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«Blinde Kuh» – (k)ein Kinderspiel

Wie gehen Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse mit der Informationsflut um? Wie suchen sie gezielt nach alters­gerechten Informationen? Eine gute Möglichkeit dazu bietet die «Blinde Kuh», eine Suchmaschine für Kinder. Von Hansruedi Hediger.

Im meinem Schulzimmer gibt es noch ein Lexikon und ein Bildwörterbuch. Beide sind etwas verstaubt und inhaltlich nicht mehr aktuell. Das Internet bietet ein Vielfaches mehr an Wissen und Fakten, ist stets aktuell, und die Suche darin viel einfacher. Doch meist mühen sich Schülerinnen und Schüler mit «Wikipedia» ab und merken dabei, dass die Informationen zu kompliziert und anspruchsvoll sind.

Die meisten meiner Schülerinnen und Schüler haben noch nie etwas von der Suchmaschine «Blinde Kuh» gehört. «‹Blinde Kuh› im Internet könnte eine Seite sein, die blinden Leuten im Leben hilft», vermutet ein Mädchen. Ein anderes: «‹Blinde Kuh› ist eine Internetseite, auf der die Bauern alles über Kuhkrankheiten nachlesen können.» Nur gerade fünf Schülerinnen und Schüler kennen die «Blinde Kuh» und haben zuhause schon Erfahrungen damit gesammelt.

Zum Kennenlernen der Suchmaschine erhält die Klasse zum Thema «Meteorologie und Gewitter» den Auftrag, mithilfe der «Blinden Kuh» nach Verhaltensregeln in einem Gewitter zu suchen und eine Liste mit Tipps und Regeln zusammenzustellen. Parallel dazu suchen die Schülerinnen und Schüler auch in den vielen bereitgestellten Büchern. In einem Klassengespräch werden die zwei Arten der Suche mit­einander verglichen. Die Meinungen sind klar: Sachbücher sind rasch veraltet und zu wenig attraktiv. Es ist oft schwierig, sich im Inhalts- oder Stichwortverzeichnis zurechtzufinden, und zudem muss man die nötigen Informationen mühsam aus den Texten heraussuchen. Die Suche im Internet hingegen macht mehr Spass, als Buchseiten umzublättern. Man kann gezielt nach einem Stichwort suchen. Die Suchresultate sind sofort da und mit «nur» 37 Treffern für Gewitter, 27 für Blitz und 25 für Donner überschaubar und gut zu verarbeiten. Damit können die Schülerinnen und Schüler viel besser umgehen.

Die Seite ist für Leute, die ­etwas lernen wollen. Sie ist sehr nützlich für Schülerinnen und Schüler, die Informationen für einen Vortrag brauchen.

Die Technik des überfliegenden Lesens kennen sie bereits aus früheren Aufträgen. Trotzdem ist es insbesondere für schwächere Kinder schwierig, an die relevanten Informatio­nen heranzukommen. Gross ist auch die Versuchung, bei irgendeinem anderen, inte­ressanteren Thema hängen zu bleiben, einem Spiel oder einem Video.

