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Lernprozesse begutachten

Mit der Einführung des Lehrplans 21 wird einmal mehr eine umfassende Leistungsbeurteilung diskutiert. Damit gerät auch die Beurteilung von Lernprozessen in den Fokus.Von Werner Jundt.

Vier Unterrichtende aus verschiedenen Stufen diskutieren Möglichkeiten, Lernen direkt oder anhand von Lernspuren zu beobachten. Sie sprechen über Medien, die Lernen sichtbar machen, und über das Zusammenspiel von Selbst- und Fremdeinschätzung bei der Lernförderung; und sie fragen, welche Voraussetzungen Lehrpersonen erfüllen müssen, um das Unterwegssein von Lernenden überhaupt wahrnehmen zu können.

Was kann bei einem Lernprozess überhaupt beurteilt werden? Und wie macht man das?

Hermann Flükiger unterrichtete 44 Jahre Realklassen im 7. bis 9. Schuljahr in Aarwangen. Mit seinem stark partizipativen Unterricht führte er für den Kanton Bern mehrere erfolgreiche Projekte durch. Im Semesterangebot der Lehrerinnen- und Lehrerweiterbildung be- gleitete er Lehrpersonen im Bildungsurlaub. Seit seiner Pensionierung beschäftigt er sich mit dem Thema «Bildung» unter anderem im Rah- men des Vereins VSoS – Eine Schule für alle – ohne Selektion.

Dr. Judith Hollenweger ist als Professorin an der PH Zürich im Schnittbereich von Regel- und Sonderpädagogik tätig, mit Schwerpunkt inklusive Bildung. Sie ist beteiligt am Aufbau des Beurteilungskonzeptes der PH und Mitautorin der Broschüre «Kompetenzorientiert beurteilen» des Zürcher Volksschulamtes. Sie arbeitet mit an Projekten zur Beurteilung von Kindern mit besonderem pädagogischem Förderbedarf.

Sara Krobisch entschied sich als Sekundarlehrerin nach einem Studium in Erziehungswissenschaften, weiterhin auf der Sekundarstufe I zu unterrichten. Als Mutter einer Familie mit zwei kleinen Kindern hat sie zurzeit in der Stadt Zürich ein halbes Pensum inne mit den Fächern Deutsch und Französisch sowie Zeichnen.

Ursula Tschannen unterrichtet in einer Mehrjahrgangsklasse (1.–3.) in Herrenschwanden und am Institut für Weiterbildung und Medienbildung der PH Bern im Fachbereich Deutsch. Als Mitglied der kantonalen Lehrplan- und Lehrmittelkommission erarbeitet sie mit der Fachkommission Deutsch Umsetzungshilfen zum Lehrplan 21, welche auch die Lernbegleitung und die formative und summative Beurteilung beinhalten. Sie ist Autorin eines Deutschlehrmittels für altersdurchmischtes Lernen an der Primarschule.

Hermann Flükiger Ich bin vom Begriff «Beurteilen» weggekommen. Ich sage lieber «begutachten». Voraussetzung dazu ist, dass ich etwas beobachten kann. Zentral ist für mich der Dialog mit den Lernenden. Eine gute Grundlage dafür bietet das Lerntagebuch. Die Arbeit mit dem Lerntagebuch hatte in meinem Unterricht einen hohen Stellenwert. Alle zwei Wochen fand in der Regel ein Gespräch, gestützt auf das Lerntagebuch, statt, das der Reflexion diente. Diese Situation verbinde ich mit «Prozessbegutachtung»: Ich stehe mit einer Schülerin am Stehpult. Wir unterhalten uns über ihr Lernen. Ich gebe Feedback, schreibe wenig auf. Das setzt natürlich eine entsprechende Unterrichtsorganisation voraus, basierend auf eigenständigem Lernen.

Judith Hollenweger Beschreiben und begutachten lässt sich nur Beobachtbares. Die Frage ist: Schauen die Lehrpersonen an die richtige Stelle? Ein Kind kann beispielsweise im Scheitern enorm viel lernen. Man sieht dann kein verwertbares Produkt. Aber es ist etwas passiert, mit dem wir arbeiten können. Lernen betrifft ja nicht nur die Sachkompetenz. Lehrpersonen brauchen die Fähigkeit, die Perspektive der Lernenden einnehmen zu können, und den Mut, sich auf Ungewissheit einzulassen.

Sara Krobisch Ein entscheidender Faktor bei der Beurteilung von Lernprozessen ist die Zeit. Eine für mich praktikable Lösung ist diese: Ich verteile am Ende einer Lektion kleine Kärtchen. Darauf notieren die Schülerinnen und Schüler ein Beispiel zum Lektionsthema. Wenn etwa das Thema im Französisch «du, de la, des» war, notieren sie Zutaten zu einem Apfelkuchen. So habe ich Lernspuren, die ich nach dem Unterricht begutachten und auf die ich zurückkommen kann.

