farbwelt

Ankommen heisst auch unterwegs bleiben

Für Simone Badertscher, Lehrerin der 1./2. Klasse in Lyssach, ist Weiterentwicklung ein wichtiger Aspekt ihres Berufsverständnisses. Dazu gehört das Zusammenspiel von Reflexion und Planung. Von Therese Grossmann.

Es ist eine Fahrt über Land durchs Sommergrün, beinahe idyllisch. In der Ferne tauchen die Gebäude des bekannten Einkaufszentrums auf, wir biegen rechts ab Richtung Lyssach. Das Schulhaus steht vor dem Dorfeingang, umgeben von grossen Wiesen. Simone Badertscher zeigt auf die farbigen Räder und Velos im Geflecht des Maschenzauns beim Sportplatz und erzählt mir vom grossen Schulprojekt der Pausenplatzgestaltung, das nächstens zum Abschluss kommt. Alle haben mitgeholfen: die Kinder des Kindergartens, der Unter- und Mittelstufe und der Realschule, ihre Lehrerinnen und Lehrer und auch die Eltern. Nun freuen sie sich auf das Einweihungsfest.

Das Jubiläum

Im Lehrerzimmer legt Simone Badertscher eine Platte mit Gebäck und Getränke in den Kühlschrank, heute Abend will sie zu ihrem 20-jährigen Schuljubiläum einen Apéro offerieren. Auf dem Weg ins Klassenzimmer kommentiert sie ihr Jubiläum: «Es gibt Leute aus meinem Bekanntenkreis, die mich fragen, warum ich immer noch hier sei – das sei doch nicht zeitgemäss – ob ich beruflich nicht noch etwas anderes machen wolle. Natürlich stelle ich mir auch Fragen, zum Beispiel: Wie lange brennt das Feuer noch in mir? Wie gross ist die Resonanz zwischen mir und den Kindern, den Eltern und dem Kollegium? Und was zeigt sie mir?» Ich will wissen, wie sie denn im Berufsalltag mit so grundsätzlichen Fragen umgehe. «Das Innehalten und die Reflexion sind ein sehr wichtiger Aspekt im Umgang mit der eigenen Lebendigkeit. Diese Zeit muss ich mir nehmen, um zu überprüfen, ob ich noch lebendig bin oder ob sich eine Lethargie breit macht. Solange das Feuer da ist und ich meine Lebendigkeit wahrnehme, sehe ich einen Sinn in meinem Wirken. Da gibt es für mich keinen Anlass, beruflich einen anderen Weg zu gehen.»

Die offene Tür am Morgen

Im Klassenzimmer springen mir die bunten Lernspuren ins Auge: die Kreidezeichnung eines grossen Baums an der Wandtafel, hinten im Zimmer die gemalten Vögel und daneben eine farbige Collage aus Buchrücken. «Das ist der Bücherturm», erklärt mir Simone Badertscher, «damit machen Kinder ihre Leseleistung sichtbar, sie freuen sich, wenn der Turm wächst. Geplant habe ich ja einen Turm mit Kaplaplättchen, diese Idee aber abgeändert, weil mir der Bücherturm inhaltlich passender und optisch auffälliger schien. Wenn ich selbst immer wieder Sachen abändern und Ideen weiterentwickeln kann, nehme ich das als schönen Gestaltungsfreiraum wahr. Das gibt mir das Gefühl von höherer Qualität, und das ist befriedigend. Das Ganze ist ein permanentes Zusammenspiel von Planung und Reflexion.» Noch sind wir allein im Klassenzimmer, da bleibt etwas Zeit, um dieses nie endende Unterwegssein anzusprechen. Natürlich versuche sie sich gegen allzu hohe Ansprüche an sich selbst schützen, bemerkt Simone Badertscher, und sich häufiger auch einfach zu sagen: Gut ist gut genug! «Denn wenn ich zu viel arbeite, leidet die Arbeit mit den Kindern. Wichtig ist, dass ich bei Kräften, humorvoll und aufmerksam bin. Letztendlich ist das genauso wichtig wie eine perfekte Weiterentwicklung einer Idee.» Jetzt kommt Alexander zur Tür rein, begrüsst seine Lehrerin und packt 40 Papierflieger aus, die er gestern Abend für das Spielen mit den anderen Kindern der Klasse gebastelt hat. Sichtlich geniesst er das Interesse der Lehrerin an seinem Werk. Nun betritt Julia das Klassenzimmer, geht auf ihre Lehrerin zu und unterhält sich mit ihr über den gestrigen Sporttag. Da entdeckt Julia die Handpuppe aus Plüsch auf dem Stuhl im Sitzkreis und ruft freudig: «Ah, da ist ja Igel Igor!» Nach und nach trudeln alle Kinder ein, es entwickeln sich kleine individuelle Gespräche mit der Lehrerin. Den Inhalt kann ich nicht wahrnehmen, aber die entspannte, vertrauliche Atmosphäre. Da ist mehr als professionelles Interesse an den Kindern im Spiel, da geht es um ein grundsätzliches Interesse an anderen Menschen.

