farbwelt

Ich glaube an kleine Schritte, nicht an grosse Würfe

Seit August 2017 ist Sacha Dähler neuer Schulleiter an einer Schule mit 15 Klassen der Unter-, Mittel- und Oberstufe im Kanton Bern. Vorher leitete er sechs Jahre lang die Schweizer Schule in Singapur. In einem Interview gibt er Auskunft über seine Visionen, seine Stärken und Neuanfänge. Von Hansruedi Hediger.

profil: Was hat dich bewogen, dich um die neue Stelle in der Schweiz zu bewerben?

 

Sacha Dähler

Sacha Dähler: Von Anfang an rechneten meine Frau und ich mit einer zeitlich begrenzten Arbeit in Singapur. Nun sind sechs Jahre daraus geworden, und es ist richtig, etwas Neues zu beginnen. Natürlich hat dieser Entscheid auch mit unseren beiden Kindern zu tun. Sie lebten in der Grossstadt Singapur in einer Art Luxusblase, in einer künstlichen Welt mit Playdates, in der Sachen eine Wichtigkeit bekamen, die aus Distanz betrachtet nicht so wichtig waren. Hier wollen wir ihnen eine Kindheit bieten, in der sie sich draussen und in der Natur gefahrlos aufhalten und auch einmal richtig dreckig werden dürfen.

Welches sind deine Stärken?

Das ist eine schwierige Frage. Auf den Beruf bezogen bin ich eine relativ integrierende, ausgleichende Person. Ich polarisiere nicht, kann aber auch klare Positionen vertreten. Ich kann mit den Leuten auf der Beziehungsebene reden und ihnen zuhören, auch wenn sie nicht gleicher Meinung sind. Mit unliebsamen Entscheidungen habe ich heute weniger Mühe als früher. Das Schriftliche, würde ich sagen, ist auch eine Stärke. Mein Traumberuf wäre eigentlich Schriftsteller gewesen. Aber dazu hat mir der Mut dann doch gefehlt, und die Disziplin. Auch Journalismus hätte mich interessiert, aber die Journalisten haben so unmögliche Arbeitszeiten. Mit Details und Daten stehe ich allerdings auf Kriegsfuss. Da bin ich sehr froh um meine Sekretärin.

Welche Erfahrungen nimmst du von Singapur mit in die Schweiz?

Mir nützt, das System Schule schon in einem anderen Zusammenhang erlebt zu haben. Als Unternehmen in einem Markt. Und auch die spannenden Begegnungen mit verschiedensten Kulturen. Ich hatte mit Hilfsarbeitern aus Bangladesch zu tun, die das Dach reparierten, und kurz darauf mit Bankdirektoren. Diese Erfahrungen sind für mich etwas sehr Kostbares und Bereicherndes. Das Konkreteste hingegen, das ich mitgenommen habe, ist die Familie: Ich bin mit meiner Frau ausgezogen und mit einer Familie zurückgekommen.

Was möchtest du hier bewegen, und welche Visionen hast du?

Ich möchte nach Lösungen streben und mir nicht einfach ein Denkmal setzen. Natürlich habe ich Visionen, und gleichzeitig bin ich auch pragmatisch. Man kann Kinder und Lehrpersonen nur dort abholen, wo sie sind. Das hat einen grossen Einfluss darauf, was machbar ist. Wir neigen manchmal dazu, allzu lange Konzepte auszuarbeiten. Wenn wir dann endlich mit der Umsetzung beginnen, merken wir, dass ja alles anders ist. Ins Handeln kommen ist wichtig. Ich glaube nicht an grosse Würfe, ich glaube an kleine Schritte. Wie Wasser, das durch eine Mauer sickert und sie schliesslich zum Brechen bringt.

Was steht in deiner Antrittsrede vor dem Kollegium?

Wie man so schön sagt: You will never get a second chance to make a first impression. Ich will eine gewisse Prise Humor, eine gewisse Leichtigkeit, aber auch eine Vision von Schule vermitteln. Ich werde bewusst viele Bilder wählen. Somit kann ich auch freier sprechen. Nervös bin ich trotzdem ein bisschen. Ich fühle mich noch wie in einem Anzug, der nicht recht passt. Ich schätze es aber sehr, dass die beiden ehemaligen Schulleiterinnen mir die erste Konferenz so gut vorbereitet haben.

Du gibst im Moment neben dem Schulleiteramt keinen Unterricht.

Das ist richtig. Ich habe früher sehr gerne unterrichtet. Aber gerade bei meinem Wechsel gibt es am Anfang viel mehr zu tun. Und so kann ich mich auf mein Amt konzentrieren und auch da sein, wenn es Zwischenfälle gibt. Für das zweite Jahr wird eine stellvertretende Schulleitung gewählt, dann stellt sich sicher die Frage, ob ich daneben noch unterrichten soll. Die Nähe zum eigentlichen Unterricht will ich mir bewahren.

Was bedeutet dir der Neuanfang?

Anfänger sein ist eine Rolle, die Lehrpersonen von anderen immer wieder einfordern, jedoch selbst Mühe haben damit. Alles ist neu. Wann habe ich selbst wieder die Chance, mich neu zu definieren und zu entdecken? Die Rolle als Anfänger finde ich unheimlich wichtig, um beweglich zu sein, nicht stehen zu bleiben, nicht zu verkrusten. Vor einiger Zeit bin ich von Singapur hierher aufgebrochen, habe eine Kruste aufgebrochen. Ich habe eine gewisse Angst davor, in feste Bahnen zu geraten und nur noch das zu machen, was man eh schon kann. Aber Aufbrechen heisst auch, man muss etwas loslassen können, mit etwas aufhören können. Sonst kann man nichts Neues beginnen.

Wie hast du nun die ersten 100 Tage als Schulleiter erlebt?

Mir ist es wohl, ich habe einen guten Entscheid getroffen. Ich strukturiere weiterhin Prozesse und Abläufe und will nachhaltig organisieren. Denn effizientes Management schafft Zeit für das Wesentliche. Damit habe ich mir bisher Zeit gelassen und werde mir noch weiterhin Zeit lassen müssen. Ich habe jedoch gehofft, etwas früher aus dieser organisatorischen und administrativen Phase herauszukommen.

Aber das ist der Unterschied zum Anfang: Jetzt habe ich einen Überblick gewonnen, wo wir alle miteinander stehen und wen man ins Boot holen kann, um gemeinsam auf die Reise zu gehen. Es ist mir bewusst, dass es nie einen Idealzustand geben wird, doch solange wir unterwegs sind, habe ich ein gutes Gefühl.

Unsere Schule hat viele Stärken, und ich lerne jeden Tag weitere kennen. Aber wenn man weiss, wie schnell sich die Welt verändert, genügt es nicht, immer das Gleiche gut zu machen. Viele gute und wertvolle Gewohnheiten und Abläufe betreffen einen Bereich, der mit Unterricht wenig zu tun hat. Das ist einerseits gut für die Schulkultur, für die Identität einer Schule, aber andererseits muss Schulentwicklung in erster Linie vom Unterricht ausgehen. Solche Änderungen hingegen berühren die Komfortzone jeder einzelnen Lehrperson. Damit scheucht man die Leute auch ein bisschen auf. Aber nur so wird unsere Schule lebendig bleiben.

AnhangGröße
PDF icon profil_2018-01_artikel_08.pdf3.35 MB