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Mit gemeinsamen Zielvorstellungen Schule nachhaltig gestalten

Im Primarschulhaus und in den Kindergärten Zofingen Mitte fördern die Lehrpersonen die personalen und sozialen Kompetenzen der ­Kinder gezielt. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Konflikte zu lösen, mit ­anderen zusammenzuarbeiten und mit Vielfalt umzugehen. Von Verena Eidenbenz

Konflikte lösen mit der Streit­brücke

In der Eingangshalle des Gemeindeschulhauses haben sich zwei Schülerinnen und ein Schüler der 5. Klasse vor der sogenannten Streitbrücke eingefunden. Offenbar ist es zwischen Elena und Maxim zu einem Konflikt gekommen. Anna übernimmt die Rolle der Moderatorin und bittet die beiden, sich auf die erste Stufe der Streitbrücke zu begeben.

«Seid ihr beide bereit, euren Streit zu ­lösen?», fragt sie die beiden Kinder. Beide ­bejahen das und dürfen auf die zweite, die gelbe Stufe vorrücken. Elena wendet sich aufgebracht an Maxim: «Du hast mir einfach das Freundschaftsbuch weggenommen. Ich habe es auf das Pult von Anna Lena gelegt. Du hast es einfach an dich genommen. Am nächsten Tag hast du es wieder mitgebracht. Es war ­total kaputt! Einige Seiten waren zerrissen, andere ganz übermalt. Das hat mich so wütend und richtig traurig gemacht.» Moderatorin Anna: «Kannst du dir vorstellen, weshalb ­Maxim das gemacht hat?» «Er wollte mir ­einmal mehr einen Streich spielen und fand das sicher eine gute Gelegenheit!», meint Elena immer noch sehr aufgebracht. Maxim: «Ich habe das nur gemacht, weil ich auch in dein Buch schreiben wollte. Ich habe dich mehrmals darum gebeten, aber du hast einfach nein gesagt. Ich war total enttäuscht und traurig!» «Und was denkst du, hat Elena dabei em­pfunden?», fragt die Moderatorin. «Das ist ja klar, sie hat sich sicher gefreut, sie liess mich doch absichtlich nicht in das Buch schreiben, um mich zu ärgern!» Anna: «Wir hören jetzt Elena zu. War das wirklich so, was sagst du dazu?» Elena: «Nein, ganz und gar nicht, das weiss Maxim nämlich ganz genau. Ich liess dich nicht in das Buch schreiben, weil du mich vorher die ganze Zeit genervt hast. Obwohl ich dir sagte, du sollst damit aufhören, hast du weitergemacht!» Die Moderatorin fasst zusammen: «Habe ich das richtig verstanden, dass du, Maxim, das Buch zerrissen hast, weil du keinen Eintrag machen durftest, und du, Elena, hast den Eintrag verwehrt, weil dich Maxim im Vorfeld geärgert hat und nicht damit aufhören konnte?» Als beide bejahen, dürfen sie auf die dritte, die grüne Stufe schreiten, um eine Lösung für den Konflikt zu suchen. Die Moderatorin erteilt Elena das Wort und bittet sie, ihre Wünsche darzulegen. «Maxim muss sich bei mir entschuldigen und mir ein neues Freundschaftsbuch kaufen!», das ist für Elena sonnenklar. Auf die Frage, was sie beitragen könne, um den Konflikt zu lösen, meint sie: «Dann darf sich Maxim auch in mein Freundschaftsbuch eintragen.» Für Maxim ist es wichtig, dass er dazugehört, auch zu den Freunden zählt und dies im Freundschaftsbuch zeigen kann. Er wäre einverstanden, für Elena ein neues Buch zu kaufen. «Und ich werde mir Mühe geben, dich nicht mehr zu nerven!» Da beide mit der vorgeschlagenen Lösung einverstanden sind, dürfen sie auf die letzte Stufe vorrücken. Dort wiederholen die Kinder ihren Lösungsvorschlag und geben sich die Hand, um die Abmachung zu bekräftigen.

Das haben sie heute sicher nicht zum ersten Mal gemacht! Anna, die Moderatorin, führte die Kinder gekonnt durch die Auf­arbeitung des Konflikts, fasste das Gesagte zusammen und forderte sie auf, sich in die Gefühlslage des anderen hineinzuversetzen.

Heute müssen sie nicht mehr bei jedem ­Konflikt Hilfe bei der Klassenlehrperson holen.

«Die Moderatoren haben eine sehr wichtige Funktion», erklären mir die Kinder. «Wir wählen diese im Streitfall selbst aus. Es ist ein Kind aus unserer Klasse, dem wir vertrauen und von dem wir glauben, dass es helfen könnte.» Die drei erzählen mir auch, dass sie sich in ihrer Klasse zuerst Konfliktbeispiele ausgedacht und diese den anderen vorgespielt und so viel geübt haben. Heute müssen sie nicht mehr bei jedem Konflikt Hilfe bei der Klassenlehrperson holen. Sie lösen diese selbst oder besprechen sie im Klassenrat. Die Stimmung in der Klasse ist so gut, dass sie die Streitbrücke nur noch selten benötigen. Alle drei beteuern, dass jüngere Schülerinnen und Schüler ihre Streitereien aber noch oft mithilfe der Streitbrücke lösen.

