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Über das Ankommen nachdenken

 

Imre Hofmann

Imre Hofmann, 1972 geboren, lebt seit über zwanzig Jahren in Zürich, wo er Germanistik, Philosophie und Ethnologie studiert hat. Seit 2005 ist er als Praktischer Philosoph tätig (www.elenchos.ch), seit 2014 unterrichtet er auch als Gymnasiallehrer.

Setzt Ankommen ein Ziel voraus? Wenn ja: Welcher Art ist dieses Ziel? Ist es ein fremder Ort oder daheim? Ist es eine Erkenntnis, womöglich meiner selbst? Welcher Weg führt zum Ziel? Oder ist der Weg selbst das Ziel? Und hat unser Leben auch ein Ziel?
Von Imre Hofmann.

Hat die Philosophie etwas zum Ankommen zu sagen? Mir fällt dazu zunächst eine weitere Frage ein: Was meinen wir denn mit «Ankommen»? Wenn wir darunter den eigentlichen Wortsinn verstehen, dann gibt es philosophisch dazu nicht viel beizusteuern. Allenfalls ein wenig Begriffsanalyse. Also: Ankommen ist ein Anhalten und Zurruhekommen, das heisst, es setzt voraus, dass man einmal aufgebrochen und nun unterwegs ist. Man kann nicht einfach so aus dem Nichts ankommen, so wie man einfach aus dem Nichts mit den Fingern schnippen kann. Ausserdem scheint das Ankommen auch so etwas wie ein Ziel vor Augen zu haben, bei dem man anhält, wenn man es erreicht hat. Im Gegensatz zum Anhalten bedarf das Ankommen eines vorgesetzten Endes des Unterwegsseins. Ankommen beinhaltet eine Finalität.

Das Ziel

Während das Ziel etwas ist, was man (erreichen) möchte, gilt dasselbe nicht automatisch für das Unterwegssein. Zwar kann das Unterwegssein auch ein Selbstzweck sein, beispielsweise wenn ich auf Reisen gehe, aber man kann auch unfreiwillig unterwegs sein, man kann zum Beispiel auch auf der Flucht sein. Ankommen meint das Erreichen eines bestimmten Ziels oder Ortes. Es stellt sich also die Frage, welcher Art dieses Ziel sein könnte.

Hier tun sich meines Erachtens die interessantesten Perspektiven auf. Zunächst einmal, weil hier einige produktive Unterscheidungen vorgenommen werden können. Eine erste Unterscheidung wäre jene, ob mein Ziel fern von mir oder «nah bei mir» ist. Je nachdem kommen wir in der Fremde an einem noch unbekannten Ort an, den wir allein aufgrund von erhaltenen Informationen zu unserem Ziel erklärt haben; oder aber wir kommen wieder bei uns Daheim an. Eine andere Unterscheidung, die sich anbietet, ist jene hinsichtlich des Verlaufs des Weges. Es ist naheliegend, davon auszugehen, dass der Weg einen linearen Verlauf von A nach B nimmt, das heisst, wenn man das Ziel erreicht hat, ist man woanders und (im Idealfall) auch weiter als zu Beginn. Aber natürlich kann man sich auch im weitesten Sinne im Kreis bewegen und letztlich wieder dort ankommen, wo man gestartet ist. Unter Umständen – zum Beispiel wenn man unterwegs einige Abenteuer gemeistert hat – ist man auch dann weiter als zu Beginn. Wahrscheinlich gäbe auch die Unterscheidung in verschiedene Wegqualitäten – anstrengend oder leicht usw. – einiges her.

Was Wissen ist und wie man dahin gelangt, ist ein zentrales Thema der Philosophie.

Besonders interessant wird es bei den Zielen aber deshalb, weil die Rede vom Anfangen, vom Unterwegssein und vom Ankommen auch metaphorisch gebraucht werden kann. Das heisst, ich kann damit nicht mehr nur an geografischen Orten, sondern bei ganz unterschiedlichen «Orten» oder «Dingen» ankommen. Damit verlassen wir jedoch die strenge begriffliche Analyse und begeben uns in das Feld der Assoziationen und Analogien. Die Metapher der Fortbewegung auf ein Ziel hin lässt sich auf beinahe alle zielgerichteten Tätigkeiten anwenden, die einen Anfang und ein Ende haben und über einen längeren Prozess andauern.

Eine geläufige Anwendung der Weg­metapher ist jene auf das menschliche Leben. Doch worin besteht hier das Ankommen? In der Regel fassen wir den Anfang des Lebens biologisch, sei es im Moment der Zeugung, sei es in jenem der Geburt. Dann könnte man ja auch das Ziel des Ankommens mit unserem biologischen Ende gleichsetzen. Aber entspricht der Tod tatsächlich einem Ziel, wie wir es mit dem Ankommen in Verbindung bringen? Hier scheint mir die Metapher irreführend, da nicht jedes Ende ein Ziel ist und nur die wenigsten den Tod als ein Ziel betrachten werden, das sie gerne erreichen möchten. (Ebenso fehlgeleitet scheint mir auch die Rede von der Ruhe, die man mit dem Tod erlangt. Denn das Ankommen und die nachfolgende Ruhe setzen ja voraus, dass wir weiter existieren.) Sind es nicht eher die selbst gesteckten Ziele eines persönlichen Werdegangs oder einer sozialen Laufbahn, die wir in unserem Leben erreichen wollen? Schliesslich schimpft man nicht umsonst jene «arriviert», die bei derlei Zielen angekommen sind. Doch wie steht es um ein (oder mehrere) Ziel(e), die nicht wir uns selbst gesetzt haben, sondern die uns das Leben als Aufgabe gestellt hat und denen wir uns kaum entziehen können? Gibt es auch solche Ziele, und gibt es davon auch welche, die für uns alle gelten?

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