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15 Jahre «Lehrer um die 40»

Zehn Lehrer haben sich im Jahr 2003 für einen Kurs mit dem Titel «Lehrer um die 40» eingeschrieben. Das Seminar war gedacht als Standortbestimmung, unter anderem auch im Sinn einer Burnout-Prävention. Hat’s den Teilnehmern tatsächlich etwas gebracht?

Von Peter Uhr.

Dieser Frage nachzugehen, dafür diente die «Standortbestimmung 15 Jahre nach der Standortbestimmung», zu der sich eines frühen Abends im Mai Peter Keimer, Hansruedi Hediger und Benedikt (Bänz) Huber mit dem Verfasser dieses Beitrags trafen. Peter Keimer, der damalige Kursleiter und Coach, ist sich bewusst, dass Selbstvergewisserung und eine allfällige neue Weichenstellung einen längeren Prozess als ein paar wenige Kurstage und -weekends erfordern. Damit man am mit den Verantwort­lichen der bernischen Lehrerbildung vereinbarten Ziel «Burnout-Prävention» dennoch arbeiten konnte, durfte man es nicht beim Kratzen an der Oberfläche bewenden lassen. Denn um Impulse in Richtung Weiterentwicklung der Selbst- und Sozialkompetenz auszulösen, musste man etwas tiefer bohren. Sahen sich die zehn Teilnehmer schon vor dem Kurs einer leicht spöttischen Neugier seitens einzelner Kolleginnen und Kollegen ausgesetzt, merkten sie im Verlauf des Seminars, dass es durchaus ans Eingemachte ging.

Auf die Frage, warum der Kurs damals spezifisch für Männer ausgeschrieben wurde, erläutert Peter Keimer: Frauen hätten sich damals in diesem Alter oft in einer anderen Lebenssituation befunden. Etliche seien nach einer «Kinderpause» erst gerade wieder in die Schule zurückgekehrt. Dadurch, sagt Peter Keimer, «stellten sich ihnen gewisse Fragen (noch) nicht oder anders». Männer hingegen hätten selten einen längeren Unterbruch ihrer Unterrichtsarbeit gehabt, und sie hätten – zumindest damals – teilweise gezögert, Fragen zu ihrer Person, ihrer Rolle, ihrer Belastbarkeit und ihren Grenzen zuzulassen.

Auch im profil-Gespräch geht es unter anderem wiederholt um traditionelle und zeitgemässe Männerbilder. Männer, die sich mit anderen über ihre Befindlichkeit, Wünsche und allenfalls Ängste frei und ehrlich unterhalten? Männer, die ihr Funktionieren, ihre Rolle befragen? Die Fragen und Unsicherheit zulassen und aushalten? Und die sich von den hergebrachten Rollenerwartungen ihrer Umgebung nicht irritieren lassen und sich einer Standortbe– stimmung mit offenem Ausgang stellen? Ging es also ausschliesslich um Persönlichkeitspsychologie und -entwicklung bei den «Lehrern um die 40»? Peter Keimer bejaht dies mit einem Aber: Durch das vorgegebene Präventionsziel sei dieser Ansatz damals richtig gewesen. Heute aber würde er zusätzlich stärker das Kollektiv betonen. Der Einzelne könne zwar sehr gut seinen Standort im privaten wie beruflichen Leben bestimmen. Aber Entwicklungen im Bereich der Lebens- und Unterrichtsqualität einer Schule könnten nur im Team angegangen werden und erfolgreich sein. Sonst werde das Anrennen einer oder eines Einzelnen über kurz oder lang in Frust und Resignation enden. Für Bänz Huber bestand damals kein «Notstand», der für ihn Anlass zur Kursteilnahme gewesen wäre. Aber es seien durchaus Fragen im Raum gestanden: Soll ich noch etwas Anderes, zum Beispiel eine Mitwirkung in der Schulleitung, anstreben? Bringe ich die Anforderungen des Berufs und die Bedürfnisse der Familie gut unter einen Hut? Soll und kann ich nach 20 Jahren Unterricht nochmals weitere 20 anhängen? Ähnlich die damaligen Fragen bei Hansruedi Hediger. Er wollte mal aus etwas Distanz Bilanz ziehen und herausfinden, ob er noch Wünsche, Talente und Visionen habe, die er eventuell in der zweiten Hälfte seines Berufslebens verwirklichen könnte. Dennoch – auf die Frage nach der Wirkung, dem Erfolg des nun 15 Jahre zurückliegenden Seminars – antworten beide Lehrer heute: Ja, diese Auseinandersetzung habe tatsächlich etwas bewirkt.

