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Re-Agieren, bevor die Krise zum Notfall wird

Natürlich ist Prävention besser als eine Notfall-Intervention. Eine bewusst gelebte gemeinsame Schulkultur trägt dazu bei, dass sich Krisen seltener zu Notfällen auswachsen. Dennoch gibt es sie, die Notfall-Interventionen. Ein Interview mit Martin Uhr, Stellenleiter des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons Aargau Von Peter Uhr.

profil: Sie sind vermutlich vor allem dann mit Krisensituationen konfrontiert, wenn die Beteiligten selbst nicht mehr weiterwissen.

Martin Uhr: Bevor ich darauf eingehe, ist mir wichtig, zunächst den Unterschied zwischen Krise und Notfall deutlich zu machen. Krisen sind in gewisser Weise ein normaler Teil unseres Lebens. Krisen haben eine Vorlaufzeit; sie entstehen und verstärken sich oft über einen längeren Zeitraum. Wenn man sie erkennt, besteht in der Regel noch Zeit zum Handeln. Im Gegensatz zur Notfallsituation müssen wir nicht quasi mit Blaulicht-Einsätzen reagieren. Adä-quate und damit nachhaltige Interventionen sind wichtiger als überstürzte Aktionitis. Wenn die Verantwortlichen im folgenden Beispiel rasch und richtig handeln, wird ein eigentlicher Notfall noch verhindert werden können. Kurz gesagt: Krisen haben einen Dringlichkeitsappell; wird dieser ignoriert, besteht Eskalationsgefahr. Oder anders formuliert: Wenn eine Krise nicht als Seismograph, für ein ernstes Problem wahrgenommen wird, dann kann sie eskalieren bis zum Punkt, in dem die Beteiligten im Stress-Modus agieren. Dieser ist gekennzeichnet durch hohe Emotionalität, durch existenzielle Ängste, Überforderung und durch das Risiko, in solchen Situationen nicht mehr «klaren Kopfes» und fair reagieren zu können. Das hat damit zu tun, dass die Beteiligten feststellen müssen, dass ihre bisherigen, bewährten Strategien und Massnahmen versagen, dass sie die Situation nicht mehr «beherrschen» können. Es werden Schuldige gesucht; man versucht, die Verantwortung an andere zu delegieren; man ist versucht, mit dem «Zweihänder» dreinzufahren.

Etwas burschikos gesagt: Alle Beteiligten «drehen im Roten».

Martin Uhr: Genau. Und hier setzt unsere Arbeit als Schulpsychologen ein. Wir müssen und können einen Rahmen schaffen, innerhalb dessen wieder vermehrt Orientierung, Rationalität, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit möglich werden. Ein Symptom einer akuten Krisen- oder Notfall­situation ist es ja, dass die Beteiligten das Gefühl haben, die eigenen Bedürfnisse würden nicht mehr genügend wahrgenommen. Irgendwann resultiert daraus eine ungute Frontstellung. Zusammengefasst gehören zu den häufigsten Krisen-Symptomen: ein erhöhter Druck bei allen Beteiligten; Austausch und Kommunikation sind zumeist minimiert; demgegenüber sind Abwehr und Abgrenzung maximiert.

Moment: Sie reden von den Beteiligten. Werfen Sie damit nicht «Opfer» und «Täter» in einen Topf?

Martin Uhr: Diese Rollenzuschreibung ist zwar ein Stück weit verständlich, aber sie wird der jeweiligen Situation meist nicht gerecht. Denn die Ursachen von Krisen sind vielfältig, und deren Wechselwirkung teils schwer wahrnehmbar. Bei Schülerinnen und Schülern können chronische Unter- oder Überforderung oder die Suche nach Anerkennung und Akzeptanz Auslöser sein; auch existenzielle Veränderungen in der Familie können hohe Belastungen darstellen. Auf Seite der Lehrperson kann eine mangelhafte Unterrichtsführung eine Rolle spielen. Oder es mag ein Beziehungskonflikt zwischen Kind und Lehrperson vorliegen. Erschwerend können die gestiegenen Erwartungen an die Schule dazukommen; diese können von der Gesellschaft oder auch konkret von Elternseite artikuliert werden. Aus professioneller Sicht muss es darum gehen, in einem ersten Schritt Faktoren, die eskalierend wirken wie Versagens- ängste oder Schuldzuweisungen, zu minimieren. Schuldbewusstsein kann (im Gegensatz zu Schuldgefühlen) durchaus ein Schritt zur Lösung sein, indem eigene Konfliktanteile erkannt werden. Die von unserer Seite vertretene «Allparteilichkeit» ist oftmals für die Beteiligten zunächst schwer zu verstehen und anzunehmen. Aber gerade in ihr liegt das Potenzial für eine Problemlösung.

