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Endlich richtig arbeiten

Genug vom Lernen und von der Schule - endlich richtig arbeiten. Das hat sich auch Sereina im letzten Realschuljahr gesagt. Jetzt macht sie ein Sozialjahr in einem Pflegeheim und ist erfüllt von ihrer Arbeit.
Von Hansruedi Hediger.

Es ist schwierig, mit Sereina und ihrer Mutter einen Termin für ein Gespräch zu vereinbaren; die Agenda meiner ehemaligen Realschülerin ist gefüllt. Zwischen Schule und dem Training am Abend finden wir endlich doch noch einen Termin, aber nur, weil die Mutter ihre Tochter ausnahmsweise mit dem Auto ins Training fährt.

 

Sereina habe ich im Unterricht als eine eher zurückhaltende, ruhige Schülerin erlebt. Ihre gewachsene Selbstsicherheit, ihre Reife und ihre Freude an der Arbeit sind nun deutlich spürbar. «Diese Woche arbeite ich von Montag bis Samstag. Im Pflegeheim beschäftige ich mich mit dementen, aber auch mit anderen pflegebedürftigen Personen. Ich wasche und pflege sie, unterhalte sie mit Geschichten, erfahre nebenbei ihre Lebensgeschichten, gehe mit ihnen spazieren oder bringe das Essen. Diese Arbeiten mache ich sehr gerne. Es ist zwar nicht immer einfach, doch ich glaube, dass ich auch mit schwierigen Patienten genug Geduld und Einfühlungsvermögen habe. Kürzlich ist ein Mann gestorben, den ich in den letzten Tagen begleitet habe. Das hat mich natürlich sehr beschäftigt, aber ich muss lernen, damit umzugehen. Zuhause erzähle ich viel von meinen Erlebnissen, auch um sie zu verarbeiten. Jeden Dienstag habe ich ausserdem Schule mit allgemeinbildenden Fächern, mit Psychologie und Pädagogik, Anatomie und Gesundheitslehre.»

Sereina hat ihre Ausbildung selbst gewählt und dabei Glück gehabt: Ihre Entscheidung wird heute von beiden Elternteilen vorbehaltlos unterstützt, obschon vor allem ihr Vater den Berufswunsch immer wieder diskutiert und hinterfragt hat. Die Mutter betont, dass ihr die Freude der Tochter an ihrem Beruf das Wichtigste sei und nicht etwa eine Matur mit einem Studium: «Die Persönlichkeit von Sereina wird dadurch positiv beeinflusst; sie ist ernsthafter geworden und übernimmt oft Arbeiten, die Gleichaltrigen noch nicht zugetraut werden. Wenn sie alleine unterwegs ist, habe ich volles Vertrauen in sie. Sie hat eine grosse Selbstständigkeit entwickelt, vor allem wenn die restliche Familie an Wochenenden unterwegs und Sereina alleine zuhause ist. Oder wenn sie am Morgen als Erste aufsteht und am Abend als Letzte heimkommt.»

Sie ist ernsthafter geworden und übernimmt oft Arbeiten, die Gleichaltrigen noch nicht zugetraut werden.

Sereina braucht den Sport als Ausgleich für die Arbeit. Das hat sich seit der Schulzeit nicht geändert. Mehrmals pro Woche macht sie Geräteturnen und trainiert als Cheerleaderin. Die Trainings sind hart, aber mit ihrer Cheerleading- Gruppe «Capital Hornets» ist sie immerhin Schweizer Meisterin. Natürlich ist die Freizeit nach der Schule rar geworden. Trotzdem hat sie noch regelmässig Kontakt zu den Schulfreundinnen. Kürzlich hat sie die ehemalige altersdurchmischte Realklasse besucht und von ihrer Ausbildung erzählt. Ihre Erfahrungen und Erinnerungen an die Schule sind positiv: «In einer Mischklasse hat man zum Beispiel immer Vorbilder oder ist später selbst Vorbild. Bevor man den Jüngeren etwas erklären kann, muss man es selbst gut begriffen haben. Das kennt man in einer Jahrgangsklasse kaum.»

Eine erfreuliche Neuigkeit: Sereina hat die Zusage für eine Berufslehre als Fachfrau Gesundheit erhalten – im gleichen Pflegeheim. Eine gute Voraussetzung, die ihr später viele berufliche Möglichkeiten offenhält.

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