«Ich habe eine Illusion be­graben müssen, nämlich die, dass Sportjournalist für mich eine realistische Berufsperspektive sein könnte. Aber ich habe auch viel gewonnen, nämlich das klare Bewusstsein, dass ich gerne Lehrer bin und dass ich mir vorstellen kann, es noch etliche Jahre mit Freude zu sein.

Hansruedi Hediger sagt: «Ich habe eine Illusion be­graben müssen, nämlich die, dass Sportjournalist für mich eine realistische Berufsperspektive sein könnte. Aber ich habe auch viel gewonnen, nämlich das klare Bewusstsein, dass ich gerne Lehrer bin und dass ich mir vorstellen kann, es noch etliche Jahre mit Freude zu sein. Ich habe klarer gesehen, was ich noch angehen möchte, und dadurch neue Energie getankt. Bänz Huber glaubt rückblickend, der Kurs habe letztlich nicht die Zäsur in seinem Werdegang gebildet. Sie habe ihn aber darin bestätigt, dass er in der Schule «nicht am falschen Ort» sei und ihn von der Frage befreit, ob er sich noch in Richtung Schulleitung entwickeln sollte. Wenn er sich heute nochmals die gleichen Fragen stellen würde wie damals, sei er hingegen nicht mehr absolut sicher, ob er weiteren 20 Jahren Schule nochmals eine Chance geben würde. Zu vieles wirke heute auf die Schule ein, was mit Pädagogik und gutem Unterricht wenig, mit Administration und Controlling umso mehr zu tun habe. Hier hakt Hansruedi Hediger ein. Auch er findet, Schule und Unter­richt sollten sich weiterentwickeln, hin zu offeneren Strukturen und fortschrittlicheren Unterrichtskonzeptionen. Solches vertrage sich aber nicht mit dem Wunsch mancher, die Unterrichtsentwicklung als etwas Abgeschlossenes zu sehen, seinen Unterrichtsstil nicht mehr verändern zu wollen. Genau das spreche dafür, mehr in die Entwicklung einer Team- und Schulkultur zu investieren, ergänzt Peter Keimer. Er habe beispielsweise in Basel gute Beispiele dafür gefunden. Auch andernorts erweise sich immer wieder aufs Neue, dass auch die aktuellen Strukturen und Vorgaben viel mehr Spielraum für die Suche nach besseren Bedingungen und Formen liessen, als man zuweilen glauben wolle.

 

Zum Schluss wollte der Gesprächsleiter darum wissen, ob die beiden Lehrer über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse mit ihren Kolleginnen und Kolleginnen gesprochen hätten. Ob auf diese Weise vielleicht der eine oder andere Funken habe übersprin­gen können. Beide fanden, ja, solche Gespräche hätten stattgefunden. Aber – wie Peter Keimer bestätigt – die Hürde für die Anmeldung zu so einem Kurs war «für die grosse Masse» wohl etwas zu hoch. Der Fokus auf die eigene Person und im aktuellen Fall auch auf das fremde und das eigene Männerbild habe da und dort wohl auch Befürchtungen ausgelöst. Etwa, auf Sachen zu stossen, die man weder dem eigenen noch dem fremden Auge aussetzen wolle. Immer­hin: Bänz Huber und Hansruedi Hediger hat’s ganz offensichtlich nicht geschadet!

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