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Nicht in den Anfängen stecken bleiben

In der Aufnahmeklasse der Oberstufe lernen die Schülerinnen und Schüler nicht nur Deutsch, sondern auch, Teil einer neuen Gemeinschaft zu werden. Ein Besuch bei Franziska Bischofberger im Schulhaus Liguster in Zürich-Oerlikon. Von Therese Grossmann.

 

Da ich etwas früh dran bin, kann ich mich im Zimmer der Aufnahmeklasse ein wenig umsehen. Die Pultordnung deutet auf die Arbeit in zwei Gruppen hin. Dies bestätigt mir auch Franziska Bischofberger, eine der beiden Lehrerinnen des Klassenteams, die heute unterrichtet: «Links sitzen die Schülerinnen und Schüler, die erst bei Schuljahresbeginn oder noch später in die Klasse gekommen sind. Rechts diejenigen, die schon länger da sind und vielleicht bald in die Regelklasse wechseln. Wer in die Aufnahmeklasse kommt, kann hier ein Jahr bleiben.» Auf jedem Pult klebt eine Liste mit Redewendungen in Deutsch und in der jeweiligen Muttersprache. So lese ich zum Beispiel «Können Sie mir helfen?» und daneben die Übersetzung, sei es spanisch, russisch oder arabisch – zurzeit sind es Übersetzungen in zehn Sprachen. Auf dem Pult der beiden Lehrerinnen Franziska Bischofberger und Priska Näpflin klebt auch eine Liste. Sie enthält Fragen und Anweisungen an die Schülerinnen und Schüler, zum Beispiel «Verstehst du die Frage?» oder «Du kannst das Wort nachschlagen». Die Liste soll zu einem einfachen, klaren und kohärenten Sprachgebrauch der Lehrerinnen beitragen. «Das ist gerade am Anfang sehr wichtig, es gibt Sicherheit», betont die Lehrerin, «darum verwenden wir die Anredeform ‹du›, das ‹ihr› kommt erst später.» Nach und nach treffen die Schülerinnen und Schüler ein und wollen ihre Lehrerin und mich begrüssen. Das schaffen alle sprachlich schon gut.

Die Gruppe stärken

Zu Beginn der Stunde richtet sich die Lehrerin an die ganze Klasse und stellt mich und den Grund meines heutigen Besuchs vor. Sie spricht langsam, manche Sätze sagt sie auch auf Englisch, das verstehen einige der «Neuen». Zum Anfangsritual gehört es, dass jemand den heutigen Wochentag und das Datum nennt und auf die Frage «Wie ist das Wetter heute?» antwortet. Plötzlich ertönt draussen die Alarmglocke, alle halten inne und schauen gebannt die Lehrerin an. «Es ist Feueralarm! Du musst nicht Angst haben. Es ist ein Probealarm. Du gehst jetzt mit mir und den anderen nach draussen.» Auf dem Weg nach draussen treffen wir andere Klassen, die ebenfalls den Sportplatz ansteuern. Franziska Bischofberger erklärt mir, dass sie diese Situation, die alljährlich irgendeinmal im November stattfindet, sprachlich schon vorbereitet habe. Die Schülerinnen und Schüler müssten zum Beispiel wissen, was «Rauch» und «Feuer» heisse. Mit einem Knaben aus Syrien, der letztes Jahr in der Klasse war, habe sie die Situation besonders gut vorbesprochen, damit er wegen seiner Kriegserfahrungen beim Alarm nicht in Panik ausbreche. Auf dem Sportplatz warten inzwischen alle Schülerinnen und Schüler des Schulhauses, klassenweise gruppiert, auf weitere Anweisungen. Obschon in der Aufnahmeklasse noch wenig gemeinsame Sprache da ist, nehme ich lebhafte Kommunikation wahr: Es wird geneckt, mit Gesten und auf Spanisch, es wird gelacht, ich höre deutsche Wortfetzen und auch Sprachen, die ich nicht kenne. «Am Anfang können sie sich in den Pausen überhaupt nicht verständigen», kommentiert die Lehrerin, «da habe ich ihnen einfache, ‹internationale› Spiele und Spielgeräte wie zum Beispiel UNO oder Federball mit in die Pause gegeben. Zusammen zu spielen, ermöglichte gute gemeinsame Erfahrungen in entspannter Atmosphäre und stärkte die Gruppe.»

