farbwelt

Ich wollte am liebsten immer dort bleiben und dort schlafen

In der Mikadowoche waren aus der Mehrklassenschule Heimat-Buchwald Spielgruppen- und Kindergartenkinder sowie Schülerinnen und Schüler der 1. bis 5. Klasse eine Woche lang zu Besuch in ihren künftigen Klassen.
Von Verena Eidenbenz.

Die Schule Heimat-Buchwald in der Stadt St. Gallen ist seit 2010 eine Mehrklassenschule mit altersdurchmischtem Lernen. Mikadoschule heisst sie, weil hier Kinder verschiede­nen Alters und Geschlechts, mit verschiedenen Entwicklungsständen und Begabungen, unterschiedlichen Erfahrungen und Wertvorstellungen, aus vielen verschiedenen Kulturen miteinander leben und lernen. Im Flyer (siehe Download), in dem die Vision der Schule beschrieben ist, heisst es: «In Mehrklassen ist Vielfalt nicht nur normal, sie wird fürs Lernen genutzt. Denn Unterschiede sind die Seele des Lernens, sie bereichern den Unterricht in ­hohem Masse. Die Kinder erleben die Schule in einer natürlichen, lebensnahen Lernsituation. Schluss­endlich ist die Einführung von jahrgangsgemischten Schulklassen die kon­sequente Weiterführung der qualitativ ­hochstehenden Einschulungsphase des Kindergartens.»

Auf Besuch im Kindergarten in der Schuleinheit Buchwald

Es ist Montag, und die Kinder sind zurück im Kindergarten. Die künftigen Schulkinder waren vergangene Woche in ihrer Schulklasse auf Besuch, die Spielgruppenkinder durften dafür während dreier Tage schon mal Kindergartenluft schnuppern.

Aufgeregt sucht ein Kind seinen mit dem Namen und einem Symbol gekennzeichneten Stuhl: «Wo ist mein Stuhl hingekommen?», fragt es etwas ungehalten. Auch andere Kinder stellen fest, dass ihr Name auf dem Stuhl fehlt und dort ein anderer steht. Die Kindergärtnerin beruhigt und fragt nach: «Was ist passiert letzte Woche? Wieso steht ein anderer Name auf dem Stuhl mit deinem Symbol?» Für Devica ist der Fall klar: «Die Spielgruppenkinder waren auf Besuch, als wir in der Schule waren.» Die Grossen sind neugierig, wie das Kind heisst, das im nächsten Schuljahr den Stuhl erben wird, der ihnen zwei Jahre lang gehörte. Alle Namen werden vorgelesen, und die Kindergartenkinder freuen sich, wenn sie ein Kind kennen. Nun sollen sie aber vom Schulbesuch erzählen. Nala meint: Es war schön, ich wollte am liebsten immer dort bleiben und dort schlafen.» Andere waren begeistert, dass sie Buchstaben geschrieben und gerechnet haben. Auch Bücher und Hefte haben sie schon gesehen, und sie freuen sich riesig darauf. Sie haben ein Zahlenlied gelernt, das sie unbedingt vorsingen möchten: «1,2,3, Bananenchip ...» – trotz mehrerer Anläufe gelingt das noch nicht ganz. Die Kindergärtnerin tröstet und verspricht, bei der Lehrerin nachzufragen, damit sie das Lied gemeinsam üben können. Die Kinder, die im Kindergarten geblieben waren, erzählen nun vom Besuch der Spielgruppenkinder. Sie durften Götti oder Gotte eines Kindes sein und ihnen den Kindergarten zeigen. Ein Kind erzählt, dass sein Göttikind ganz scheu war: «Ich habe ihm alles gezeigt, und wir haben zusammen für die Tiere einen Stall gebaut. Zuerst konnte er noch nicht so gut bauen, aber ich habe ihm geholfen. Er hat gelacht und war froh.» Die Kindergärtnerin lobt die Kindergartenkinder, dass sie den Kleinen so gut geholfen haben. Später machen sie eine Zeichnung von ihrem Gotti oder Götti, von ihrer Lehrerin oder ihrem Patenkind. Ron hat seine Lehrerin gemalt und sagt bewundernd: «Sie hat schöne Haare. Sie hatte ein schönes Kleid und rote Schuhe an.» Tensine sagt zu ihrem Bild: «Ridgen war mein Helferfreund in der Schule und kommt aus Tibet wie ich.» Alle Kinder schwärmen, wie lieb und hilfsbereit ihr Gotti oder Götti war. Sie freuen sich, sie in der Schule wiederzusehen. Im Gespräch mit Carmen Ege, Kindergärtnerin und Schulleiter-Stellvertreterin der Primarschule Heimat-Buchwald und Evelyn Fritsche, Grundstufenlehrerin (1. bis 3. Klasse) erfahre ich noch einiges mehr über die Mi- kado-Besuchswoche:

Carmen Ege: Wir haben die Mikadowoche schon einige Male durchgeführt und Anpassungen vorgenommen. Anstelle der Anfangs- und Schlussfeier begleiten nun die Lehrpersonen bzw. die Eltern die Kinder in ihre Klassen und bringen sie Ende Woche wieder zurück. So kommen diese jeweils gut begleitet an. Ebenso besuchen die Lehrpersonen die Kinder vorher in der Spielgruppe, im Kindergarten oder in der Grundstufe und gestalten den Unterricht mit. Unter dem Jahr begegnen wir uns ja schon an verschiedenen ritualisierten Anlässen wie Jahresanfangsfeier, Wochenkick, Adventsfeiern oder stufenübergreifenden Aktivitäten. Dies schafft Vertrauen. Im Übergangsgespräch wird jedes Kind der künftigen Lehrperson vorgestellt und nähergebracht. Ich zeige auf, wie ich mit dem Kind gearbeitet und auf seine speziellen Bedürfnisse reagiert habe. So kann die Lehrperson gestützt auch auf das Portfolio des Kindes Gelingendes übernehmen und sich schon eine Vorstellung über das eigene Vorgehen machen.

