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mein & aber

Julia Koch

Julia Koch

Meine Umgebung ist geprägt von umherfliegenden Hormonen, und ich muss schauen, dass ich in diesem Testosteron- und Östrogen- Nebel meinen Weg finde. Ich unterrichte eine neunte Klasse und stehe mehrere Stunden am Tag vor Menschen, deren Gehirne in Hormonen schwimmen. Wenn ich dann nach Hause komme, warten meine zwei Töchter, ebenfalls im saftigsten Teenageralter, auf mich, um ihren Weltenschmerz an mir abreagieren zu können …

Was wiegt schwerer? Die Absage einer erhofften Lehrstelle oder der Korb des heimlich geliebten Schatzes?

Der Beginn des Lebens als Erwachsene oder Erwachsener heisst zugleich auch Abschied nehmen vom Kind-sein-dürfen, und Abschied nehmen schmerzt bekanntlich sehr. Eigentlich müssten alle Jugendlichen das Recht haben, diese Zeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu durchleben. Stattdessen sind sie gezwungen, ausgerechnet jetzt den Grundstein ihrer beruflichen Karriere zu wählen. Doch wie soll das funktionieren, wenn das Gehirn von Hormonen überflutet wird? Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Was wiegt schwerer? Die Absage einer erhofften Lehrstelle oder der Korb des heimlich geliebten Schatzes?

Genau hier bin ich als Erwachsene gefragt und ja, auch gefordert. Ich biete den Teenagern gut erkennbare Wegweiser an, wenn sie im besagten Hormonnebel die Orientierung zu verlieren drohen. Ich beantworte sogar nachts eingehende SMS, wenn der Liebeskummer zu arg sticht, ich halte zu Hause das Türeknallen ebenso aus wie die voll aufgedrehte Musikanlage. Ich wage zu behaupten, dass ich geübt bin im Umgang mit Pubertierenden und viel aushalten kann, aber wenn auch ich im Hormonnebel die Orientierung zu verlieren drohe, dann frage ich mich: Was ist eigentlich mit meinen Hormönchen?

Julia Koch

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