farbwelt

Ich möchte lieber selbst denken

Vier Frauen aus verschiedenen Generationen sprechen über die Bedeutung von persönlichem Wissen in der Zeit des gigantischen Informationsangebots. Von Therese Gossmann.Von Therese Grossmann.

Eigentlich hätten wir als Grundlage unseres Gesprächs den Begriff «Wissen» googeln können. Wir gehen nun jedoch von euren Assoziationen zu «Wissen» aus und von den Bedeutungen, das Wissen für euch hat.

Antonia Kellner, Schülerin am Gymnasium Kirchenfeld, Bern

Dorothée Etter, Schulleiterin, Sekundarlehrerin

Florence Lavanchy, Geschäftsführerin Schulverlag plus AG

Ursina Friedli, Programmverantwortliche Südosteuropa beim cfd/ Christlicher Friedensdienst

Dorothée Etter Wissen beinhaltet für mich hauptsächlich zwei Aspekte: Es gibt mir erstens Sicherheit und Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt, die medial total überfüttert ist. Im Moment sind gerade «Fake News» in aller Leute Munde. In diesem Zusammenhang ist Wissen für mich der Schlüssel, um damit umzugehen, sodass ich nicht jeder Übertreibung, jeder Lüge oder gar Verschwörungstheorie aufsitze. Zweitens ermöglicht mir Wissen, teilzuhaben am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben.

Ursina Friedli Wissen kann uns mit Menschen zusammenbringen, die ähnliche Interessen haben. Etwas zu wissen, kann auch Prestige bedeuten. Beim Begriff «Wissen» denke ich auch an den Zusammenhang zwischen Wissen und Handeln. Obschon wir ganz viel wissen, verändern wir unser Verhalten nicht, z. B. im Umgang mit der Umwelt oder im Umgang mit politischen Konflikten. Es ist nicht immer logisch, welche Konsequenzen wir aus unserem Wissen ziehen. Mich beschäftigt die Frage nach den Konsequenzen, die unser Wissen hat und haben könnte.

Florence Lavanchy Bei mir löst der Begriff «Wissen» schnell Begriffe wie «Wissensdurst» oder «Wissenshunger» aus. Die Freude haben, immer wieder Neues zu entdecken, zu ergründen und zu verstehen. Was auch die Basis ist von dem, was nachher zur Weiterentwicklung befähigt. Wissen allein sehe ich nicht als erstrebenswert an, sondern das, was ich daraus lerne und wie ich es sinnvoll anwende.

Antonia Kellner Für mich bedeutet Wissen, dass ich etwas weiss, ohne dass ich es nachschlagen muss. Was ich gerade sagen könnte, ohne mich noch darüber informieren zu müssen. Wissen ist etwas, das ich mit mir selbst herumtrage, das ich jederzeit abrufen kann.

In euren Assoziationen habt ihr den Begriff «Wissen» breit erfasst. Welche Rolle spielt spezifisches Wissen, zum Beispiel das Fachwissen, in eurem Beruf?

Dorothée Etter Als Lehrerin, ich habe noch ein kleines Unterrichtspensum, spielt für mich ein solides Fachwissen eine wichtige Rolle. Wenn ich mich mit der 9. Klasse an anspruchsvollere literarische Texte heranwage (aktuell zum Beispiel «Der Besuch der alten Dame» im Hinblick auf einen Theaterbesuch diesen Winter), ist es notwendig, dass ich das Werk sehr gut kenne und mögliche Interpretationen durchdacht habe. Nur so kann ich auf die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler eingehen sowie auf ihre Überlegungen und Fragen adäquat reagieren. Und zusammen mit ihnen einen Zugang zum Werk entwickeln, der ihrer Altersstufe entspricht.

Ursina Friedli Ich brauche in meinen Projekten – zur Zeit arbeite ich beim christlichen Friedensdienst – sicher auch Fachwissen. Ich muss aber vor allem wissen, wo ich mir Wissen beschaffen kann, zum Beispiel beim Thema «Gegen Gewalt an Frauen». Da muss ich die aktuellen politischen Verhältnisse in diesem Land kennen oder wissen, was andere Organisationen zu diesem Thema beitragen. Dazu recherchiere ich im Internet und analysiere die Informationen, indem ich sie ordne, neu zusammenstelle und zueinander in Verbindung bringe. Dann entscheide ich, was ich mit dem neu gewonnenen Fachwissen mache.

Wissen gibt mir Sicherheit und Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt. Wissen ermöglicht mir, teilzuhaben am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. Dorothée Etter

Florence Lavanchy Als Verlagsleiterin beschäftigt mich natürlich sehr, welches Wissen mit welchen Zielen in Lehrmitteln abgebildet wird. Wissen ohne die entsprechende Anwendungskompetenz ist aus meiner Sicht «nutzlos», Anwendungskompetenz ohne das entsprechende Wissen ist «grundlos». In einem Lehrmittel kann und muss das optimal verknüpft sein, und dies nicht erst seit dem Lehrplan 21. Es ist zentral, dass wir lernen, wie wir mit dem Wissen umgehen können und wie wir dabei wieder neues Wissen gewinnen. Es bringt, wie schon gesagt wurde, Sicherheit, um mit dem, womit man im Alltag konfrontiert ist, umgehen zu können. Dass man das Wissen anwenden kann, um in der entsprechenden Lebenssituation reagieren zu können.

