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Besuch in der Timeout-Klasse

In verschiedenen Sportarten kann der Trainer, die Trainerin eine Auszeit nehmen, um eine Schwächephase der eigenen Mannschaft zu unter­brechen, taktische Änderungen zu kommunizieren oder einfach auch, um der Mannschaft eine kurze Verschnaufpause zu verschaffen. Doch was bedeutet ein Timeout in der Schule? Ein Besuch in der Timeout-Klasse Frauenfeld soll bei der Antwortsuche helfen.
Von Christian Graf.

Das soll ein Schulhaus sein? Das Wohnhaus mitten in einem Quartier von Einfamilienhäusern entspricht definitiv nicht meinen Vorstellungen einer Schule. Doch die Adresse stimmt, hier ist die Timeout-Klasse Frauenfeld zuhause, eine Tagesschule für Jugendliche, die sich nicht mehr in ihrer Klasse zurechtfinden, den Sinn des Besuchs der Schule aus den Augen verloren haben oder in eine persönliche Notsituation geraten sind. Die sechs Jugendlichen haben soeben das Mittagessen beendet und beginnen, gemeinsam aufzuräumen. «Zähne putzen nicht vergessen», ruft Franziska Stöckli in die Runde. Ihre Anweisungen sind knapp und klar, alle wissen, was zu tun ist. Mindestens drei, maximal sechs Monate verbringen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe in der Timeout-Klasse. Wie erleben sie diese Zeit, wie erklären sie den profil-Leserinnen und -Lesern die Timeout-Klasse? Gian-Marco versucht es als Erster: «Die Timeout-Klasse ist sehr intensiv. Die langen Tage in der Gruppe, die Einhaltung der strengen Regeln und die nahe Begleitung in schulischen Belangen fordern mich deutlich mehr als meine bisherige Schule. Aber ich weiss, dass dies meine letzte Chance ist im Hinblick auf die Lehrstellensuche. Ich habe drei Monate Zeit, Versäumtes nachzuholen.»

Timeout ist eine Schule, die einem die Chance für Veränderung gibt und das Potenzial der Schülerinnen und Schüler erkennt.

Ohne dazu aufgefordert zu werden, erzählen alle Schülerinnen und Schüler, wie sie in die Timeout-Klasse gekommen sind. Schlechte schulische Leistungen in der Regelklasse, fehlende Motivation und Probleme mit der Konzentration, rüpelhaftes Benehmen, Probleme im familiären Umfeld — die Offenheit der Jugendlichen und ihr ausgeprägtes Vermögen, sich selbst und das eigene Verhalten zu reflektieren, erstaunen den Zuhörer. In druckreifen Sätzen beschreibt Melissa die Timeout-Klasse: «Timeout ist eine Schule, die einem die Chance für Veränderung gibt, die das Potenzial der Schülerinnen und Schüler erkennt und diese darin unterstützt, wieder ein Ziel zu finden und dieses hartnäckig zu verfolgen.» Melissa, in der Zwischenzeit zurück in der Regelklasse, kommt häufig als Gast zum Mittagessen ins Timeout. Besonders, wenn sie spürt, dass sie in alte Muster zu verfallen droht, holt sie sich mit dem Besuch die Erinnerung an ihre Monate in der Gemeinschaft der Timeout-Klasse zurück und nimmt diese als Bestätigung mit in ihren Alltag. Franziska Stöckli, die seit 9 Jahren als Klassenlehrerin arbeitet und die Timeout-Klasse zusammen mit einem Fachlehrer und einem Co-Leiter für das Familiencoaching prägt, hebt folgende Faktoren besonders hervor: «Die kleine Gruppengrösse und die enge Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen der Regelklassen und den Eltern schaffen die Voraussetzungen, die Timeout-Jugendlichen individuell und in der Gemeinschaft zu stärken. Dabei setzen wir auf die Einhaltung der Regeln, schauen in Diskussionen und Auseinandersetzungen genau hin und geben nicht nach, schon gar nicht auf.» Stärkung und Beharrlichkeit in Fragen des individuellen Verhaltens und Lernens sind das eine, konkrete Projekte zur Förderung des Gemeinschaftsgefühls das andere.

Ein Blick in den Flyer gibt Aufschluss über das Konzept der Timeout-Klasse Frauenfeld:

Was bringt ein Timeout …
… für die Jugendlichen?

  • Auszeit und damit Abstand von Klasse, Kolleginnen/Kollegen und Lehrpersonen
  • Chance zum Überdenken des eigenen Verhaltens
  • strukturierter Fünftagesbetrieb inklusive Mittagstisch, Lernbegleitung und Aufgabenhilfe
  • Stärkung des Selbstvertrauens durch Erfolgserlebnisse

…  für die Eltern?

  • die Eltern werden in ihrer Erziehungsverantwortung gestärkt und begleitet
  • ihre Strategien im Umgang mit ihren jugendlichen Kindern im familiären Alltag werden erweitert
  • die Unterstützung ist dank Netzwerkarbeit nachhaltig ausgerichtet

 … für die Lehrperson und die Klasse?

  • Beruhigung der Situation
  • Aufarbeitung von Geschehenem
  • Vorbereitung der Reintegration

 

An der Vernissage der Kunstprojekte im Juni 2018 zeigen Timeout-Schülerinnen und -schüler stolz ihre Werke. Zum Anlass finden sich auch ehemalige Schülerinnen und Schüler ein – ein Wiedersehen, das alle sichtlich berührt. Während des offiziellen Festaktes finden nicht alle Teilnehmenden im Saal Platz, zu gross ist das Interesse an dieser besonderen Klasse und ihren Werken.

Die Kunstprojekte — die Website der Timeout-Klasse nennt sich «Kunst statt Krawall» — sowie die gemeinsame Zubereitung aller Mahlzeiten im Timeout führen immer wieder zu Anlässen, an denen die Jugendlichen ihre Erfahrungen und ihr Potenzial öffentlich zeigen. Kein Zufall also, dass die Initiative für die Schaffung des vegetarisch ausgerichteten Kochbuchs «Greentopf», von der Timeout-Klasse Frauenfeld ausging (Bericht in der nächsten profil-Ausgabe). Der Besuch in Frauenfeld hat mein Verständnis von «Timeout» verändert — eine kurze Verschnaufpause ist es definitiv nicht. Oder hat das spezielle Angebot der Sekundarschule Frauenfeld einfach den falschen Namen?

Mehr dazu: www.kunst-statt-krawall.ch

Nachtrag: Nach einem schwierigen Jahr mit Veränderungen im Umfeld haben die beiden Lehrpersonen, Franziska Stöckli und Daniel Gächter, die Timeout-Klasse auf Sommer 2018 verlassen. Ob und wie es weitergeht, ist bei Redaktionsschluss noch offen.

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