farbwelt

mein & aber

Werner Jundt

Werner Jundt

Am Anfang war das Wort. – Oder doch eher die Kreide? Die lag schon da, auf dem Brett unter der Tafel, bevor er ins Zimmer trat. Am Tag vor seinem ersten Schultag. Die Kreide seines Vorgängers. Haben Kreiden einen Besitzer?

Er nahm die Kreide und schrieb mit grossen Lettern seine ersten Worte: GUTEN TAG! Auf die Tafel, auf die er noch vieles schreiben würde. Und auch zeichnen – farbig, kunstvoll. Manche Wandtafelzeichnung blieb länger stehen als nötig. Es reute ihn, das Werk zu zerstören. «b.st.l.», schrieb er dann darunter: «Bitte stehen lassen!» zuhanden des Tafelchefs. Ein richtiger Chef war der – kraft seines Schwammes. Aber irgendeinmal wurde der Platz gebraucht. Der Lehrer löschte das «b.st.l.». Und der Tafelchef – es konnte auch ein Mädchen sein, dann eben die Tafelchefin – entfernte das Kunstwerk.

Geschriebenes verschwand rascher. Wich anderem Geschriebenen. Sätze, Formeln … eine kilometerlange Kreidespur auf unzähligen Tafeln in fast so vielen Schulzimmern. Viele Jahre. Dann kam der Hellraumprojektor. Folienreigen ersetzten vollgeschriebene Wandtafeln. Filzschreiber galten mehr als Kreiden. Es gab auch wasserfeste Schreiber.

Ein Hauch von Ewigkeit – der trügt.

Je rascher das Wissen sich wandelte, umso dauerhafter wurden die Texte. Folien konnte man stapeln. «b.st.l.» war selbstverständlich. Heute arbeitet der Lehrer mit PowerPoint. Ganze Schuljahre auf einem Stick. Aus «b.st.l.» wurde USB. Ein Hauch von Ewigkeit – der trügt. Backups werden zu Müllhalden für Daten, die längst keine Gültigkeit mehr haben. Und auch digitale Speicher altern. Wo bleibt das Wort, wenn die Bits und Bytes nicht mehr greifbar sind? Wo blieb die Kreide, nachdem die Tafelchefin ihres Amtes gewaltet hatte? – Im Schwamm.

Werner Jundt

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