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Aller Anfang ist schwer?

Ein schriftlich geführtes Gespräch mit dem Psychoanalytiker und Autoren Prof. Dr. Peter Schneider. Von Peter Uhr.

Profil: Was ist nun wahr: Das Sprichwort «Aller Anfang ist schwer»oder Hermann Hesses «Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne»?

Prof. Dr. Peter Schneider: Beides. Weil beides eine Seite des Anfangs anspricht, die vom jeweils anderen ausgeblendet wird. Nehmen wir als Beispiel das Klavierspielen. Man merkt beim Anfangen, dass man weit weit entfernt ist von dem, was man jemals von einer CD gehört hat. Und gleichzeitig liegt in diesem Anfang auch die Verheissung, dass man es irgendwann vielleicht einmal wenigstens halb so weit bringen könnte, wie die Pianist*innen, die man bewundert. Oder nehmen wir das erste Date: Man ist unbeholfen, weiss nicht wohin mit den Händen, man verhaspelt sich beim Sprechen – aber wenn man damit nicht zugleich eine Verheissung verbunden hätte, wäre es gar nicht zu diesem Date gekommen.

Anfangen muss jeder mal. Und zuweilen braucht es Mut dazu. Warum dann «Anfänger!» als ungehaltenes Schimpfwort?

Weil man als Fortgeschrittener vergessen hat oder vergessen will, wie schwierig der Anfang war. Und weil man sich so am anderen Anfänger für die Mühen rächen kann, die man selbst auf sich genommen hat.

Andererseits könnte es doch auch sein, dass man mit Stolz auf die eigenen Anfänge zurückblickt, vor allem, dass man sich der Herausforderung gestellt und diese bewältigt hat. Die Idee des «Rächens» gefällt mir durchaus. Aber könnte es neben dieser psychologisch nachvollziehbaren Reaktionsweise nicht auch eine andere, weniger ressentimentgeladene geben? Beim Autofahren z.B. das Behindern des eigenen Vorwärtsdrangs, in der Politik oder in der Firma der Ärger über die noch beschränkte Wahrnehmungsbreite des/der Neuen und die damit verbundene «Verwegenheit der Ahnungslosen»?

Sie haben mit beidem recht. Es gibt eben kein einheitliches Verhältnis zu den Anfängen. Man kann tatsächlich auch mit einer gewissen Rührung auf die eigenen Anfänge zurückschauen, z. B. auf den ersten Artikel, den man für die Schülerzeitung geschrieben hat. Und was die Rache angeht, so ist auch diese Erklärung gewiss nicht umfassend. Vor allem leuchtet es mir ein, dass das Schimpfen über manche Anfänger auch mit deren irritierender Mischung aus grossem Selbstbewusstsein und eher bescheidener Sachkenntnis zusammenhängen kann.

Muss man, um zu Neuem/Anderem aufbrechen zu können, auch etwas in sich aufbrechen oder etwas Äusseres abbrechen? Muss man Dinge zurücklassen, um mit leichterem Gepäck reisen zu können?

Aufbruch zu neuen Ufern – diese Metapher ist auch für Binnenländer überzeugend.

Ja. Das ist auch ein Problem aller Emigranten bzw. Immigranten. Auswanderer, die vor allem der Heimat nachhängen und dem Ortswechsel nicht mit Abenteuerlust und Neugier begegnen. Das macht die Emigration aus reiner Not immer zu einer prekären Angelegenheit.

Aufbruch zu neuen Ufern: Wie kommt man im Binnenland Schweiz dazu, diese wohl in Meeresnähe entstandene Metapher als stimmiges Bild auch für hiesiges Überwinden von Bekanntem zu akzeptieren?

Weil diese Metapher auch für Binnenländer überzeugend ist. Immerhin kann sie sich auf die grossen «Entdeckungen» neuer Kontinente berufen. Kolumbus ist in diesem Sinne eben auch ein Schweizer.

«Das war bloss Anfängerglück.» Steckt mehr hinter diesem angeblichen Zufallstreffer? Birgt die «naive» Unvoreingenommenheit eventuell ein unterschätztes Potenzial?

Schön wär’s. Aber ich glaube, das ist wishful thinking der Anfänger. Man sollte den Segen der Routine nicht unterschätzen. Denken Sie an so einfache Dinge wie das Einparken. Bei komplexeren Anfängen ist es nicht anders: Man wird besser, wenn man übt und Erfahrung gesammelt hat.

Inwieweit bedeutet, etwas Neues anzufangen auch, Bekanntes, Vertrautes, Sicherheit Vermittelndes loszulassen?

Einerseits bedeutet es diese Aufgabe von Altem; andererseits kann das Neue ja auch als Erweiterung des Alten verstanden werden. Wer damit beginnt, Flötespielen zu lernen, muss darum ja das vertraute Klavier nicht aufgeben.

Welches ist Ihrer Erfahrung nach die grösste Angst, die Menschen mit Neuanfängen, dem Sprung in Unbekanntes, verbinden?

Das hängt von dem ab, was das für ein Anfang ist. Mit dem Klavierspieln kann man ja jederzeit wieder aufhören, und darum dürfte es kaum Angst machen, damit anzufangen, ausser man ist übermässig ambitioniert und hat Angst vor der Enttäuschung. Bei einem ersten Date ist das natürlich anders; dieser Anfang kann das ganze Leben ändern, aber man kann im Voraus nicht wissen, ob es tatsächlich zum Guten oder zum Schlechten ist.

 

Illustration: Sylvia Vananderoye

 

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