Fast alle Schülerinnen und Schüler finden sich rasch zurecht und äussern sich positiv über die Suchmaschine. «Sie ist übersichtlich. Es gibt verschiedenste Knöpfe für Videos, aber auch Fotos mit Beschriftungen», meint Leandro, «es gibt sogar einen Fernseher, eine Zeitung, einen Mitmachbereich und Lernspiele. Die Seite ist für Leute, die etwas lernen wollen. Sie ist sehr nützlich für Schülerinnen und Schüler, die Informationen für einen Vortrag brauchen.» Auch Franca äussert sich ähnlich: «Ich finde, die Seite ist sehr übersichtlich und farbig gestaltet und deshalb auch gut für jüngere Kinder geeignet. Es gibt verschiedene Tabs, zum Beispiel für Videos und Spiele. Die Treffer sind dann auf karten­ähnlichen Tafeln dargestellt. Es ist viel besser und verständlicher als Wikipedia.» Einzig Jelena sieht nicht nur alles positiv: «Ich finde, dass es schön gestaltet ist und schöne Farben hat. Aber wenn man es zum ersten Mal macht, ist es schwierig, etwas zu suchen und zu finden, weil es unübersichtlich ist. Einige Knöpfe führen zum gleichen Ziel, zum Beispiel beim Thema ‹Zufall›. Wieso das so ist, kann ich nicht verstehen.» Über die Entstehung eines Gewitters mit Blitz und Donner wissen die Schüler und Schülerinnen bereits Bescheid. Sie haben aber kaum eigene Erfahrungen. Diese können auch nicht ins Schulzimmer geholt werden. Deshalb beschränke ich mich auf physikalische Versuche mit der Blitzmaschine, die Schilderung meiner eigenen Erlebnisse in den Bergen, auf Videos und schliesslich auf das selbstständige Recherchieren im Internet – mit der «Blinden Kuh». Es ist mir wichtig, dass die Kinder lernen, wie man im Internet gespeichertes Wissen findet, verknüpft und einordnet. In einem abschliessenden Klassengespräch tragen wir die wichtigsten Verhaltensregeln bei einem Gewitter zusammen. Es zeigt sich, dass dank der selbstständigen Recherche die Motivation steigt und damit recht viel «hängen» geblieben ist.

Darja Martens, stellvertretende Geschäftsführerin, über das Erfolgsrezept der «Blinden Kuh»

«Die ‹Blinde Kuh› hatte von Anfang an eine Nähe zu den Kindern»

Profil: Welche Eigenschaften und Voraussetzungen braucht es, um bei der «Blinden Kuh» zu arbeiten?

Darja Martens: Wer bei der «Blinden Kuh» arbeitet, muss sowohl ein Interesse an Kindern oder an der Arbeit für Kinder als auch ein Interesse am dezentralen Internet haben. Sehr wichtig sind auch eine Affinität zu Webtechnologien und eine gute Allgemeinbildung sowie ein Interesse an Medienpolitik. Mich begeistert, dass ich mich auf vielfältige Art für die Sache der Kinder einsetzen kann und meinen Teil dazu beitrage, die Kinderrechte umzusetzen.

Dieses Jahr wird die «Blinde Kuh» 20 Jahre alt. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?

Die «Blinde Kuh» hatte von Anfang an eine Nähe zu den Kindern. Das liegt daran, dass es zunächst den Wunsch gab, den Kindern bei der Orientierung im Internet zu helfen, wo sie keine automatische Vorfahrt hatten und haben. Wir sind keine Volltextsuchmaschine, sondern arbeiten mit redaktioneller Power. Das bedeutet, dass sich die Redaktion darüber Gedanken macht, wie Suchräume erschlossen werden können und was Kinder erwarten, wenn sie ein Suchwort eingeben. Die Redaktion recherchiert die Inhalte der Suchmaschine und verschlagwortet diese. Dies geschieht teilweise von Hand und einzeln, teilweise mit technischer Hilfe, aber immer auch mit konzeptionellem Hintergrund und dem Prinzip von Verschlagwortung und Gegenverschlagwortung. Wichtigstes Ziel ist die Vernetzung von Kinderseiten. Das bedeutet, dass wir die Seiten, die extra für Kinder gemacht wurden, auffindbar machen und den Kindern das grosse bunte Internet zeigen möchten. Damit sind wir ein wichtiger Baustein des Jugendmedienschutzes.

Können Sie Ihren Erfolg messen? Wird die Suchmaschine auch in der Schweiz häufig angewählt?

Unseren Erfolg messen wir nicht daran, wie oft unsere Seite aufgerufen wird, sondern daran, wie viele Klicks wir auf die anderen Seiten bringen. Hier erhalten wir häufig Rückmeldungen der Seitenbetreiber, die wir verlinkt haben. Die Suchmaschine wird auch in der Schweiz häufig benutzt, genau genommen sogar weltweit.

Ist der Begriff «Kindersuchmaschine» noch treffend? Mittlerweile bietet die «Blinde Kuh» ja viel mehr …

Grundlage der meisten Bereiche auf der Seite der «Blinden Kuh» ist die Suchmaschine. Wir visualisieren unsere speziellen Suchräume einfach unterschiedlich und bieten verschiedene Zugänge. Momentan befinden sich lediglich unser Mitmachbereich und die Sicherheits­sei­ten nicht in unserer Suchmaschine. Daher ist der Begriff «Kindersuchmaschine» sehr treffend.

