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Nach dem Schuljahr ist vor dem Schuljahr

Eine Lehrerin der 1. und 2. Klasse im bernischen Lyssach gibt Einblick in ihre Reflexionen und in ihre Vorhaben zum Neuanfang nach den Sommerferien. Tagebuchnotizen von Simone Badertscher.

14. Juli

Sommerferien. Mein Blick schweift über den Neuenburgersee. Eine Blässhuhnmutter taucht unter Wasser und erscheint wieder mit Wasserpflanzen im Schnabel. Das Junge frisst davon, um anschliessend selbst abzutauchen und Futter zu suchen. So wird gelernt. Vieles ist in uns Lebewesen angelegt, vieles wird durch Beobachten und Nachahmen gelernt. Das vergangene Schuljahr und die letzten anstrengenden Wochen sind noch präsent – verschiedene Gedanken und Fragen gehen mir durch den Kopf:

› Die offene Türe am Morgen vor dem Unterricht hat sich bewährt: Das individuelle Eintrudeln bietet den Schülerinnen und Schülern Gelegenheit, von ihren Sorgen und Erlebnissen zu berichten, und ich vernehme dadurch, was sie beschäftigt. › Habe ich genügend anspruchsvolle und abwechslungsreiche Übungssequenzen angeboten, damit die Schülerinnen und Schüler den Lernstoff nachhaltig aufnehmen können? › Was braucht es, damit die Kinder auch nach den ersten Schuljahren noch motiviert lernen? › Habe ich ausreichend Bewegung eingebaut, damit die körperlich aktiveren Kinder nicht nur ungeduldig warten, bis die Pausenglocke sie vom Stillsitzen erlöst? › Genügen die wenigen schriftlichen Informationen an die Eltern zu Beginn jeder Woche? Müsste ich vermehrt individuelle Rückmeldungen an die Eltern geben? Was ist bei 26 Kindern überhaupt möglich? Beschränkt sich die Kommunikation auf das Negative? › Früher habe ich oft Handpuppen eingesetzt – die Kinder hatten grosse Freude daran. Sollte ich dies wieder mehr tun?

Zum Glück bleibt noch etwas Zeit, um die Gedanken und Fragen in mir wirken zu lassen. Sicher finde ich Antworten – aber jetzt ist Zeit zur Erholung und zum Rudern entlang des Schilfgürtels.

11. August

Es ist «Ferienzeit«, aber seit fünf Tagen arbeite ich intensiv in der Schule. Vieles gibt es vorzubereiten und zu planen, von A wie ABC-Lernlandschaft bis Z wie Zähne mit Fluor putzen, die Liste ist lang. Erfreut sehe ich, dass die Klassenzimmergestaltung Form annimmt, der Raum wirkt einladend und anregend. Dank der unterrichtsfreien Zeit und der dadurch gewonnenen Distanz zur Schule kann ich vieles überdenken, neu entwickeln und andere Schwerpunkte setzen. So habe ich mich zum Beispiel entschieden, den Schülerinnen und Schülern eine grössere Auswahl an Schreibmaterialien und -unterlagen zur Verfügung zu stellen und zudem vermehrt Schreibabläufe im Grossen zu üben, bevor sie ins Basisschriftheft schreiben und damit die Feinmotorik trainieren.

Damit die Kinder der zweiten Klasse das Lesen leicht und freudig erleben können, sollten sie möglichst viel üben. Wenn Leseleistung sichtbar wird, wirkt es motivierend. Das habe ich schon durch verschiedene Methoden erfahren.Jetzt will ich einmal mit Kapplaplättchen arbeiten: Die Kinder dürfen nach jeder gelesenen Doppelseite in ihrem selbstgewählten Buch ein Kaplaplättchen stapeln. Dadurch entsteht ein sichtbarer Turm – wenn dieser zwei Meter hoch ist, erzähle ich der ganzen Klasse eine tolle Geschichte.

Bei selbst verfassten Texten möchte ich die Leistung der Kinder noch stärker belohnen und die bereits korrekt angewendete Rechtschreibung sowie die grammatikalischen Regeln hervorheben. Ich möchte Sätze wie: «Bravo, du hast schone einige Nomen gross geschrieben! Suche in deinem Text noch fünf weitere Nomen, die du auch noch gross schreiben kannst!« vermehrt unter das Produkt der kleinen Schriftsteller setzen. Ich werde die Kinder öfters einladen, ihre auf Papier geschriebenen Gedanken vorzulesen, damit die Inhalte der Texte auch das ihnen zustehende Gewicht bekommen. Dazu will ich einen speziell geschmückten Vorlesestuhl einrichten. Ich habe an ein blaues Tuch mit einem goldenen Muster gedacht.

