farbwelt

mein & aber

Einen offenen Geist für Neues

Renato Kaiser
renatokaiser.ch

«Dann brauche ich Sie nicht!», sagte mir der Lehrer mitten ins Gesicht. «Teufelskerl!», habe ich mir gedacht. Dieser Halbdialog fand im Rahmen eines Lehrer-Workshops statt, will heissen: Ich habe einen Tag lang mit Lehrpersonen einen Slam-Workshop durchgeführt, wie ich ihn sonst mit Schülerinnen und Schülern zu machen pflege – eine lehrreiche Erfahrung, für alle, auch für mich. Da gab es die einen, die mir wie gebannt an den Lippen hingen und auf den Heiligen Gral warteten, der ihnen den nächsten Dürrenmatt ins Klassenzimmer zaubern würde. Und dann gab es eben noch den einen Kollegen mit dem obigen Satz. Diesen Teufelskerl! Denn er hat recht.

Slam-Poeten braucht man nicht unbedingt. Aber: Man kann sie gut gebrauchen.

Wenn Sie einen guten Draht zu Ihren Schülerinnen und Schülern haben, Kompetenzen in Text und Performance, einen offenen Geist für Neues, ein Ohr für die ebenso erstaunlichen wie verstörenden literarischen Ergüsse von Teenie-Köpfen und den Mut, sich ebenfalls mit einem eigenen Slam-Text vor die Klasse zu wagen, dann brauchen Sie mich wirklich nicht. Wenn Sie aber, wie wahrscheinlich die meisten Lehrpersonen, weder Gralssucher noch Teufelskerl sind, sondern irgendetwas dazwischen, wissen Sie: Slam-Poeten braucht man nicht unbedingt. Aber: Man kann sie gut gebrauchen. Ihr Talent, ihre Erfahrung und ihre Glaubwürdigkeit garantiert der Schweiz vielleicht nicht den nächsten Nationaldichter, aber Ihrer Klasse einen direkten Kontakt zu und unbeschwerten Spass mit Bühnen-Literatur.

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