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Schaff’ ich das wirklich? Halte ich das durch?

Nach einem Studium in Facility Management und einigen Berufsjahren in der Immobilienbewirtschaftung hat Susanne Ribeli einen Neuanfang als Lehrperson in einem Kindergarten gewagt. Von Verena Eidenbenz.

 

Profil: profil: Welchen Beruf haben Sie bis anhin ausgeübt?

A. Rüetschi: Ich studierte Facility Management an der Fachhochschule in Wädenswil. Nach Abschluss des Studiums war ich sechs Jahre in der Immobilienbewirtschaftung tätig, das heisst, ich regelte das Gebäudemanagement (Gebäudetechnik, Reinigung, Hauswartung, Grünanlagen und vieles mehr) für andere Firmen. Ich war stellvertretende Mandatsleiterin und führte auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In meinem Beruf hatte ich viel Verantwortung.

Was bewog Sie dazu, den bisherigen Beruf aufzugeben und einen Neuanfang zu wagen?

In den sechs Jahren war ich bei zwei verschiedenen Arbeitgebern tätig. Mein Beruf befriedigte mich aber nicht vollständig, sodass ich hätte sagen können: «Ich möchte noch weitere 20 bis 30 Jahre in diesem Metier tätig sein». Am Morgen eines Arbeitstages stellte ich jeweils fest, Welches waren Ihre vorbereitenden Schritte, um als Quereinsteigerin ein Studium an der PHZH beginnen zu können? Ich besorgte mir alle Unterlagen für das Studium. Nachdem ich diese genauestens geprüft hatte, meldete ich mich für das Auswahlverfahren an. Dieses durchlief ich erfolgreich. Ganz fremd war mir der Schulbereich nicht. Meine Mutter ist ehemalige Kindergärtnerin und heute als Schulische Heilpädagogin tätig. Im Januar 2016 konnte ich das Studium beginnen. Ich hatte im Vorfeld meinen Arbeitgeber informiert und konnte anfangs noch in Teilzeit weiterarbeiten, allerdings nicht mehr in der gleichen Funktion.

Welche Befürchtungen und welche Vorfreuden waren mit dem Studium verbunden?

Ich musste vieles organisieren. Als Erstes musste ich eine Betreuungsmöglichkeit für meinen Hund finden, den ich früher ins Büro mitnehmen durfte. Das Zeitmanagement war eine grosse Herausforderung. Neben der Präsenzzeit an der Pädagogischen Hochschule musste ich ja noch Schulaufgaben erledigen. Das Studieren selbst bedeutete keine allzu grosse Umstellung, da mein Erststudium ja nur gerade sechs Jahre zurücklag. Klar, am Anfang musste ich mich informieren, wie alles organisiert ist, mit welchen IT-Plattformen gearbeitet wird. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Auch die Vorstellung, nun wieder drei Jahre Studium vor mir zu haben, bereitete mir ein wenig Kopfzerbrechen. «Schaffʼ ich das wirklich, halte ich das durch?»; da kamen immer wieder Zweifel auf. Zum Glück erhielt ich von meinem Partner und meiner Familie viel Unterstützung.

Die Kinder geben mir viel zurück, mein Einsatz wird belohnt.

Mit dem Neuanfang waren auch Ängste verbunden. Was wäre, wenn das Studium doch nicht das Richtige für mich sein sollte? Oder wenn ich nicht alles würde bewältigen können – Studium, Arbeit, Partnerschaft, die Betreuung des Hundes? Bald stellte ich – insbesondere in den verschiedenen Praktika – fest, dass ich die richtige Wahl getroffen hatte, obwohl mich der grosse Aufwand viel Energie kostete. An manchen Wochenenden dachte ich: «Ich möchte wieder einmal einfach nichts tun, keine Aufgaben erledigen oder Vorbereitungen für ein Praktikum tätigen.» Die beiden Tage im Büro waren inhaltlich zum Glück nicht herausfordernd, da ich mich in diesem Metier auskannte. Trotz der Teilzeittätigkeit sank mein Einkommen drastisch, die Kosten für die Wohnung und das Leben im Allgemeinen bleiben ja trotz Studium in etwa gleich. Ich lernte, genau zu kalkulieren und mit Einschränkungen zu leben. Trotz Entbehrungen hat sich der Umstieg gelohnt! Ein Arbeitstag im Büro ist nicht vergleichbar mit einem in der Schule. Im Büro hatte ich viel zu tun, es gab sehr stressige Tage, trotzdem schien die Zeit jeweils fast stillzustehen. Im Schulalltag vergeht die Zeit jedoch im Flug. Unterrichten ist viel befriedigender. Die Kinder geben mir viel zurück, mein Einsatz wird belohnt. Obwohl es anstrengend ist, fühle ich mich ausgefüllt, das bedeutet mir viel.