Antonia Kellner Im Gymnasium bekomme ich den ganzen Tag sehr viel Wissen mit, das manchmal etwas mit mir zu tun hat und manchmal auch nicht. Oft ist es so, dass ich in einem Fach einen Test habe, da muss ich zum Thema alles wissen, egal, ob es für mich jetzt oder später wichtig ist. Im Unterricht selbst besprechen wir in den verschiedenen Fächern immer mehr Aspekte der Nachhaltigkeit: In der Chemie zum Beispiel lernen wir, wie man richtig recycelt und warum das wichtig ist. Wir lernen also schon auch, unser Wissen sinnvoll anzuwenden. Aber in den Tests wird das dann nicht verlangt, sondern eigentlich nur das reine Wissen. Da lerne ich für den Test, und dann ist es abgeschlossen.

In euren Berufen spielen sowohl der Zusammenhang zwischen Wissen und Handeln eine Rolle wie auch die Quelle der Informationen, zum Beispiel das Internet. Wann und wie habt ihr die Möglichkeiten des Internets kennengelernt?

Dorothée Etter Wir sind 1997 für vier Jahre nach Amerika gezogen, dort hatten wir bereits Internet. In der Schweiz gab es in meinem Bekanntenkreis privat noch kein Internet. Meine Kinder, damals 9 und 13, haben den Freundinnen und Freunden in der Schweiz Briefe geschrieben, und mit den Freunden in den USA haben sie vom ersten Tag an in Chatrooms kommuniziert. Mein erster Mailkontakt war mit einem ehemaligen Kollegen, der in Kanada lebt. Ich habe auch mit Surfen im Internet begonnen, zum Beispiel, um Reisen zu planen –zum grossen Erstaunen von unseren Freunden zuhause.

Florence Lavanchy Ich habe ganz automatisch gelernt, das Internet zu nutzen, schrittweise … Es war reines Learning by doing und Trial and Error. Wahrscheinlich war das auch um 1996/1997, mit beruflichen Mails und dann mit Recherchen. Das löste ein nachhaltiges Erlebnis aus, als ich begriff, dass das Internet eine unendlich verkettete Abfolge von Informationspunkten ist und dass ich nie in der Lage sein würde, alles lesen zu können. Mit dem Internet verstand ich, was Unendlichkeit ist.

Wissen allein sehe ich nicht als erstrebenswert an, sondern das, was ich daraus lerne und wie ich es sinnvoll anwende. Florence Lavanchy

Ursina Friedli 1998 habe ich die erste E-Mail-Adresse eingerichtet, 1999 bin ich mit einer Freundin nach Indien gereist und konnte dann E-Mails nach Hause schicken, um die Familie zu informieren, wie es mir gehe. Das Internet war total langsam: Ich hatte etwa eine Stunde, um eine Mail zu verschicken, manchmal stieg das Internet aus. Das Recherchieren im Internet habe ich nachher im Studium gelernt. Auch bei mir war es Learning by doing und Lernen durch Tipps von Freunden. Oder durch Googeln, wie man etwas recherchiert.

Antonia Kellner Mein erster Kontakt war in der Unterstufe, als wir ein Projekt über ein Tier machten und dabei im Internet recherchierten. Wir haben das Recherchieren nicht gelernt, meine Mutter hat mir das zuhause gezeigt, und meine Brüder haben mir geholfen. Learning by doing oder Trial and Error genügt nicht, man muss wirklich lernen, wie man sucht. Im Internet kommt so viel Schwachsinn, der mir überhaupt nicht weiterhilft. Da verbringst du für ein Projekt im Internet Stunden, um etwas Brauchbares zu finden. In einem Sachbuch kämest du viel besser an brauchbare Informationen heran. Denn dort hat schon jemand aus der riesigen Menge an Information eine Auswahl getroffen. Dorothée Etter Im Umgang mit der Auswahl von Informationen hätte die Schule eine wichtige Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler sollten auch lernen, nicht jede gefundene Information für bare Münze zu nehmen.

Ursina Friedli Darum müssen sie lernen, kritisch zu lesen und zu fragen, ob das Gelesene stimmen kann. Kinder müssen in der Schule von Anfang animiert werden zum Fragenstellen, in möglichst jeder Unterrichtssituation. Sie sollten nicht einfach zugedeckt werden mit Wissen, sondern ihr Interesse sollte geweckt werden. Sie sollten lernen, Fragen zu stellen zu diesem Wissen. Wenn ein Jugendlicher später eine Arbeit schreibt, sollte er nicht einfach Informationen aus dem Internet zusammentragen, sondern diese analysieren. Indem er zum Beispiel nach der Bedeutung dieser Information fragt oder dazu schreibt, warum er sie wichtig findet.