Bei der gestrigen Weiterbildung zum Thema Humor wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig es für die Kinder (und die Erwachsenen!) ist, wenn Leichtigkeit im Raume schwebt. Durch entsprechende Gruppenspiele wird Lernen als heiteres Miteinander erlebt, es wird gelacht, kommuniziert und nachgedacht. Die Leistungsbereitschaft der Kinder wird dadurch geweckt, was den Weg für eine gute Lernatmosphäre und eine erfolgreiche Unterrichtsstunde öffnet. Ich habe mir vorgenommen, täglich mindestens einmal ein Spiel einzubauen.

Ich freue mich auf den Schulstart! Trotz der Tatsache, dass ich vermutlich auch mit meiner Erfahrung und der gründlichen Vorbereitung in der Nacht auf Montag unruhig schlafen werde, eigentlich ein gutes Zeichen: die Schule ist mir wichtig!

14. August frühmorgens

Noch bin ich alleine im Klassenzimmer. Die Sonnenblumen stehen bereit, die Wandtafelzeichnung ist gelungen, die Hefte sind mit Namen versehen.

Dank der unterrichtsfreien Zeit und der dadurch gewonnenen Distanz zu Schule kann ich vieles überdenken, neu entwickeln und andere Schwerpunkte setzen.

Alles ist neu, vieles muss gelernt werden. Wenn ich nur an den Umgang mit dem Pultdeckel denke! Wie muss das Kind ihn halten, wenn es das Pult schliessen will, damit er nicht knallt? Und wie organisiert es sich, wenn es bereits Hefte auf dem Pult hat, danach aber noch Farben benötigt? Fällt alles runter, oder legt es die Gegenstände auf den Pultdeckel des Nachbarn? Ist dieser überhaupt einverstanden? Kleinigkeiten benötigen viel Zeit, mehr, als ich mir vorher vorstelle. Diese Zeit nehme ich mir, damit die Schülerinnen und Schüler entspannt den Schulalltag bewältigen können. Ich möchte auch den Eltern und mir diese Zeit geben. Wie schnell drängt mich jedoch der Alltag mit seinem Zeitdruck zu dem Erledigen! Achtsamkeit, eine mir immer wichtiger werdende Grundhaltung, macht es mir aber bewusst und so kann ich immer wieder von Neuem entschleunigen.

19. August

Die erste Woche hat auch für mich sehr viele neue Erfahrungen gebracht – sogar in Situationen, die sich jedes Jahr wiederholen: Gestern habe ich die Handpuppe «Igel Igor« eingeführt. Als ich den Kindern erklärte, dass Igor noch keine Buchstaben kenne und gerne von ihnen zumindest den ersten Buchstaben seines Namens lernen möchte, erklärten diese mit funkelnden Augen, wie man das I schreiben müsse. Dabei betrachteten die Kinder nur noch Igor, nicht mehr mich. Wie schön dieser Moment war, für mich wie für sie! Dies bestärkt mich darin, mit Igor und anderen Tieren den Unterricht lebendiger und schülernäher zu machen und mich damit auch etwas aus dem Zentrum zu nehmen.

Ein besonders schönes und berührendes Erlebnis ergab sich durch eine an sich heikle Aufgabe für mich. In meiner ersten Klasse sitzt ein Mädchen mit der Diagnose «Selektiver Mutismus». Selektiver Mutismus ist durch selektives Sprechen mit bestimmten Personen oder nur in definierten Situationen gekennzeichnet. Nach der sorgfältigen Besprechung mit der ehemaligen Kindergärtnerin stellte ich mich darauf ein, dass die Schülerin im Unterricht sehr lange nicht mit mir sprechen wird. Am ersten Schultag gab sie mir nicht einmal die Hand. Ansonsten schien sie aber zufrieden zu sein. Welche Überraschung, welches Glücksgefühl durfte ich erleben, als sie am dritten Tag bereits einige Sätze zu mir sagte! Hoffentlich war das nicht nur ein kurzer Auftaucher, sondern ein Schritt in eine unglaublich wichtige Richtung! Ob Igel Igor und die Spiele dazu beigetragen haben, dass sich das Mädchen öffnen kann? Ich bin gespannt, welche Entwicklung ich in den nächsten zwei Jahren noch ermöglichen und erleben darf.

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