Ursula Tschannen Ein entscheidender Faktor bei der Beurteilung von Lernprozessen ist die Zeit. Eine für mich praktikable Lösung ist diese: Ich verteile am Ende einer Lektion kleine Kärtchen. Darauf notieren die Schülerinnen und Schüler ein Beispiel zum Lektionsthema. Wenn etwa das Thema im Französisch «du, de la, des» war, notieren sie Zutaten zu einem Apfelkuchen. So habe ich Lernspuren, die ich nach dem Unterricht begutachten und auf die ich zurückkommen kann.

Hermann Flükiger Dass ich Lernen beobachten kann, setzt einen Unterricht voraus, in dem selbstständig gelernt werden kann. Das bedingt Klarheit, Abmachungen, sinnvollen Umgang mit Fehlern – den eigenen und denen der anderen. Bei vielen Lehrpersonen steht immer noch das Lehren im Vordergrund, nicht das Lernen. Aber um über das Lernen reflektieren zu können, muss man es sichtbar machen.

Sara Krobisch Jugendliche der Oberstufe reflektieren nach getaner Arbeit oft nicht besonders gern, insbesondere schriftlich.

Dr. Judith Hollenweger Schriftlichkeit kann immer auch eine Barriere sein. Wir müssen überlegen, wie wir das Lernen anders sichtbar machen können als über schriftliche Produkte. Zum Beispiel können schon Kindergartenkinder mit «Book Creator» eine Sache oder eine Geschichte darstellen und dann darüber sprechen. Auch die gegenseitige Beurteilung der Schülerinnen und Schüler gibt Einblicke ins Lernen.

Ursula Tschannen Peerfeedback ist auch darum positiv, weil es eine andere Sprache und eine andere Sichtweise einbringt. Die Kinder an unserer Schule filmen sich beim Lernen mit dem iPad und melden dann, gestützt auf Kriterien, die sie bekommen oder miterarbeitet haben, zurück. Film als Medium steht immer zur Verfügung.

Welche weiteren Medien ermöglichen Einblicke in den Lernprozess, machen Lernen sichtbar?

strong>Dr. Judith Hollenweger In einer Klasse, in der ein Whatsapp-Chat zur gegenseitigen Unterstützung bei Hausaufgaben eingerichtet ist, erhält die Lehrperson aus der Analyse des Chats einen guten Einblick ins Lernen. Sie sieht, wer wo steht und welche Idee wem weiterhilft. Solch ein Instrument zeigt vieles, was Lehrpersonen nicht ohne Weiteres auf dem Radar haben.

Ursula Tschannen Auch hier bekommen die Lehrerinnen und Lehrer in einer anderen Sprache wichtige Hinweise über das Lernen und Denken der Kinder.

Dr. Judith Hollenweger Filmen ist zum Beispiel auch im Sportunterricht wertvoll. Oder wenn ein Experiment durchgeführt wird, kann man das direkt filmen. Mich interessieren nonverbale Möglichkeiten.

Hermann Flükiger Eine Gruppe erstellt ein Fotodokument zu einem Experiment und bespricht es in einer Lernkonferenz. Auch für so etwas ist natürlich eine Mehrjahrgangsklasse besonders wertvoll. Die Älteren übernehmen die Moderation. Die Jüngeren staunen zuerst mal und lernen dabei, wie man das macht. Das fördert auch die gegenseitige Wertschätzung.

Dr. Judith Hollenweger Das ist ein schönes Beispiel, wie soziale und methodische Kompetenzen in einer Beurteilungssituation gefördert werden können.

Ursula Tschannen Kooperative Lernformen sind grundsätzlich ergiebig für Prozessbeobachtung.

Wie hängen denn Selbstbeurteilung und Prozessbeurteilung durch die Lehrperson zusammen? Ist das zu trennen, oder verfälscht das eine gar das andere?

Sara Krobisch Ich bin sehr auf die Selbstbeurteilung der Schülerinnen und Schüler angewiesen. Ich kann einfach nicht alles beobachten. Oft habe ich auch ein schlechtes Gefühl, wenn ich Prozesse in die Gesamtbewertung einbeziehe; weil ich weiss, dass ich nicht alles sehe.