Eine Aufgabe der Schule wäre also, die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Wissensangebot des Internets zu unterstützen. Nach dem Motto: «Vom Surfen zum Perlentauchen». Eine andere Aufgabe wäre es, sie beim Aufbau von Wissensinhalten zu fördern. Da stellt sich die Frage: Welches Wissen, zum Beispiel Sachwissen, braucht es im Internetzeitalter noch?

Ursina Friedli Sprachen sind ganz wichtig in der heutigen vernetzten globalen Welt, aber andere Bereiche auch, wie Mathematik und Geografie und weitere Fachgebiete. Wissen ist das eine, aber manchmal ist gar nicht der Wissensinhalt wichtig, sondern der fortlaufende Prozess der Wissensentwicklung.

Dorothée Etter Wenn es um eine Auswahl von Sachwissen für die Schule geht, wäre die Idealvorstellung, dass eine eiserne Ration definiert werden könnte. Aber die Fülle ist so riesig, und wer wählt aus? Ein Naturwissenschafter käme auf ganz andere Ideen als ein Geisteswissenschafter. Diesen Kanon an Wissen, der für einen gebildeten Menschen obligatorisch ist, gibt es wohl einfach nicht. Darum müssen wir von einem exemplarischen Wissen ausgehen und uns in Richtung Kompetenzen bewegen: In Richtung Fähigkeit, sich das Wissen, das man dann situativ braucht, anzueignen.

Am Gymnasium wird sehr viel für die Allgemeinbildung gemacht. Manchmal schim­pfe ich schon ein wenig, wie viel wir hier in welcher Breite bearbeiten. Trotzdem finde ich es gut, dass man lernt, in der Welt zurechtzukommen. Antonia Kellner

Florence Lavanchy Dieser Kanon ist ja auch in Frage gestellt und wird immer wieder neu diskutiert. Persönliches Wissen ist immer etwas «Herausgefischtes» aus dem gigantischen Wissenspool. Wenn ich mir eine Schule hätte wünschen können: Eine Schule, die mir ein Grundlagenwissen vermittelt, sodass ich ein sicheres Fundament habe. Zum Beispiel, dass ich rechnen kann, dass ich eine Sprache kann oder dass ich erklären kann, warum es regnet. Das ist universelles, fundamentales Wissen. In meiner Wunsch-Schule hätte ich an grundlegenden Sachen den Umgang mit Wissen gelernt.

Kinder müssen in der Schule von Anfang animiert werden zum Fragenstellen, in möglichst jeder Unterrichtssitua- tion. Sie sollten nicht einfach zugedeckt werden mit Wissen, sondern ihr Interesse sollte geweckt werden. Ursina Friedli

Dorothée Etter Es braucht aber doch eine recht breite Basis von Wissen. Zum Beispiel, um an das, was man googelt, andocken zu können. Wenn die Schülerinnen und Schüler einen Wikipedia-Artikel öffnen, dann hat es unter Umständen sehr viele Fachausdrücke, die sie ja auch wieder nachschlagen müssten, weil sie zu wenig wissen. Ohne gutes Fundament können die Schülerinnen und Schüler neues Wissen nur schlecht integrieren. Es braucht ausbaufähige Wissensstrukturen.

Antonia Kellner Dieses fundamentale Wissen braucht es unbedingt. Am Gymnasium wird sehr viel für die Allgemeinbildung gemacht. Manchmal schimpfe ich schon ein wenig, wie viel wir hier in welcher Breite bearbeiten. Trotzdem finde ich es gut, dass man lernt, in der Welt zurechtzukommen. Dass man, wenn man die Zeitung liest, versteht, worum es geht oder in einem Gespräch auch eigenes Wissen einbringen kann. Ich kann ja nicht mitten in einer Diskussion sagen: Ich muss das schnell googeln. Ich finde es wichtig, dass man ein Grundwissen hat, es aber immer wieder auch aktualisiert und erweitert. Wissen auszubauen und zu aktualisieren, ist zwar anstrengend, aber ich möchte es nicht anders.

Ein kürzlich publizierter Fachartikel zu unserer Thematik trug den Ttitel «googeln statt wissen» – das suggeriert Ausschliesslichkeit. Welchen Zusammenhang seht ihr?

Florence Lavanchy Ich würde es umformulieren: «Wissen, wie man googelt». Das heisst: Was kann man als lesenswert bezeichnen? Was muss man überprüfen?

Dorothée Etter Man könnte sagen: «Wissen als Voraussetzung für erfolgreiches oder sinnvolles oder zielführendes Googeln».

Ursina Friedli Man braucht Wissen, um gegoogelte Information in einen Kontext setzen zu können. Um sinnvoll googeln zu können, braucht es Wissen, damit man entscheiden kann, was nützlich ist und was eben nicht.

Antonia Kellner Ich finde es schon wichtig, dass man weiss, wie man googeln muss, aber momentan ist für mich noch wichtiger, das Wissen selbst zu haben. Man kann so viel googeln, auch Meinungen von anderen zu einer Sache und sich so das eigene Nachdenken ersparen. Ich möchte aber lieber selbst denken.

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