farbwelt

Ein kleiner Hecht

Kinder machen mit ihrer Heilpädagogin erste Schritte auf dem Weg zur Selbstreflexion: Sie lernen eigene Erfahrungen beschreiben und emotional bewerten. Dabei werden Ressourcen fürs Lernen sichtbar. Ein Besuch im Schulhaus Wynigen. Von Therese Grossmann.

 

Regen fällt, und es ist grau, als ich vom Bahnhof Wynigen Richtung Schulhaus gehe. Umso bunter kommen mir die grossen Kinderzeichnungen in den Gängen entgegen. Heute arbeitet die Heilpädagogin Therese Schneider indivi­duell mit den beiden siebenjährigen Kindern Peter und Regula, sie besuchen die 1.–3. Klasse.

Auf dem Tisch liegt «Meine Bilder», Peters kleines Zeichnungsbuch. «Erinnerst du dich noch, wie du letzte Woche eine Situation zu einem guten Gefühl gezeichnet hast?» Als Peter nicht antwortet, zeigt Therese Schneider auf eine Zeichnung im Buch. «Das bin ich beim Velofahren», kommentiert dieser und beschreibt detailliert und wortreich seine Zeichnung. Ob er dabei die Erinnerung an die Situation mit dem Erlebnis eines guten Gefühls verbindet, bleibt offen. Auch bei der nächsten Aufgabe geht es wieder um möglichst genaue Erinnerungen und deren persönliche Wertung. Peter soll nochmals seinen Schulweg und das Ankommen im Klassenzimmer vorbeiziehen lassen — wie einen Film, der aus vielen detaillierten Einzelbildern besteht. Nach Peters Schilderungen fragt die Heilpädagogin, ob es heute Morgen überhaupt ein gutes Gefühl gegeben habe — Peter antwortet nicht. Da bittet sie ihn, die Augen zu schliessen und wiederholt aufgrund ihrer Notizen nochmals die von Peter beschriebenen Einzelbilder. «Wenn ich im Auto bin bei Mama», sagt Peter mit geschlossenen Augen und ergänzt, «ich sehe ein Auto auf der Strasse». Mehr möchte er offensichtlich nicht sagen, da fügt Therese Schneider hinzu: «Dabei hast du ein gutes Gefühl, wie letztes Mal beim Velofahren.» Peter nickt und freut sich, dass er die Szene mit Mama im Auto zeichnen darf. Während er seinen roten Farbstift spitzt, um das Auto zu zeichnen, bin ich gedanklich noch bei meinen Beobachtungen: Peter fällt es offenbar nicht schwer, auf eigene Handlungen zurückzublicken und diese auch zu formulieren. Das sind beides gute Voraussetzungen für die Entwicklung von Reflexionsfähigkeit. Frappant ist, wie die gezeichneten Erinnerungen zu differenzierten Formulierungen führen. Was Peter Mühe macht, ist die emotionale Bewertung von Situa­tionen — eine weitere Komponente von Refle­xionsfähigkeit.

Auch Regula hat die Aufgabe, das Ankommen in der Schule und die erste Stunde zu beschreiben. Sie erinnert sich an viele Details: Wie sie die Lehrerin begrüsst, wie sie an ihren Platz geht und mit ihrem Stift spielt, wie die Lehrerin die neue Aufgabe gibt und wie Regula die Aufgabe löst. Regula spricht langsam und in einer einfachen Sprache, sie braucht Zeit, bis sie eine neue Erinnerung formuliert hat. «Was war bei dir heute Morgen schwierig?» fragt die Heilpädagogin. «Ich finde gar nichts schwierig», antwortet Regula. Da schlägt Therese Schneider vor, sie spiele nun die Lehrerin und gebe Regula die Aufgabe. Aber auch nach dieser Szene wiederholt Regula: «Da ist nichts schwierig, ich gehe einfach Felix fragen.» Ein weiteres kleines Rollenspiel ergibt, dass Regula mit «fragen» meint, zu Felix zu gehen und von ihm abzuschreiben. In mir regt sich der Verdacht, dass Regula die Auseinandersetzung mit einer Aufgabe im Unterricht jeweils auslässt. Ich bin froh um das Angebot eines weiteren Unterrichtsbesuchs. So fahre ich drei Wochen später nochmals nach Wynigen. Heute geht es um den Rückblick auf eine Aufgabe aus dem Klassenunterricht zum Thema «Aufgabe eines Schafhirten». Die Schülerinnen und Schüler hatten den Auftrag, aus einer mündlichen Besprechung Stichworte auf ein Arbeitsblatt zu schreiben. «Das ist ein Schafhirt, er macht so und so», kommentiert Regula und zeigt auf den Hirten mit den Schafen auf ihrem Blatt, mehr sagt sie nicht. Die Heilpädagogin schlägt Regula vor, dass sie beide nun die Augen schliessen, um sich den Schafhirten besser vorstellen zu können. «Mein Schafhirt ist draussen auf dem Feld», beginnt Therese Schneider, «er trägt einen Hut und einen Mantel. Ist deiner auch draussen?» Regula wartet eine Weile und sagt dann: «Jetzt ist er auch nach draussen gegangen.» «Mein Schafhirt steht bei den Schafen», fährt die Heilpädagogin fort», «er schaut zu den Schafen.» «Das macht meiner auch», meint Regula. Als Therese Schneider Bellgeräusche macht, reagiert Regula rasch: «Aha, da ist ja noch ein Hund!», ruft sie lachend. Auf die Frage, warum er denn einen Hund brauche, kommt wieder eine rasche Antwort: «Er kann nicht an allen Orten gleichzeitig schauen!» Ich bin verblüfft: Welch komplexe Vorstellung und Sprache für Regula plötzlich möglich sind. Ohne zu zögern schreibt Regula den Satz aufs Blatt und liest ihn nachher nochmals vor. Nun soll auch Regula auf die Aufgabe zurückblicken und sagen, was schwierig war: «Wenn ich die Augen schliessen und auf das Bild warten muss.» Trotz dieser Anstrengung sind für Regula die inneren Bilder eine Ressource wie auch die kleinen Szenen. Sie helfen Regula, eine Vorstellung zu entwickeln — zum Beispiel vom Inhalt einer Aufgabe. Sinnvoll für Regula und für ihr Lernen unabdingbar wird es sein, mit ihr jeweils zu klären, ob und wie sie die Aufgabe verstanden hat. Es sind die kleinen Zwischenreflexionen, die Regulas Lernchancen erhöhen.