Dr. Judith Hollenweger Kinder haben Präkonzepte auch bezüglich sich selbst und bezüglich des Lernens. Zum Beispiel auch bezüglich eines Aspektes wie «Selbstständigkeit». Sie müssen lernen: Wenn du nicht weiterweisst und du kommst mich fragen, so ist das gut – auch im Sinne von «selbstständig». Wenn du nicht weiterweisst und dann einfach nichts mehr tust, ist das nicht selbstständig. Selbstbeurteilung findet ohnehin statt; sie muss aber auch thematisiert werden.

Hermann Flükiger Ich spreche lieber von Selbsteinschätzung, das klingt weniger abschliessend. Sie ist für mich eine Voraussetzung, dass Lernen stattfindet. Die Lernenden haben aber auch ein Recht auf Fremdeinschätzung. Und darauf, dass die beiden nebeneinandergestellt und besprochen werden. Auch das Elterngespräch baut zuerst einmal auf dem Bericht auf, den eine Schülerin oder ein Schüler zum Zeugnis geschrieben hat. Und da geht es stark um Prozesse und um Befindlichkeit.

Peerfeedback ist auch darum positiv, weil es eine andere Sprache und eine andere Sichtweise einbringt. Ursula Tschannen

Gibt es allgemeine Ansätze, Lernprozesse zu beobachten, aus denen sich konkrete Beispiele ableiten lassen?

Sara Krobisch Ein Lernprozess im biologischen Sinn, die Bildung von Synapsen, lässt sich ja nicht beobachten. Lernen geschieht wohl meist unbemerkt, insbesondere bei Schülerinnen und Schülern, die sich nicht gerne exponieren und mit mündlichen Beiträgen eher zurückhaltend sind. Ich versuche Lernprozesse festzustellen, indem ich bei Arbeiten, zum Beispiel bei Texten, nicht nur die fertigen Endprodukte, sondern auch die Entwürfe begutachte. Der Entwurf zeigt, was ein Schüler, eine Schülerin bereits an Kompetenzen mitbringt; Im Endprodukt wird sichtbar, wie er oder sie den Unterricht, der dazwischen stattfand, umsetzen konnte.

Ursula Tschannen Es gibt eigentlich zwei Möglichkeiten. Man kann den Lernzuwachs einschätzen – wie bei den Umzugsgeschichten. Oder man beobachtet den Prozess direkt, etwa indem man fragt: Wie wendet ein Kind eine bestimmte Strategie an? Das Zweite kann fach–unabhängig sein. Das Erste bezieht sich auf eine bestimmte Aufgabe. Aber beides stützt sich auf ausformulierte und den Kindern bekannte Kriterien.

Hermann FlükigerWenn Jugendliche zum Beispiel eine Präsentation vorbereiten, kann ich eine Entwicklung beobachten. Zuerst drucken sie massenhaft Texte und Bilder aus dem Internet aus, später wählen sie gezielt aus, noch später verarbeiten sie die Information, kombinieren mit eigenen Überlegungen, bilden eine präsentable Form.

Sara Krobisch Aber den Prozess selbst – dort, wo es «klick» macht – das Lernen eben, das sehe ich fast nie.

Dr. Judith Hollenweger Beobachtbar ist, wie ein Kind mit Situationen umgeht – «vorher und nachher» – dazwischen hat Lernen stattgefunden. Kompetenz zeigt sich als Problemlösen in variablen Situationen. Am Beispiel «Vortrag»: Man muss hinstehen können, laut sprechen können, muss den Beamer bedienen können. Solche Kompetenzen hängen vom Kontext ab, auch vom sozialen Kontext. Das kann eine Lehrperson beobachten. Die Frage ist: Tut sie das? Oder interessiert sie sich nur für das inhaltliche «Richtig/Falsch». Häufig werden wesentliche Lernaspekte ausgeblendet und sind darum nicht sichtbar. Damit vieles beobachtbar wird, braucht es reiche Lerngelegenheiten, mit verschiedenen Wegen und Lösungen.

Ursula Tschannen Ich frage Kinder oft vorher: Was könnt ihr hier lernen? Die Rückschau wird ergiebiger, wenn vorher gefragt wurde: Wozu machen wir das? Die Lehrperson gewinnt auch Halt, wenn sie weiss, wohin schauen. Und die Kinder wissen dann auch, worauf es ankommt. Leider sehen wir Lehrpersonen nur Ausschnitte aus dem Lernprozess. All das, was die Kinder überlegen, verwerfen, ausradieren, ist für uns nicht zugänglich.

Ich spreche lieber von Selbsteinschätzung, das klingt weniger abschliessend. Sie ist für mich eine Voraussetzung, dass Lernen stattfindet. Die Lernenden haben aber auch ein Recht auf Fremdeinschätzung. Hermann Flükiger

Hermann Flükiger «Ausschnitt» ist wichtig. Wir müssen Lehrerinnen und Lehrer darin bestärken, sich zu beschränken; nicht umfassend wahrnehmen zu wollen, sondern gezielt. Es braucht Mut zur Auswahl: Was ist mir im nächsten Quartal wichtig? Worauf will ich schauen?