Können Sie uns Ihre Arbeit etwas genauer beschreiben?

Zunächst einmal machen wir bei der ­«Blinden Kuh» unsere Seite selbst. Dafür haben wir eine Redaktion und Entwickler. Alle Weiterentwicklungen, alle inhaltlichen Veränderungen, werden von uns selbst gemacht. Um Inhalte in die Suchmaschine zu bringen, gibt es unterschiedliche Wege: Zum einen erhalten wir Mails, man kann eine Seite bei uns anmelden. Zudem recherchieren wir im Internet. Ziel ist es, unsere Suchräume systematisch aufzubauen. Natürlich melden sich auch Kinder und Lehrpersonen bei uns, wenn sie zum Beispiel etwas nicht finden oder eine Frage haben. Dann prüfen wir, ob die Seite für die Kinder einen Mehrwert darstellt, für welche Altersgruppe sie geeignet ist und ob sie etwas wie Kaufanreize, Gewinnspiele, Youtube-Videos, Tracker usw. enthält. Viele Suchtreffer werden von Hand aufgenommen und von der Redaktion verschlagwortet. Möchten wir aber grössere Mengen an Internetseiten in die Suchmaschine bringen, setzen wir Skripte auf, die die Inhalte maschinell einlesen.

Was steckt hinter Ihrem neuen Gestaltungskonzept? Wie sind die Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer?

Unser vorrangiges Ziel war es, die Suchräume der «Blinden Kuh» sichtbar zu machen. Des Weiteren sollte die Seite übersichtlicher und zeitgemässer werden und auf mobilen Endgeräten gut laufen. Es gibt unterschiedliche Rückmeldungen der Nutzer und Nutzerinnen. Aus Schulen hört man immer wieder, die veralteten Computer, auf denen ebenso alte Browser-Versionen laufen, hätten Probleme mit der Darstellung von Seiten mit neueren Webtechnologien. Dieses Problem haben aber nicht nur wir, sondern es betrifft auch andere Kinderseiten. Die Bandbreite in der Kinderseitenlandschaft sieht so aus: entweder man hat eine veraltete Seite, die auf mobilen Geräten nicht oder nur eingeschränkt läuft oder man stösst beim Einsatz mit veralteter Hard- und Software, wie sie oftmals an Schulen anzutreffen sind, an Grenzen.

Die «Blinde Kuh» wird vom Bund unterstützt. Werden dadurch vor allem die Lohnkosten abgedeckt? Welche Arbeiten übernehmen die ehrenamtlich arbeitenden Vereinsmitglieder?

Ja, das Bundesministerium für Familien, Senio­ren, Frauen und Jugend fördert die «Blinde Kuh» seit 2004. Die Personalkosten sind der grösste Aufwandsposten. Wir benötigen aber natürlich auch Büroräume und Arbeitsmittel wie Computer und Server. Die Vereinsmitglieder machen die Vereinsarbeit und kümmern sich um Verwaltungsfragen sowie um die ­Instandhaltung des Büros und Ähnliches. ­Natürlich wird auch ehrenamtlich im Netz recherchiert, oder es werden zum Beispiel Vorträge über die «Blinde Kuh» gehalten.

Sie bieten einen Bereich «türkisch Web» an. Ist dies der grossen türkischen Gemeinschaft in Deutschland geschuldet? Müssten nicht auch andere Sprachen berücksichtigt werden?

Der Bereich «türkisch Web» ist aus dem ehrenamtlichen Engagement einer Mitarbeiterin entstanden, die der türkischen Sprache mächtig war. Das ist natürlich die Voraussetzung, um ein solches Projekt anzugehen und somit auch die Antwort auf die Frage, warum wir nicht ein Web für andere Sprachen anbieten. Natürlich bot und bietet es sich an, der grossen Anzahl der Nachfahren türkischer Migranten deren Kultur nahezubringen.

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