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Mein Lernatelier – meine Welt

Jakob ist ein elfjähriger, aufgeweckter Junge. Was ihn von andern unterscheidet: Er besucht keine Schule, sondern lernt vorwiegend zuhause in seinem Lernatelier oder draussen auf Exkursionen und Ausflügen. Vater und Sohn wählen und erarbeiten gemeinsam Bildungs­inhalte, planen den Alltag und entdecken die Welt. Von Hansruedi Hediger.

Von der Volksschule zum Homeschooling

Der Vater von Jakob empfängt mich draussen im natürlich belassenen, grossen Garten. Von Jakob ist nichts zu sehen, bis er sich hoch oben im Baum bemerkbar macht, herunterklettert und mich begrüsst. Er zeigt sich sofort interessiert und erzählt freiheraus, warum es zum Homeschooling gekommen ist: «Ich fühlte mich in der Schulklasse nicht wohl, wurde oft von Gruppen ausgeschlossen und sogar gemobbt. Ich konnte mich, anders als viele Mitschüler, stundenlang in ein Projekt, eine Idee vertiefen und hatte Mühe mit der Art des Lernens in der Volksschule.»

Eine Abklärung durch den psychologischen Dienst ergab für den Knaben einen überdurchschnittlich hohen IQ. Aber erst die neue Lehrerin brachte die Idee eines Coachings oder des Homeschoolings auf. Seit Mitte der dritten Klasse lernt Jakob nun zuhause. «Es ist cool, auf meine Art zu lernen und dadurch viele Freiheiten zu haben», meint er. «Nur selten macht mir das Lernen keinen besonderen Spass, zum Beispiel wenn ich Rechenoperationen trainieren oder mir Französischwörtli einprägen muss.»

Im Lernatelier

Jakob führt mich in sein grosses LEA, wie er sein Arbeitszimmer, das Lernatelier, nennt. Die eine Wand besteht fast nur aus einem Anschlagbrett mit Jahresthemen des 6. Schuljahres, mit Zeichnungen, Tabellen und Listen über Tiere, mit Computerausdrucken und selbst geschriebenen Texten, mit einer Weltkarte. Das Büchergestell ist übervoll. Nicht nur Sachbücher zu vielen Themen finden sich hier, sondern auch Bastel- und Experimentiermaterial, ein Roboter, ein Atommodell oder Chemikalien. Jakob führt eine selbstgebastelte Lichtsignalanlage vor und erklärt, wie er Seife hergestellt habe.

Es ist cool, auf meine Art zu lernen und dadurch viele Freiheiten zu haben.

Der Vater bestätigt, dass auch er Interesse und Freude am Ausprobieren, Tüfteln und Basteln habe und jeden Tag mit seinem Sohn wieder Neues entdecke. Der Beginn des Unterrichts ist nicht genau festgelegt. Aber jeden Morgen setzen sich Vater und Sohn aufs Sofa und besprechen zuerst den groben Ablauf des Tages. Es gibt keinen vorgegebenen Stundenplan, keine starren Strukturen, auch keine festen Pausen und schon gar keine Hausaufgaben. Heute Morgen hat Jakob für ein Hochzeitsfest ein grosses Herz aus ­Nielen gebastelt, einen Brief dazu geschrieben und dann selbst eine Lampe geflickt. Aber auch Mathematik mit dem Zahlenbuch und Französisch und Englisch werden gelernt. Wenn Jakob genug hat, macht er beim Lesen, Essen oder Trinken Pause oder bewegt sich draussen auf dem Trampolin. Er kann aber auch selbstvergessen stundenlang am Computer programmieren und findet es dann nicht mehr so toll, wenn er Kopfweh bekommt und das spassvolle Lernen in Arbeit ausartet. Der Unterricht findet oft nicht im Lernatelier statt. Letzte Wochen, zum Beispiel war Jakob mit seinem Vater häufig im Wald. Sie haben gemeinsam Blumen bestimmt und die Verbreitung durch Samen untersucht. Jakob erzählt auch von Betriebsbesichtigungen und Besuchen bei Handwerkern. Ein grösseres Projekt, eine mehrtägige Wanderung durch den Jura mit vielen Sehenswürdigkeiten, ist in Planung. Der Mittwoch- und der Freitagnachmittag sind grundsätzlich frei, doch Jakob hält sich oft auch in dieser Zeit im LEA auf. Die momentane Auswahl der Lerninhalte und der Zeitpunkt der Bearbeitung bestimmt er weitgehend selbst.

Rolle der Eltern

Auf besondere Schwierigkeiten des Homeschoolings angesprochen, äussert sich Jakobs Vater sehr offen: «Die Situation beim Homeschooling ist vom Sozialen her sicher anspruchsvoller als in der Schule, wo Kinder lernen müssen, mit anderen zusammenzuarbeiten. Jakob besucht deshalb an zwei Tagen die ‹LernStatt›, eine Schule für selbstbestimmtes Lernen und offenen Unterricht. Diese vier Halbtage sind für Jakob sehr wichtig. Ausserdem macht er begeistert in der Jugendriege und im Fussballclub mit. Meine Frau und ich sind weder religiös motiviert noch dogmatisch», betont der Vater, «wir sind offen für die Zukunft und betreiben das Homeschooling so lange, wie Jakob es will und es sich positiv auswirkt. Unsere Tochter hat auf eigenen Wunsch wieder in die Volksschule gewechselt. Sie wollte wieder mit ihren Freundinnen zusammensein und die Rolle des Lehrers und Vaters klar trennen.»

Der Vater kann sich seine Arbeit einteilen und arbeitet häufig zuhause. Er ist sich auch weiterer Privilegien sehr bewusst: «Ich habe das Lehrpatent erworben und bin in unserem Wohnkanton somit berechtigt, mein Kind selber zu unterrichten. Ausserdem bin ich vielseitig und wissbegierig wie mein Sohn, und das gibt mit ihm zusammen ein gut funktionierendes Team, das Spass am Lernen und Entdecken hat. Ich will meinem Sohn vorleben, was ­‹Lernen für das Leben› heisst. Ich will auf gar keinen Fall einfach die Schule nach Hause zügeln. Prüfungen und Tests gibt es bei uns nicht. Lediglich auf Semesterende verfasse ich für das Volksschulamt einen Kurzrapport über erarbeitete Lerninhalte. Natürlich geben die Doppelrollen ‹Vater – Lehrer› und ‹Sohn – Schüler› auch zu diskutieren, aber damit können wir beide im Moment recht gut umgehen.» Für das Foto am Schluss meines Besuchs nimmt Jakob eines seiner Lieblingsbücher aus dem Gestell, hält sich die Ohren zu und beginnt zu lesen. Bald ist er in den Lesestoff so vertieft, dass er nicht einmal merkt, als ich mich verabschiede. Nachhaltig beeindruckt und mit einer geschenkten, selbst hergestellten Seife in der Tasche reise ich nach Hause.

Was bleibt?

Die Auswirkungen von Homeschooling sind bisher nur wenig erforscht. Es gibt weder in Bezug auf die psychische Entwicklung der Kinder noch in schulischer Hinsicht verlässliche Studien, jedoch Hinweise darauf, dass Homeschooler schulisch besser abschneiden. Solche Kinder haben aber oft sehr bildungsnahe Eltern, und dieser Faktor ist möglicherweise entscheidender als die Unterrichtsform. Fakt hingegen ist, dass Homeschooler, wie auch viele Volkschülerinnen und -schüler, mehrheitlich gerne und freiwillig lernen – ein wichtiger Umstand, damit auch mehr im Gedächtnis haften bleibt.

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