lediglich einen Rahmen und beruft die Bildungsfachleute zur Ausarbeitung der Lehrpläne ein, vertraut aber auf ihre Fachkompetenz. Diese ist auch bei den Lehrpersonen unbestritten. 

Die Japanese School in Zurich besteht seit 1988 und ist in Uster domiziliert. Im aktuel­len Schuljahr besuchen 17 Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen die Schule. An Samstagen werden bis zu 220 Kinder unterrichtet.

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrags (PDF)336.62 KB