Die Sprache aufbauen

Nach der Rückkehr ins Klassenzimmer wird der Probealarm kurz besprochen. Dann geht es um die Bedeutung von alltäglichen reflexiven Verben und deren Formen. Für die eine Gruppe ist es eine Repetition, die sich als notwendig herausstellt; für die andere ist dies neu. Die Schülerinnen und Schüler sollen einer Liste von Verben wie zum Beispiel sich waschen, sich freuen, sich ärgern Cartoons zuordnen. Damit dies gelingt, ist das Nachschlagen im eigenen Wörterbuch notwendig oder das Nachfragen bei der Lehrerin. Die verschiedenen Wörterbücher widerspiegeln eindrücklich die Sprachen in der Klasse, ähnlich wie die aufgeklebten Listen auf den Pulten. Vereinzelt tauschen sich Schülerinnen und Schüler aus, die dieselbe Muttersprache sprechen. Nun bilden alle einen Sitzkreis, um die Zuordnungsaufgabe auszuwerten. Für die «Neuen» braucht es Mut, sich mit noch so wenigen Deutschkenntnissen vor allen zu äussern. Den Ausdruck der Freude zu sehen, wenn etwas Kleines gelingt, ist faszinierend. Es gelingt ja nicht nur der sprachliche Beitrag, sondern auch die Teilhabe an der Gemeinschaft. Der Aufbau von Gemeinschaft ist offensichtlich schon thematisiert worden; das sehe ich an einem kleinen Poster an der seitlichen Wandtafel. In kleinen Teams – gemischt aus den beiden Gruppen in der Klasse – spielen die Schülerinnen und Schüler einander die Verben mit Gesten und Mimik vor, damit die anderen die Bedeutung herausfinden und die Verben noch in andere Personalformen setzen können. Die Stimmung ist entspannt, gesprochen wird wenig, weil auch hier die gemeinsame Sprache noch aufgebaut werden muss.

Auf dem Weg in die Regelklasse

In vielen Unterrichtseinheiten arbeiten die beiden Gruppen an verschiedenen Aufgaben. Heute formulieren die einen eigene Beispielsätze zu den Cartoons, die anderen setzen sich mit einem Text aus einem Biologie-Sachbuch auseinander, wie es später in der Regelklasse üblich ist. Für zwei Schülerinnen steht der Übertritt unmittelbar bevor. «Sich auseinandersetzen« heisst am Ende der Zeit in der Aufnahmeklasse: Überhaupt den Mut haben, sich auf einen längeren, wahrscheinlich recht komplexen Text einzulassen und auch dann dranzubleiben, wenn die vielen unbekannten Wörter auftauchen. Es heisst, auf Bekanntes zu fokussieren und es heisst, nachzufragen, immer wieder.

 

Interview mit Franziska Bischofberger

 

Profil: profil: Die Aufnahmeklasse ist ja sprachlich auffallend heterogen. Welche anderen Aspekte von Heterogenität fallen dir auch noch auf?

Franziska Bischofberger: Zu der sprachlichen Heterogenität gehören auch die kulturelle und die kommunikative. In den verschiedenen Herkunftsländern – zurzeit sind es zehn – gibt es zum Beispiel unterschiedliche Vorstellungen von der Rolle der Kinder in der Schule und in der Familie. Oder bezüglich der Art zu kommunizieren: Schaut man sich bei der Begrüssung in die Augen, gibt man sich die Hand? Heterogen sind auch die Lebenssituationen und die Gründe, warum jemand nach Zürich-Oerlikon gekommen ist, und natürlich auch die Bildungshintergründe. Bei der einen Schülerin zum Beispiel geht es um die neue Stelle des Vaters als Arzt, bei einer anderen um die Flucht der Familie aus einem bedrohten Gebiet. Und natürlich sind, wie in jeder Klasse, die Begabungen und die kognitiven Kompetenzen ganz verschieden. Da wir in der Aufnahmeklasse Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 16 bis 17 Jahren unterrichten, sind auch die Unterschiede in der Entwicklung sehr gross.