Und wie gehen Sie nun vor, wenn Sie quasi als Notfallhelfer beigezogen werden?

Martin Uhr: Zunächst gilt es klarzumachen, dass nicht die Krise als solche das schwierigste Problem ist. Krisen kommen vor. Entscheidend ist unser Umgang damit. Ein absolutes No-Go ist es, die Krise ignorieren oder aussitzen zu wollen. So würde man sie bloss grösser und stärker machen. In einem ersten Schritt versuchen wir, das akute Problem aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen und diese mehrdimensionale Sichtweise möglichst auch den Konfliktpartnern zu vermitteln. Dazu braucht es einen geschützten Gesprächsrahmen, innerhalb dessen es dann eher möglich ist, gemeinsame Anliegen und Ziele zu erkennen und zu benennen. Optimal ist es, wenn aus dem lösungsfeindlichen Gegeneinander ein Miteinander beim gemeinsamen Erarbeiten, Umsetzen und Evaluieren von Lösungsansätzen wird.

Zur Bewältigung von eskalierenden Krisensituationen wird zuweilen auch ein Schulausschluss in Erwägung gezogen. Was meinen Sie dazu?

Martin Uhr: Um eine von den Beteiligten als unhaltbar eingeschätzte Situation kurzfristig zu entschärfen, kann sich mitunter ein zeitlich befristetes Time-Out anbieten. Dabei handelt es sich um einen zeitlich begrenzten Ausschluss des Kindes oder Jugendlichen zur De-Eskalation und psychischen Entlastung. So können die weiteren Schritte für eine Re-Integration mit der nötigen Distanz und Ruhe geplant werden. Das Time Out ist aber keine abschliessende Lösung. Etwas unterhalb dieser Interventionsschwelle könnte als teil-separative Lösung eine sogenannte «Lern-Insel» eingesetzt werden. Diese beinhaltet einen rein örtlichen Ausschluss, aber den Verbleib in der Schule. Folgende Grundsätze sind hilfreich, um Krisen nicht nur kurzfristig zu «managen», sondern nachhaltig zu lösen. Krisen sind Chef­sache: Die Verantwortung liegt nicht alleine bei der Klassenlehrperson. Die Schulkultur und die Haltung der Schulleitung sind oft «matchentscheidend». Ausserdem: Krisen sind auch Teamsache: Die Verantwortlichen haben die Klassendynamik im Auge zu behalten, denn Krisen sind oft abhängig vom herrschenden Klassenklima und der Klassendynamik («wer kein Teil der Lösung ist, ist Teil des Problems»). Hilfreich und erfolgversprechend ist es zudem, sich auf Ressourcen zu konzentrieren. Die Fragen in diesem Zusammenhang lauten: Was lief gut? Welche Ziele erkennen wir als gemeinsame? Welche als positiv erlebten Momente und Eigenschaften möchte man verstärken? Welche als schwierig wahrgenommenen Situationen sollen künftig vermieden werden? Ein weiterer unserer Grundsätze lautet: Interventionsort ist dort, wo die Krise auftritt. Manifestiert sie sich also in der Schule, kann ein Problem nicht einfach an die Eltern delegiert werden. Selbst dann nicht, wenn eine der Ursachen für die Krise im Elternhaus verortet wird.

Aber bei aller professionellen Unter­stützung von Ihrer Seite: Es wird sich doch nicht jede Krise auf diese Art und Weise lösen lassen?

Martin Uhr: Nein, das ist so: Nicht jede Krise kann im bestehenden Setting «gelöst werden». Manchmal ist eine «Scheidung» – das kann zunächst Klassen-, allenfalls ein Schulhaus-, oder wenn nötig sogar ein Gemeindewechsel sein – in wechselseitigem Respekt die einzig erfolgsversprechende Massnahme. Aber nur dann, wenn zuvor alle zur Verfügung stehenden pädagogischen Mittel geprüft und ausgeschöpft wurden und nicht die gewünschte Wirkung gezeitigt haben. Martin Uhr, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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