Neben dem Studium arbeiten Sie nun 60 % in einem Kindergarten. Wie haben Sie sich auf den Praxiseinstieg vorbereitet?

In den eineinhalb Jahren während des Grundstudiums bereitete ich mich insbesondere auf die Praktika auf der Kindergarten- und Unterstufe vor. Wir wurden in Tandems eingesetzt und arbeiteten während zwei bis drei Wochen vollzeitlich, das heisst, wir übernahmen den Unterricht ganz, wurden aber von den Lehrpersonen beobachtet und begleitet. Wir erhielten Tipps und lernten viel. Während des ganzen Studiums wurden wir ausserdem von einer Mentorin unterstützt. Sie besuchte uns während der Praktika im Unterricht, gab uns Feedback und begleitet uns jetzt auch beim Berufseinstieg. Obwohl ich auch auf der Primarstufe hätte tätig werden können, war für mich klar, dass ich im Kindergarten, der ersten Schulstufe, beginnen möchte. Ich schliesse aber nicht aus, dass ich später auch einmal auf der Unterstufe unterrichten werde. Vor dem Einstieg nach den Sommerferien hatte ich trotzdem einige Bedenken. Ich habe noch nie als Lehrperson einen Schulanfang im Kindergarten erlebt. Es kamen Zweifel auf, ob ich den Anforderungen gerecht würde, ob mein Rucksack genüge. Entlastend ist für mich, dass ich im Projektkindergarten «Fokus starke Lernbeziehung» eine erfahrene Partnerin zur Seite habe. Sie stellt mir viel von ihrem Know-how zur Verfügung. Das hat den Druck deutlich reduziert, und ich bin sehr dankbar dafür.

Mit der Erfahrung einiger Monate im Rücken: Wie ist Ihr Einstieg gelungen?

Meine Erwartungen wurden erfüllt. Ich arbeite sehr gerne mit den Kindern und bin froh, dass ich in meiner Stellenpartnerin eine Stütze habe. Die enge Zusammenarbeit ist aber herausfordernd. Einige Regeln und Abläufe im Kindergarten bestehen schon lange. Diese muss ich übernehmen, aber auch herausspüren, was für mich stimmt, und was ich diskutieren und gemeinsam neu festlegen möchte. Die Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Kollegin ist ein zusätzliches Lernfeld, in dem ich erste Schritte wage. Als Anfängerin musste ich zuerst in diese neue Berufswelt eintauchen. Was ich etwas unterschätzt habe, ist die Vorbereitungszeit, und wie viel Zeit ich für Projekt-, Stufensitzungen und Sitzungen der Schuleinheit einplanen muss. Meine Vorstellung war: vier Morgen im Kindergarten arbeiten, die Unterrichtsvorbereitungen zu Hause erledigen und einen Tag an der PH studieren. Die Realität sieht so aus, dass ich am Morgen unterrichte, anschliessend an einer Sitzung teilnehme; und bis ich zu Hause für das Studium oder für Vorbereitungen Zeit habe, ist es fast schon Abend. Eine angemessene Zeitplanung ist mir erst jetzt möglich. In unserem Projektkindergarten braucht es enorm viel Zeit für Absprachen, da man ja sehr eng zusammenarbeitet. Ich muss gut einteilen und organisieren, denn schon bald stehen die Diplomprüfungen an, und ich muss auch noch einige Portfolios erstellen. Eine gute Balance zwischen Studium und Beruf zu finden, ist unabdingbar.

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