farbwelt

Ankommen, um gestärkt weiterzuziehen

 

Helena Follmer Zellmeyer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Bildungs­management, Schul- und Personalentwicklung des Instituts für Weiterbildung und Beratung, PH FHNW

Im Projekt «Lehren und Lernen sichtbar machen» erproben acht Pilotschulen von der Primarschule bis zur Sekundarstufe II mit formativen Feedbackmethoden, wie sich Lehrerfolg und Lernfortschritte gegenseitig verstärken.
Von Helena Follmer Zellmeyer

Ankommen im Unterricht ist von kurzer Dauer. Lernende sind vielmehr unterwegs: im Lernprozess, von einer Klassenstufe zur nächsten und periodisch über Zyklen hinweg. Augenblicke des Innehaltens im Unterricht, in denen Lernschritte erfasst, angeschaut und eingeschätzt werden, sind solche Momente des Ankommens. Lernende und Lehrpersonen fassen gemeinsam zusammen, halten Kriterien für Gelungenes und noch zu Lösendes fest und leiten daraus weitere Lernschritte ab. Nachfolgend einige Beispiele, wie solche Momente gestaltet werden können:

Beispiel I: Rasch sichtbar gemachte Ergebnisse auf Mini Whiteboards

Eine dritte Primarschulklasse: Statt als Lehrperson in die Klasse oder Kleingruppe zu fragen, woraus der Futterkorb eines Eichhörnchens besteht, werden Lernende angeleitet, ihre Lösungen auf ein Mini-Whiteboard zu notieren oder zu skizzieren. Anschliessend halten sie ihre Antworten für alle sichtbar hoch. Verwendet werden selbst hergestellte, weisse, wiederbeschreibbare Zeigetafeln aus Halbkarton und durchsichtigen Klarsichtmappen. Alle Lernenden sind aktiviert, können gleichzeitig auf Fragen antworten und ihre Ergebnisse schnell sichtbar machen. Die Lehrperson gewinnt mit dieser unterrichtsintegrierten Kurzerhebung wichtige Informationen zum Lernstand in der Klasse und auch von einzelnen Lernenden, deckt Unklarheiten im Unterricht auf und passt dort, wo nötig, ihren Unterricht an. Mit dieser Feedbackmethode lassen sich ebenfalls Antworten zwischen Lernenden besprechen. Das setzt eine positive und angstfreie Fehlerkultur in der Klasse voraus.

Um im Lernprozess gestärkt voranzukommen, sind kontinuierliche orientierende Rückmeldungen besonders wirksam. Das zeigt die Forschung zu «Lernen sichtbar machen», die auf den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie zurückgeht. Wechselseitige Rückmeldungen zwischen Lehrpersonen und Lernenden tragen massgeblich zum Lernerfolg der Lernenden bei. So lange Lehr- und Lernprozesse im Gang sind, können formative Feedbackmethoden helfen, lernförderliche Lehr- und Lernarrangements zu optimieren. Sie können oft sowohl für formatives Unterrichts- wie für Lernfeed­back eingesetzt werden. Wir richten hier unseren Fokus auf Unterrichtsfeedback, das integriert in den Unterricht stattfindet.

Formatives Unterrichtsfeedback als Gradmesser

Lehrpersonen wollen sich über die Wirkung des eigenen unterrichtlichen Handelns vergewissern, um den Unterricht so auszurichten, dass die bestmögliche Lernentwicklung für alle Lernenden erreicht wird. Heterogene Lernvoraussetzungen stellen eine tägliche Herausforderung dar. Hierfür holen sich Lehrpersonen mit geringem Aufwand systematisch Rückmeldungen zu ihrem Unterricht von den Lernenden ein, machen Datenspuren sichtbar und werten diese womöglich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern hier aus. Nachfolgend ziehen sie Schlüsse für die weitere Entwicklung der Unterrichtssequenz oder der gesamten Lerneinheit. Lehrpersonen lernen, ihren Unterricht durch die Augen der Lernenden zu sehen. Dafür nutzen sie Daten ähnlich wie sie andere Professionen herbeiziehen, um Informationen für ihre Handlungsentscheidungen zu gewinnen: Pilotinnen und Piloten navigieren mit Instrumentendaten, Ärztinnen und Ärzte berücksichtigen Laborwerte und Ingenieurinnen und Ingenieure greifen auf Messdaten zurück. Formatives Unterrichtsfeedback ermöglicht, den Stand der Unterrichtsziele laufend zu erfassen und gibt Orientierung für die weitere Entwicklung des Unterrichts.