Haben die Schülerinnen und Schüler auch etwas Gemeinsames?

Ja, sie sind alle erst seit kurzer Zeit in Zürich- Oerlikon und können kein Deutsch. Sie sind also eine Art Schicksalsgemeinschaft. Dieses Gefühl schweisst die Gruppe zusammen und ermöglicht Freundschaften, die vielleicht in einer anderen Situation nicht entstehen würden. Es ist vergleichbar mit dem Entstehen von Beziehungen, wenn ich eine Sprachschule im Ausland besuche; da rauft man sich auch auf besondere Art zusammen.

Was heisst es, in die Aufnahmeklasseeinzutreten?

Für den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin heisst es vor allem Neuorientierung – ohne Sprache als Orientierungshilfe. Wenn jemand aus einem Unterricht mit 50 Kindern auf engem Raum und einem dozierenden Lehrer an der Tafel kommt oder aus einer Untergrundschule, muss er oder sie sich hier an einer neuen Schulkultur orientieren. Ein weiterer Aspekt sind andere Verhaltenskonzepte: Hier sind zum Beispiel Selbstständigkeit und der Austausch von Gedanken etwas Wichtiges.

Die Schülerinnen und Schüler müssen sich also gleichzeitig neu orientieren und ihre Deutschkenntnisse aufbauen. Welche Verhaltensweisen helfen ihnen dabei?

Ganz wichtig ist, dass sie lernen, Fragen zu stellen. Nicht nur, wenn sie etwas sprachlich nicht verstehen, sondern auch, wenn sie eine Situation nicht verstehen. Wir üben das in der Klasse intensiv und spiegeln damit auch, wie jemand wirkt, der sein Interesse an einem Menschen oder an einer Sache zeigt. Wichtig ist natürlich, miteinander zu sprechen, auch wenn es sprachlich noch mühsam ist; das hat mit Sprachanwendung zu tun und wieder mit dem Interesse an anderen Personen. Sich zeigen und Kontakte pflegen sind zentrale Aspekte. Wir thematisieren aber auch, dass es dabei Geduld braucht.

Was bedeutet es für dich als Lehrperson, das ganze Jahr über immer wieder anzufangen?

Ich muss für die Schülerinnen und Schüler Sicherheit und Klarheit ausstrahlen und Orientierung bieten. Ich muss aber auch Leistungen einfordern, zum Beispiel sprachliche, kommunikative und kulturelle. Ich muss immer wieder Regeln zum Verhalten in der Gemeinschaft einführen und pflegen. Ich muss bei der Planung enorm flexibel sein, weil vielleicht schon nächste Woche wieder eine neue Schülerin in die Klasse kommt. Und ich muss loslassen können, denn die Jugendlichen bleiben ja maximal ein Jahr in der Aufnahmeklasse. Natürlich würde ich fachlich manchmal gerne über dieses Anfängerstadium hinauskommen und zum Beispiel an einem Thema vertiefter arbeiten. Aber grundsätzlich interessiert mich dieses permanent sich wiederholende Anfangen, in allen seinen Facetten.

Welches sind deine Wünsche für die Arbeit in der Aufnahmeklasse?

Ich kann denjenigen, die mir für kurze Zeit anvertraut sind, etwas mitgeben. Ich bin überzeugt, dass noch mehr möglich und auch notwendig wäre. Ich wünschte mir während der Zeit in der Aufnahmeklasse und beim Übergang in die Regelklasse eine höhere Betreuungsdichte. Damit die Aufbauarbeit nicht in den Anfängen stecken bleibt. Ich wünsche mir, dass die Sprachförderung und die Förderung der sozialen Integration der Schülerinnen und Schüler Aufgabe der ganzen Schule, des ganzen Systems wäre. Und dass ich und unser Klassenteam dazu etwas Wesentliches beitragen können.

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