Sara Krobisch An unseren Schulen führen die Schülerinnen und Schüler ein Kontaktheft, bei uns heisst es «Milchbuch» - in Anlehnung an unseren Quartiernamen «Milchbuck». Die Klassenlehrperson schaut jede Woche hinein: Ist es sorgfältig geführt, sind die Absenzen in Ordnung, haben die Eltern unterschrieben? Den Status der Bücher zu überprüfen – zu begutachten – hat mich pro Woche zwei Lektionen gekostet. Dann merkte ich, dass ich nicht alle Bücher gleich oft anschauen muss. Bei einigen genügt es, wenn ich alle paar Wochen hineinschaue. Die Zeit, die ich so gewinne, nutze ich für mehr Coaching-Gespräche.

Für viele Lehrerinnen und Lehrer ist die Beurteilung von Lernprozessen Neuland. Wo kann man einsteigen?

Dr. Judith Hollenweger Einsteigen könnte man sehr gut genau mit der vorhin erwähnten Frage: «Was kann ich hier lernen?» So werden die Vorstellungen der Kinder abgeholt. Das ist für den Lernerfolg entscheidend. Wichtig ist, den Kindern grössere und vielfältigere Lernerwartungen mitzugeben; dann lernen sie automatisch mehr.

Sara Krobisch Schülerinnen und Schüler der Oberstufe fragen ja noch gerne, oft auch provokativ: «Wozu machen wir das?» Diese Frage kann man ernst nehmen und sie zurückgeben. Dann sind die Jugendlichen am entscheidenden Punkt, bei der Frage: «Was kann ich dabei lernen?»

Ich bin sehr auf die Selbstbeurteilung der Schülerinnen und Schüler angewiesen. Ich kann einfach nicht alles beobachten. Sara Krobisch

Hermann Flükiger Meine Klasse hat einen Pausenkiosk geführt. Das gab Kritik von aussen: «Was soll das? Hat die Schule Zeit für so was?» Ich liess die Jugendlichen aufzählen, was man dabei lernen konnte: Einkaufen, Zahlungsverkehr, Rechnen, Konkurs machen und wieder anfangen, Umgang mit Nahrungsmitteln, Ernährung. Es ist wichtig, bei dem, was man macht, auch immer zu überlegen, was man dabei lernt – bewusst oder unbewusst.

Sara Krobisch Wenn Lehrpersonen fragen, wo sie anfangen sollen – auch beim Lehren, im eigenen Unterricht, immer fragen: «Was können meine Schülerinnen und Schüler hier wirklich lernen?» Denn oft denkt man nur an das, was entstehen soll; zu wenig an das, was beim Entstehen gelernt wird.

Lehrpersonen brauchen die Fähigkeit, die Perspektive der Lernenden einnehmen zu können, und den Mut, sich auf Ungewissheit einzulassen. Dr. Judith Hollenweger

Dr. Judith Hollenweger Das Wort «wozu» ist zentral. Wenn beim Lernen das Wozu nicht klar ist, kann ich nicht richtig einschätzen, was Kinder in bestimmten Situationen lernen sollten. Es gibt doch da die altbekannte Karikatur – ein Vogel, ein Schimpanse, ein Elefant, ein Seelöwe und weitere Tiere erhalten «gerechterweise» die gleiche Aufgabe: Auf einen Baum klettern. Ich versuche den Leuten, die sich über das Bild empören, bewusst zu machen, auf welchen Prämissen sie dieses einschätzen. Niemand fragt: Wozu sollen die Tiere auf den Baum klettern? Um sich zu retten? Der Vogel kann doch einfach wegfliegen. Um Nahrung zu finden? Der Elefant angelt sich diese mit dem Rüssel; der Seelöwe frisst keine Nahrung, die auf Bäumen wächst. Je nach Wozu benötigen die Tiere unterschiedliche Strategien, um das entsprechende Problem zu lösen. Ohne zu fragen «wozu?» kann ich mit dieser Aufgabe gar keine Kompetenzen überprüfen. Bei Hochwasser wäre der Schimpanse der einzige, der sich so retten müsste. Er hat hier Förderbedarf; für die anderen ist diese Aufgabe nicht handlungsrelevant. Erst die Wozu-Optik erlaubt es einer Lehrperson, die vielfältigen Strategien der Lernenden und somit das Spektrum von Kompetenzen zu erfassen – im Sinne des neuen Lehrplans.

 
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