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Feuer und Flamme sein

Lehrpersonen nutzen die Freiräume des Lehrplans und tragen ihr feu sacré in den Unterricht – ohne sich und andere zu verbrennen. Ein Gespräch mit Etienne Bütikofer. Von Therese Grossmann.

Sie beschäftigen sich schon seit längerer Zeit mit dem feu sacré und thematisieren es auch in der Aus- und Weiterbildung. Wie würden Sie es beschreiben?

Etienne Bütikofer Um im Bild des Feuers zu bleiben: Eine Idee, eine Tätigkeit, ein Ereignis hat ein Feuer in mir entfacht und brennt weiter. Wenn ich zum Beispiel an eine Kunsthandwerkausstellung gehe, kann ich einfach be­geistert sagen: «Ist das eine wunderschöne Ausstellung!» Ist aber bei mir dadurch ein Feuer entzündet, dann sind die Neugierde und die Lust geweckt, mehr zu erleben. Zum Beispiel andere Werke dieser Handwerkerin zu sehen oder selbst nachzubauen. Bei einer Lehrperson kann sich dies so äussern, dass sie im «brennenden Bereich» mehr als die Pflicht macht und mit Begeisterung einen Kür-Unterricht gestaltet. Das nehmen die Schülerinnen und Schüler wahr und denken vielleicht: «Der hat selbst Freude an dem, was wir machen, das muss etwas Gutes sein.»

Sie bieten für Studierende der pädagogischen Hochschule ein Modul zu diesem Thema an. Heisst das, dass man lernen kann, das eigene feu sacré zu erkennen und es auszuleben?

Ja, ich glaube, dass jeder Mensch irgendwo eine besondere Hingabe oder ein Potenzial hat, das er ausschöpfen kann. Das kann von A wie Akrobatik bis Z wie Zenbuddhismus vieles sein. Ich versuche, den Studierenden zu zeigen, wie sie den Zugang zu ihren Ressourcen finden, wie sie ihre Stärken wahrnehmen, weiterentwickeln und sie auch den anderen zeigen können. Ich frage sie zum Beispiel, ob sie ein Hobby mit Herzblut ausführen oder ob sie sich in einem Interessengebiet leidenschaftlich gerne engagieren. Wichtig ist auch das autobiografische Arbeiten mit Fragen wie: Was macht mich aus, was trägt mich? Wenn eine zukünftige bzw. eine amtierende Lehrperson den Zugang zu ihrem feu sacré findet, sucht sie nach Wegen, dies in der Schule umzusetzen. Im Modul können die Studierenden als Leistungsnachweis zu ihrer Passion ein Projekt für die Schule ausarbeiten, das realisierbar sein muss. So hat eine Studentin zu ihrem Herzblut-Thema «Garten» voller Enthusiasmus eine differenzierte Jahresplanung erstellt. Sie will den Schulgarten an ihrer zukünftigen Schule reaktivieren und ihn auch während der Winterpause in den Unterricht integrieren. «Es hat mich plötzlich total gepackt!», kommentierte die Studentin ihre aufwendige Arbeit.

Sie bieten auch Weiterbildungen für Lehrpersonen an. Diese haben gelernt, den Lehrplan umzusetzen. Wo bleibt da Freiraum für das feu sacré?