Beeindruckt von so viel Können und ­Engagement freue ich mich, dass nun die Mitglieder des «Ideenbüros», Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse, auf mich warten. Ans Ideenbüro gelangen Kinder beispielsweise mit Konflikten, für deren Lösung sie Beratung wünschen, oder mit Anliegen und Ideen im Hinblick auf etwas, das sie an der Schule verändern möchten. Das Team ­bespricht die Anliegen – meist Wünsche betreffend Pausengestaltung – und versucht, diese möglichst umzusetzen. Eine Sozialarbeiterin ­begleitet die Schülerinnen und Schüler bei ihren Vorhaben. Für das Team ist klar, diese Arbeit ist cool: «Wir können uns mit den Ideen und Vorstellungen von anderen Kindern befassen, wir besprechen gemeinsam die nötigen Schritte für die Umsetzung, lernen Organisieren und Anfragen an den richtigen Stellen zu machen. Bei dieser Arbeit tauchen wir in neue Welten ein!» (Ideenbüro siehe auch Profil Nr. 2/2005 und 3/2007).

Auch diese Gruppe verfolgt die ein­gebrachten Anliegen motiviert und nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Ich bin deshalb neugierig, wie es den Lehrpersonen an dieser Schule gelingt, soziales Lernen so nachhaltig zu etablieren und möchte von Frau Rüetschi, der Schulleiterin, gerne mehr dazu erfahren.

Schule als Kontext für soziales ­Lernen gestalten

Um soziales Lernen an einer Schule nachhaltig zu etablieren, müssen alle Beteiligten – die Schulleitung mit ihren Führungsaufgaben, die Lehrpersonen mit gutem Unterricht und die Schülerinnen und Schüler als Lernende  – zusammenspannen. Unterstützung dabei bietet das «SOLE-Programm» (ein Angebot des ­Instituts Weiterbildung und Beratung der PH FHNW).

Profil:Was hat Sie veranlasst, mit dem «SOLE-Programm» an Ihrer Schule einen Schwerpunkt zu setzen? Gab es bestimmte Vorkommnisse, Auslöser dafür?

A. Rüetschi:Es war ein längerer Prozess. Ich habe selbst 25 Jahre an der Primarschule unter­richtet. Dann wechselte ich in die Schulleitung. Als Lehrerin absolvierte ich viele Weiter­bildungskurse. Meist war ich sehr motiviert, wollte verschiedene Inhalte vertiefen, etwas noch genauer nachlesen. Aber am nächsten Tag kam der Schulalltag zurück. Nach einiger Zeit waren meine Vorhaben vergessen. Aufwand und Ertrag stimmten einfach nicht überein. Deshalb nahm ich mir als Schulleiterin vor, nur ein Projekt aufs Mal anzu­gehen, dieses aber mit meiner Schule über längere Zeit zu verfolgen.

Bevor ich die Leitung an dieser Schule übernahm, gab es für jede Stufe eine Schulleitung. Dies hatte sich nicht bewährt. Deshalb wurden mir die ganze Primar- und ein Jahr später auch die Kindergartenstufe unterstellt. Mich beschäftigte die Frage: «Wie kann aus diesen Einheiten ein Team werden? Was spricht alle Stufen gleichermassen an?» ­Deshalb liess ich die Lehrpersonen selbst ­aktiv werden und nach einem gemeinsamen Thema suchen. Eines dieser Themen war ­«Disziplin». In einem demokratischen Prozess entschieden wir uns, gemeinsam an diesem Thema zu ­arbeiten und hielten die zuvor in Gruppen er­arbeiteten Teilbereiche auf einem Plakat fest. Dieses wurde zu unserem Leitstern. Ich hatte den Auftrag, mir Gedanken zur Umsetzung zu machen und stiess dabei auf das Buch von Karin Frey «Disziplin und Schulkultur». Dieses hat mich wegen seiner Klarheit und Praxis­tauglichkeit sehr angesprochen. Deshalb fragte ich Karin Frey an, ob sie mich beraten und coachen könnte. Da der Projektstart des Programms «SOLE» kurz bevorstand, überliess sie mir den Programm­entwurf, und ich war sofort überzeugt. So wurden wir eine der ersten Schulen, die mit Unterstützung von Karin Frey – Institut Weiterbildung und Beratung der PH FHNW – das Programm umsetzten. An den «SOLE-Netzwerktreffen» tauschen wir uns auch mit anderen Teams aus.

Wie haben Sie Ihr Schulteam von «SOLE» überzeugen können, was war entscheidend?