Evelyn Fritsche: Die Gespräche führe ich meist erst, wenn ich die Kinder kennengelernt und einen ersten Eindruck gewonnen habe. Da alle Unterlagen in einem für alle Lehrpersonen zugänglichen Ordner abgelegt sind, kann ich mich auch dort orientieren. Das übergebene Portfolio ist hilfreich. In der Grundstufe führen wir es weiter, da es auch für den Übergang in die Mittelstufe einen grossen Stellenwert hat.

Carmen Ege: Mir ist es wichtig, dass Lern- und Entwicklungsprozesse fortgeführt werden können. Die Lehrperson kann an Bekanntem anknüpfen und den Kindern so Sicherheit beim Lernen von Neuem vermitteln. Schon in den Elterngesprächen halte ich den Entwicklungs- und Lernstand fest. Auch diese Unterlagen können die Lehrpersonen einsehen.

Was hat sich im Vergleich zu früher positiv verändert?

Evelyn Fritsche: Die Mikadowoche ist für ängstliche oder für ganz junge Kinder ideal und hat sich deshalb aufgedrängt. Sie lernen mich kennen, werden mit dem Raum vertraut, haben Hefte und Bücher schon gesehen und freuen sich riesig darauf. Die Kinder erhalten ein Gotti oder einen Götti für die Einstiegsphase. Die Schwelle beim Übergang ist dadurch viel niedriger. Natürlich ist es auch ein Vorteil in der altersdurchmischten Schule, dass ich nicht eine ganze Klasse neu dazubekomme. Im Vergleich zu früher finde ich jedoch schade, dass der Zauber des Neuen ein wenig verloren geht – der erste Schultag war früher doch etwas ganz Besonderes. Darauf wurde allerdings in diesem Schuljahr Rücksicht genommen. Die 1.-Klass-­Kinder und deren Eltern wurden gemeinsam von allen Kindern begrüsst. Die Eltern durften ihre Kinder über eine Brücke bis zum neuen Tor begleiten.

Carmen Ege: Für den Kindergarten ist die Besuchswoche rundum positiv. Die Kinder können sich mit Vielem vertraut machen. Dadurch fällt ihnen die Ablösung von den Eltern leichter. Nicht nur die drei Besuchsmorgen im Kindergarten, auch die Zeit danach bis zum Eintritt machen etwas mit dem Kind. Es lässt das Erlebte Revue passieren, hat ein Bild vor Augen und weiss, was es erwartet. Früher löste die Vorstellung irgendeiner Idee von Schule neben der Freude auch Ängste aus. Heute ist der Übergang stärker am kindlichen Erleben orientiert. Im letzten Jahr gab es ein Kind, das vor den Sommerferien noch Windeln trug. Die Mutter war sehr besorgt. Aber das Kind hat es geschafft und kam nach den Sommerferien ohne Windeln in den Kindergarten. Nach der Besuchswoche ist ein Kind motiviert, sodass es in den Sommerferien oft zu einem Entwicklungsschub kommt. Auch der Abschied wird viel bewusster gelebt. Nach der Besuchswoche kommen die zukünftigen 1.-Klass-Kinder gerne in den Kindergarten zurück und kosten alles noch einmal aus.

profil: Gibt es am Übergangsverfahren etwas, das noch verbessert werden sollte?

Carmen Ege: Anfangs wollte ich oft zu viel, was einige Kinder überforderte. An den Besuchstagen muss ich mich ganz auf die Kinder einstellen, das Kindergartengeschehen entsprechend anpassen. Sie sollen sich wohlfühlen, ankommen können und Erfolgserlebnisse geniessen. Beide Stufen sollten die Begleitung der Kinder am Anfang des Schuljahres mehr kultivieren. Wir Lehrpersonen sollten uns diesbezüglich gegenseitig noch mehr austauschen und uns unsere Wünsche kundtun.

Evelyn Fritsche: Ich möchte die Zusammenarbeit mit den Eltern intensivieren. Die Eltern sollten am Schulanfang wieder mehr Einblick erhalten, unsere Arbeitsweise, Lehrmittel und Materialien kennenlernen. Am ersten Schultag sollten sie die Kinder wieder den ganzen Morgen begleiten. Ebenfalls sollten die Kinder zumindest im ersten Schuljahr noch mehr spielen können. Oft gehen wir zu schnell in schulisches, eher kopflastiges Lernen über. Allerdings ist es eine grosse Herausforderung, dies im Schulzimmer zu organisieren.

Carmen Ege: Man könnte sich an der Arbeitsweise des Kindergartens oder der Basisstufe orientieren. Dort spielen und lernen Kinder gemeinsam im gleichen Raum. Es wäre sehr wichtig, alles am konkreten Gegenstand zu lernen. In der Montessori-Pädagogik finden wir dazu auch viele Anregungen.

Gut ankommen heisst auch, gut begleitet werden. An der Schule Heimat-Buchwald sind Übergänge wohlüberlegt. Das Team hinterfragt diese laufend und entwickelt sie weiter, um Kindern aus vielen verschiedenen Nationen einen optimalen Start in die Schullaufbahn zu ermöglichen.

Download

Flyer Mikado, Infos zur Mikadowoche und zur Schulentwicklung ­(Kurzporträt und Verweis auf Buch von Heidi Gehrig)

 

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrags (PDF)2.11 MB