Auch vor Peter liegt das Arbeitsblatt mit dem Schafhirten. Peter kann den Auftrag selbstständig beschreiben und das von ihm im Klassenunterricht notierte Wort «Geburt» lesen und erklären. Die beiden anderen Wörter auf dem Arbeitsblatt «strähle» und «Klauen» kann er nicht mehr lesen, Therese Schneider liest sie ihm vor. Als er die Wörter hört, hat er sofort eine Erklärung: «In jedem 2. Jahr musste der Hirt den Schafen die Klauen schneiden». Auf die Frage, warum er die Wörter nicht mehr lesen könne, antwortet Peter, sein Götti — ein Knabe aus der 3. Klasse — habe sie ihm aufgeschrieben. Therese Schneider öffnet Peters Büchlein «Meine Bilder» und zeigt je auf die Zeichnung zu «Das ist für mich anstrengend» und «Da habe ich ein gutes Gefühl». Sie will wissen, ob eines der Gefühle, die Peter früher gezeichnet habe, auch auf den Auftrag zum Schafhirten zutreffe. Peter antwortet nicht, nickt aber zu der Frage, ob er verstehe, was er tun solle. Als er weiter schweigt, formuliert Therese Schneider: «Du denkst nicht gerne darüber nach, wie etwas für dich war, du möchtest jetzt wohl am liebsten woanders sein.» Peter bestätigt das und ergänzt: «Ja, jetzt möchte ich mit Papa beim Fischen sein, da sagt er mir, wann ich die Angelrute auswerfen und wann ich sie einziehen muss.» Therese Schneider erklärt mir nach der Stunde, dass sie mit Peter am Zugang zu seinen Befindlichkeiten arbeiten will. Damit er zum Beispiel Gelungenes erkennt und daraus ein Stärkegefühl entwickeln kann. Sie will den Ansatz weiterverfolgen, Peters Zeichnungen als Ressourcen zu nehmen. «In der folgenden Lektion habe ich Peter Adjektive wie «stolz» und «glücklich» gegeben», erzählt mir Therese Schneider ein paar Wochen später. «Dazu musste er persönliche Situa­tionen suchen; wieder sprach er vom Angeln und davon, wie er einen Hecht gefangen hat. Peter hat den Hecht dann gerne gezeichnet und die Szene sehr genau beschrieben.»

Die Heilpädagogin erzählt, wie sie mit Peter auch auf seine Konzentrationsschwierigkeiten im Klassenunterricht, zum Beispiel beim Buchstabenschreiben, zu sprechen gekommen sei.» Ich muss es einfach besser machen», habe Peter vorgeschlagen. Sie habe gefragt, ob vielleicht das Bild des Hechts helfen würde, er habe es ja mit einem guten Gefühl verbunden. Peter habe geantwortet: «Ein kleiner Hecht auf meinem Pult als Glücksbringer wäre gut. Dann habe ich ein gutes Gefühl!» Wie ich von Therese Schneider höre, hat der Vater am Elterngespräch angeboten, in seinem Fischclub einen kleinen Hecht aus Kunststoff zu besorgen. Zwei Kinder in einer heilpädagogisch betreuten Unterrichtssituation. Dank der umsichtigen Begleitung werden bei beiden Ressourcen zur Entwicklung ihrer Selbstreflexion erkennbar und damit auch zur Entwicklung ihres Lernens.

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