Wichtig war sicher, dass ich dem Team nichts «überstülpte». Ich lenkte den Prozess, liess aber das Team entscheiden. Zuerst arbeiteten wir an der Grundhaltung. Wir stützten uns dabei auf das Disziplin-Pentagramm von K. Frey. Dieses beleuchtet jeden Teilschritt, den man machen muss, um Disziplinprobleme an einer Schule anzugehen. Im ersten Jahr entschieden wir uns für Intervision. Anfangs habe ich konstruierte Disziplinarfälle vor­gegeben, um den Einstieg zu erleichtern. ­Später wurden zunehmend eigene reale Fälle eingebracht. Angeleitet durch das Penta­gramm konnten sich so die Lehrpersonen über die Stufen hinweg auf einer beruflichen Ebene besser kennenlernen. Es brauchte Geduld von meiner Seite, die sich aber gelohnt hat. Durch die Fallbesprechungen erfuhren die Lehr­personen, dass alle mit gleichen oder ähnlichen Schwierigkeiten kämpften. Überdies kamen sich die Stufen näher und entwickelten mehr Verständnis füreinander. Interessanz war, dass am Anfang vor allem über «Regelüber­tretungen und Konsequenzen» diskutiert wurde. Mit dem Entwickeln und Umsetzen verschie­dener Präventionsprojekte innerhalb von «SOLE» rückte dieses Thema bald völlig in den Hintergrund, und es ist tatsächlich eines der letzten, das noch offen blieb und einer intensiveren Bearbeitung harrt. Entstanden ist ein Leitfaden, der Aufschluss darüber gibt, was wir bei herausforderndem Verhalten bei Schülerinnen und Schülern von der Lehrperson erwarten. Dieser Leitfaden bietet einen Rahmen für alle. Details sind aber ­darin nicht geregelt. Die Lehrperson soll authentisch auf die jeweilige Situation eingehen können. Auch die eingesetzte Steuergruppe spielte eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen Team und Schulleitung. Sie bespricht jeweils das geplante Vorgehen mit dem Team und meldet auch Störungen oder Änderungswünsche zurück.

Haben Sie auch die Eltern ­miteinbezogen?

Hier sind wir noch nicht ganz so weit wie ursprünglich geplant. Wir sind eine sehr grosse Schule mit 19 Klassen und haben keinen Raum, wo wir beispielsweise alle ­Eltern und Kinder versammeln könnten. ­Gemeinsam mit einer Lerntherapeutin haben wir einen Elternbildungsabend zum Thema «Was braucht ein Kind, um sozial erfolgreich zu sein?» organisiert. Ähnliche ­Veranstaltungen sind in Planung. Um die Eltern über ­laufende Projekte zu informieren, benutze ich die Schul­infor­mations-Broschüre, die zweimal im Jahr an alle Haushaltungen geht. An Besuchstagen richten wir zudem in der Eingangshallte ein Elterncafé ein und dokumentieren unsere ­Arbeit mit Fotomaterial. Wie kann ein solches Vorhaben ­erfolgreich umgesetzt werden, was stärkt eine verbindliche und nach­haltige Zusammenarbeit des ganzen Schulteams? Im Prozess haben wir uns ­Gedanken gemacht, wie wir das Erarbeitete sichern können. Gemeinsam mit der Steuergruppe und Karin Frey haben wir ein Sozialcurriculum erarbeitet. Das Team hat dieses in einer Vernehmlassung genehmigt und als verbindlich erklärt. Wenn eine Lehrperson neu an unsere Schule kommt, muss sie sich an dieses halten. Sie wird anfangs von einem Teammitglied unterstützt. Wir erarbeiten seit zwei Jahren auch verschiedene Instrumente in den Unterrichtsteams und machen sie für alle zugänglich. (Beispiele: Streitbrücke, eine Liste mit Rollenspielen zur Stärkung der Sozial­kompetenz, Ideenbüro usw.)

Bei den Mitarbeitergesprächen ist das Sozial­curriculum ein wichtiges Thema. Ich frage nach, wo Stärken sind und wo Unterstützung nötig ist. Ich muss dafür sorgen, dass dieses nachhaltig gelebt wird, die Umsetzung des Sozialcurriculums ist nicht freiwillig. Die Auseinandersetzung mit dem Thema schafft ein gutes Klima und stärkt den Zusammenhalt. Sichtbare Erfolge beflügeln das Team. Dies wirkt sich auch positiv auf die Fluktuation aus – ich habe dieses Jahr nur eine einzige Kündigung zu verzeichnen. Das zeigt, dass die Lehrpersonen gerne an dieser Schule arbeiten.

Welches sind für Sie die wichtigsten Veränderungen nach Einführung des «SOLE-Programms»? Wovon profitiert die ganze Schule am meisten?

Disziplin ist nicht mehr ein nur negativ belastetes Thema. Lustvolle Prävention hat einen grossen Stellenwert erhalten. Obwohl es immer wieder schwierige Situationen mit Schülerinnen und Schülern gibt, werden diese als weniger belastend empfunden. Niemand muss allein mit einer Problemsituation fertig werden. Gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich und stützt den Zusammenhalt im Team. 

SOLE – das Programm für soziales Lernen in der Schule (www.fhnw.ch/iwb/sole)
Disziplin und Schulkultur, Akteure, Handlungsfelder, Erfolgsfaktoren, Autorin: Karin Frey, Reihe: Impulse zur Schulentwicklung, Schulverlag plus AG, Bern

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