farbwelt

Ich weiss es!

Über den Umgang mit Meinungen. Von Peter Bichsel. 

Es ist sehr laut in der Beiz, die Männer am runden Tisch schreien sich an. Ein Frem­der oder Fremdsprachiger müsste annehmen, dass sie sich streiten, dass sie etwa politisch anderer Meinung wären, dass sie etwa für die Armee oder gegen die Armee wären, für das Geld­waschen, für eine Partei oder gegen eine Partei. Aber der Fremde würde sich täuschen, sie streiten nicht, sie diskutieren auch nicht, sie inte­ressieren sich eigentlich auch für nichts, und was für einen Fremd­sprachigen äusserst engagiert klingen müsste, das ist nichts anderes als das all­tägliche Spiel hier am Tisch.

Es beginnt mit der Frage. «Weisst du überhaupt …» oder mit der Beschimpfung: «Du weisst ja nicht einmal …» Der eine sagt also: «Du weisst ja nicht einmal, wie die Serviertochter damals im ‹Rössli› hiess», und der andere sagt: «Doch, das weiss ich.» – «Also sag es doch, wenn du es weisst.» Nein, Anita hat sie nicht geheissen, Trudi auch nicht, das war die andere. Und nun wird es plötzlich zum harten Wett­bewerb – wer es weiss, der ist gescheit – und wer es nicht weiss, der ist dumm. Man erzählt sich nicht etwa Geschichten von der Serviertochter, man spricht nicht davon, wie sie war, was für Eigenschaften sie hatte, wie lustig sie sein konnte. Es geht weder um eine Geschichte noch um eine Erinnerung, es geht nur darum, ob man weiss, wie sie hiess.

«Ich weiss genau, wann der Emil gestorben ist», sagt der eine und nennt ein Datum. «Nein, das muss länger her sein», sagt der andere, und schon wird es laut am Tisch, und es geht nicht um den armen Emil, der wohl gerne älter gewor­den wäre und den alle hier gern hatten – es geht nur um das Datum.

Bereits werden die ersten Wetten angeboten, sozusagen in jeder Höhe – denn jeder hat auch die Pflicht, es nicht nur zu wissen, sondern auch an sein Wissen zu glauben. Der Streit um das Wissen des Todestages wird augenblicklich zum Glaubensstreit. Wer jetzt ein anderes Datum im Kopf hat, der gehört bereits einer anderen Kirche an, einer anderen Sekte, einer anderen Partei. Mein Vorschlag, man könnte ja nachfragen, wie die Serviertochter geheissen habe, wann Emil gestorben sei, gilt hier als lächerlich und wird überhört. 

Es geht hier nicht um das Wissen, es geht hier nur um das Besserwissen, darum, dass es nur einer weiss, dass nur ein einziger gewinnen kann. Ein Interesse am Namen der Serviertochter, am Todestag von Emil gibt es hier nicht, es geht nur um den Sieg, nur darum, der Gescheite zu sein. Und ein Gescheiter ist hier einer, der alles weiss. Mich macht das furchtbar traurig, und wenig macht mich so hilf­los, wie dieser unsinnige Streit um irgendein unnötiges ­Wissen.

Aber die Szene erinnert mich an etwas – an die Schule; auch da fragte der Lehrer: «Wer weiss es», und einer wusste es und war der ­Sieger. Es kommt auch vor, dass das Spiel in der Beiz mit Schulwissen ausgetragen wird: «Du weißt nicht einmal, wann die Schlacht bei Morgarten war», aber der Fremde würde sich täuschen, wenn er glaubte, der Frager interessiere sich für Schweizergeschichte.

Er kennt nur dieses Datum (1315), und das kennt er nur, um einmal auch gewinnen zu können. Und wenn ich versuchen würde, ihm von Morgarten zu erzählen, dann würde er mich wohl entgeistert anstarren, denn davon, dass man sich dafür interessieren könnte, hat er noch nie gehört. Er selbst hat mit der Schule keine besonders guten Erfahrungen gemacht, wie einige seiner Kollegen auch . Er war in der Schule nicht jener, der es wusste – das wäre nicht schlimm, aber er hat in der Schule nichts anderes gelernt, als dass es nur ums Besserwissen geht. Nicht jener, der sich für Morgarten inte­ressiert, war der gute Schüler – nur jener, der Morgarten wusste. Vielleicht hat das der Lehrer gar nicht so gemeint, aber jener, der nie etwas wusste, hatte nichts anderes gelernt in der Schule, als dass es nur ums Besserwissen gehe. Nun ist er erwachsen, und auch er möchte ab und zu ein Sieger sein. Nun weiss er Dinge, die niemand sonst weiss – z. B. wie die Serviertochter hiess, oder wer 1962 Schweizer Meister war. Und wenn jemand fragt, wer war es denn 1963, dann sagt er so wie sein ehemaliger Lehrer: ­«Darum geht es jetzt nicht. » Sie nennen das eine Diskussion, dieses klägliche alltägliche Quiz.

Und dann kommt vielleicht mal einer auf die Idee, hier über eine Initiative zu diskutieren, über das Problem der Drogen, über Flüchtlingsfragen. Aber er wird auch mit solchen Fragen nur auf diesen «lch-weiss-es»-Wettbewerb stossen. Denn Diskussion heisst hier ausschliesslich und nur: «Ich weiss es.»  Deshalb werden grosse politische Fragen zu Glaubenskriegen – aus dem einzigen Grund, weil schon die Frage nach dem Namen der Serviertochter zum Glaubens­krieg wird. Wer es weiss, der hat gewonnen. Und für die kommenden Sieger gibt es keinen Anlass, die Verlierer anzuhören. Das war schon in der Schule so, die richtige Antwort bedeutete Sieg. 

Ob Demokratie unter diesen (schulischen) ­Bedingungen machbar ist?

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