Zur Überprüfung von Unterrichtszielen gibt es zahlreiche formative Feedbackmethoden, die sich leicht im Unterrichtshandeln einfügen lassen, meistens, ohne viel Zeit in Anspruch zu nehmen. Der britische Bildungsforscher Dylan Wiliam (2011) gibt fünfzig solche Methoden vor, die folgende fünf Merkmale aufweisen: sie sind explizit (das heisst sichtbar), definitiv formativ (auf Verbesserung fokussiert), lösungsprüfend, unterrichtsintegriert und dialogisch (im Austausch mit Lernenden sowie unter Lehrpersonen).

Beispiel II: Kurzerhebungen mit farbigen Ampelbechern

Farbige Ampelbecher in den Signalfarben Grün, Gelb und Rot sind ein weiteres Rückmeldewerkzeug. Lernende der Sekundarstufe I bereiten sich im Fremdsprachenunterricht auf eine mündliche Präsentation vor. In Kleingruppen werden dafür kurze Texte erarbeitet, passender Wortschatz herausgesucht und Bildmaterial für die Präsentation ausgewählt. Zudem werden zur Veranschaulichung ihrer Themen kurze Filmsequenzen in der Zielsprache ausgewertet.

Das Projekt erfordert viel Abstimmung innerhalb der Lerngruppe sowie mit der Lehrperson. Die farbigen Ampelbecher stehen übereinandergeschichtet auf dem Pult der jeweiligen Lerngruppe. Grün bedeutet: Wir sind auf Kurs und haben im Moment keine Frage. Gelb signalisiert: Wir sind noch unsicher oder haben offene Fragen, können aber weiterarbeiten, bis wir Unterstützung erhalten. Rot zeigt an, dass die Gruppe nicht weiterarbeiten kann. Sowohl die Lehrperson als auch die Mitlernenden sehen sofort, wer in welcher Dringlichkeit Unterstützung braucht. Lernende anderer Gruppen oder die Lehrperson können gezielt unterstützen.

Es gibt beliebig viele Spielarten, farbige Becher als Rückmeldewerkzeug im Unterricht angepasst auf die Zielstufe einzusetzen. Indem die Lernenden beispielsweise ihre Lernprozesse für alle sichtbar aufzeigen (Grün: Ich nähere mich dem Ziel, Gelb: Ich bin suchend unterwegs, Rot: Ich stehe noch am Anfang) oder den Einsatz von angewandten Lernstrategien einschätzen (Grün: hat geholfen, Gelb: zum Teil geholfen, Rot: zu wenig geholfen). Des Weiteren geben sie an, wie verständlich für sie ein Auftrag, ein Lerninhalt, ein Input oder eine Filmsequenz ist, oder schätzen ihre eigene Befindlichkeit in Bezug auf ein bevorstehendes Projekt oder eine Exkursion ein. Statt drei können nur zwei Becher eingesetzt werden. Ausserdem wird die Bedeutung der Signalfarben für Lernende des Zyklus I verständlicher, wenn die farbigen Becher mit Smileys (lachendes, neutrales oder trauriges Gesicht) ergänzt werden.

Der dosierte und überlegte Einsatz solcher Rückmeldewerkzeuge, der mit einer pädagogischen Haltung der Förderung verbunden ist, kann helfen, den Unterricht besser auf den Lernerfolg der Lernenden auszurichten.

Das Projekt «Lehren und Lernen sichtbar machen (LLSM)»

Acht Pilotschulen von der Primarschule bis zur Sekundarstufe II aus der gesamten Deutschschweiz erproben, wie sich Lehrerfolg und Lernfortschritte gegenseitig verstärken.

Als Schulnetzwerk organisiert, tauschen sie sich untereinander aus, wie ein auf die jeweilige unterrichtliche Zielsetzung und Herausforderung passendes Vorgehen gewählt wird. Zahlreiche Lehrpersonen arbeiten bereits mit Prinzipien des Sichtbarmachens. Das von der PH FHNW getragene und der Stiftung Mercator Schweiz geförderte Projekt «LLSM» geht einen Schritt weiter: die unaufwendige, in den alltäglichen Unterricht integrierte und systematische Nutzung von Datenspuren bringen die Unterrichts- und Schulentwicklung stärker voran.

Hier erfahren Sie mehr:

www.lernensichtbarmachen.ch ➝ «LLSM Lehren und Lernen sichtbar machen» «Rückmeldewerkzeuge»

 

 

 

 

Literatur:

1 Hattie, John A. C. (2015): Lernen sichtbar machen, erw. 3. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

2 Hattie, John A. C. (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

3 Mittag, Michael und Beywl, Wolfgang (2017). Feedback macht lernen sichtbar. In: Schulblatt Aargau-Solothurn, Jahrgang 135, 18, S. 37.

4 Wiliam, Dylan (2011): Embedded formative assessment. Bloomington: Solution Tree.

Illustrationen: Michael Mittag

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