In den Kursen für Lehrpersonen geht es ums Gleiche wie in der Ausbildung und in der Schule: Dass die Menschen entdecken, wo sie gut sind, dass sie ihre Stärken weiter entwickeln und auch zeigen. Jeder Lehrplan – auch der LP21 – besteht aus verordneten Inhalten, die Pflicht sind für die Lehrpersonen. Der Lehrplan enthält aber auch Interpretationsspielraum; in den Kursen nenne ich sie Grauzonen. Deshalb lautet das Thema der Weiterbildung für Lehrpersonen «Grauzonen bunt färben» – mit «bunt» meine ich die Farben des eigenen Feuers. Die Lehrpersonen stellen sich Fragen wie: Wo sind die Grauzonen? Wie könnten wir diese mit dem ausgestalten, was wir zusätzlich gerne machen? Sie merken, dass sie innerhalb der vorgeschriebenen Inhalte persönliche Schwerpunkte bilden und Themen oder Fachgebiete miteinander verbinden können. Ein Lehrer hat mit Freude festgestellt, dass er sein grosses Erfahrungs- und Wissensgebiet «Wald» so umsetzen kann, dass zum Beispiel auch «Wald­wochen» mit Kochen und Übernachten möglich werden. Er plant Tierbeobachtungen, einen nächtlichen Geräuschparcours, Orientierungsläufe, die Begleitung eines Försters und vieles mehr. So kommt sein feu sacré im Unterricht zum Brennen, und er erfüllt immer noch den Lehrplan. Es muss aber nicht zusätzliche Zeit einnehmen, sondern kann in einer ganz gewöhnlichen Stunde Platz haben. In einem Kurs habe ich einen Lehrer ermutigt, seine Leidenschaft für Gedichte in seinen Unterricht zu tragen und einen grossen Teil der Deutschstunden einmal Gedichten zu widmen – obschon diese gemäss seiner eigenen Aussage ja nicht nur beliebt seien. Ob die Lehrpersonen die Grauzonen bunt färben, hängt auch von der Schulkultur ab. Es gibt Kollegien, bei denen die Schulleitung sagt: Nehmt eure Freiräume wahr, gestaltet sie! Macht die verrückte Blockwoche! Es gibt aber auch Schulen, in denen das Kollegium nur das macht, was man von ihm verlangt, und keine grosse Eigendynamik entwickelt. Dort musst du dir als Lehrperson mit Verve sagen: Und jetzt will ich diese Idee trotzdem noch verwirklichen! Das braucht Kraft, ist aber sicher gut für die berufliche Gesundheit.

Ob die Lehrpersonen die Grauzonen bunt färben, hängt auch von der Schulkultur ab.

Sie haben die Wirkung des feu sacré schon angetönt. Geht es darum, die Schülerinnen und Schüler mitzuziehen?

Es geht eher darum, den Kindern Felder zu öffnen. St. Exupéry hat es so formuliert: «Wenn man ein Schiff bauen will, muss man nicht mit den Leuten Holz sammeln gehen …, sondern sie die Sehnsucht nach dem Meer lehren.» Zu dieser Sehnsucht gibt es ein gutes Beispiel eines Lehrers in Appenzell: Er hat mit den Kindern Mythen angeschaut, griechische Sagen. Da hatten die Kinder plötzlich die Idee, nach Griechenland zu fahren. Zuerst gab es Einwände des Lehrers, doch die Kinder haben so begeistert nachgehakt, dass sie einen Basar organisierten, um zu Geld zu kommen. Ob sie schliesslich nach Griechenland gefahren sind, weiss ich nicht. Aber der Funke hat gezündet! Als Lehrperson muss man sich bewusst sein, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler «angezündet» werden wollen beziehungsweise können. Ich brauche dazu gerne das Bild, dass die Kinder die Distanz zum Feuer selbst wählen sollen. Es ist problematisch, wenn eine Lehrperson als Theaterfreak glaubt, dass jede Schülerin und jeder Schüler beim Theaterspielen auf der Bühne auftreten möchte. Da äussert sich ein missionarischer Wille, die Kinder mit dem zu indoktrinieren, was man als Lehrperson mit Hingabe macht.

Besteht für die Lehrperson selbst die Gefahr, aus Begeisterung auszubrennen?

Ja, wer zu stark brennt, kann ausbrennen. Wenn die Lehrperson so begeistert ist von einem Projekt, zum Beispiel alle zwei Jahre ein Musical zu machen, können dadurch ein hoher persönlicher Anspruch und grosse Erwartungen des Umfelds entstehen. Vielleicht kommt eine Lebensphase, in der die Lehrperson weniger Energie hat. Wenn sie das Musical dennoch durchführt, um die gesteigerten Ansprüche zu erfüllen, wird es heikel. Das feu sacré soll brennen und zünden können, aber man muss es gut im Auge behalten.

Wo brennt Ihr feu sacré?

Ich mag Menschen, und ich habe sehr gern Fortschritt. Ich habe selbst Leistungssport gemacht. Dabei habe ich gemerkt, wie wesentlich und befriedigend es für mich ist, dass sich etwas entwickelt – bei mir und den anderen. Mein feu sacré ist die Idee der Selbstwirksamkeit. Es ist ganz wichtig, dass man spürt, was man kann. Meine Leidenschaft ist es, mir selbst und anderen zu zeigen: Es braucht dich, das kannst du gut. Ich finde es sehr schön, wenn eine Gruppe von Menschen sich gegenseitig «anzündet» für Projekte. Zum Beispiel mit der Aufforderung: Ich zeige euch das gerne mal, kommt!

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