Der Igel Igor

Der Morgen beginnt mit abteilungsweisem Unterricht: Die 2. Klasse hat zuerst Mathematik im Nebenzimmer, die 1. Klasse Deutsch mit Simone Badertscher im Klassenzimmer. Die Kinder nehmen im Sitzkreis Platz, der Plüsch-Igel Igor wartet schon auf sie. In der Mitte verdeckt ein Tuch kleine Gegenstände und Fotos, die die Kinder hervorziehen und benennen dürfen, zum Beispiel: Stuhl, Spiegel, Strand, Spinat. «Igor ist heute wieder zu Besuch», erklärt die Lehrerin, «er möchte mit euch schreiben lernen.» Igor meldet sich: «Schaut mal, ich kann eines der Wörter schon schreiben», und er zeigt den Kindern «Schtrand». Ein Knabe streckt die Hand hoch, schaut Igor an und erklärt ihm, wie man die gesprochenen Laute «Scht» und «Schp» schreibt. Er schreibt sie für Igor auf ein Blatt. Igor nimmt das Blatt und schreibt nun selbst «Strand» und «Spinat». Die Kinder lachen ihm zu, und auch Igor freut sich, dass er diese Wörter von nun an schon richtig schreiben kann. Es macht den Kindern offensichtlich Spass, die Freude am Lernen mit einem Plüschtier zu teilen. «Früher habe ich oft Handpuppen eingesetzt – die Kinder hatten grosse Freude», schrieb Simone Badertscher vor einem Jahr in ihr Tagebuch und fragte sich: «Sollte ich dies wieder mehr tun?» Schon nur diese kleine Szene mit Igel Igor ist wohl Antwort genug. Während sich Igor auf die Matratze hinten im Zimmer zurückzieht, üben die Kinder die neuen Wörter, indem sie ein Bingospiel vorbereiten und es gegen Ende der Stunde dann auch spielen.

Es macht den Kindern offensichtlich Spass, die Freude am Lernen mit einem Plüschtier zu teilen.

Der Vorlesestuhl

Die Kinder der 2. Klasse kommen zurück ins Klassenzimmer, einige Knaben scharen sich um Alexander, seine Papierflieger sind heute eine besondere Attraktion. Ein paar Mädchen setzen sich auf die Matratze und spielen vergnügt und konzentriert mit Plüschtieren, natürlich auch mit Igor. Inzwischen vergrössert Simone Badertscher den Sitzkreis, um ihn der Grösse der 2. Klasse anzupassen. Sie schiebt den mit einem blau-goldenen Tuch bezogenen Vorlesestuhl in den Kreis an die Wand und kommentiert: «Die Idee des Vorlesestuhls hat sich gut bewährt. Er unterstützt mich dabei, dem Vorlesen von eigenen Texten wirklich Raum zu geben. Früher blieb es immer wieder bei guten Vorsätzen meinerseits. Die Kinder haben Freude an der schönen Dekoration; so wird das Vorlesen zu einem speziellen – fast ein wenig kostbaren – Ereignis.» Tatsächlich scheint der Stuhl eine besondere Wirkung zu haben: Wie kleine Könige und Königinnen auf ihrem Thron «verlesen» die Kinder ihre selbst geschriebenen Texte und nehmen die Rückmeldungen der anderen Kinder entgegen. Nun gibt es eine individuelle Lesephase am Pult, dann kehren die Schülerinnen und Schüler in den Kreis zurück. Anhand von Fotos am Boden erzählen sie vom Singspiel «Die Vogelhochzeit», das sie kürzlich den Eltern vorgeführt haben. Alle Kinder erinnern sich gut an ihre Rolle, einige sogar an Textausschnitte. Die Kinder erhalten den Auftrag, zur «Vogelhochzeit» mit den Fotos und einem Text aus drei Sätzen einen Eintrag im Portfolio zu gestalten.

So wird das Vorlesen zu einem speziellen Ereignis.

Das Kollegium

«Das Portfolio wird im Kindergarten eingeführt und geht dann bis Ende der 6. Klasse weiter», erklärt Simone Badertscher, während wir uns nach dem Unterricht auf den Weg zurück ins Lehrerzimmer machen, «es wird auch in der Realschule hier im Schulhaus weitergeführt. Das Portfolio ist ein Beispiel für die Zusammenarbeit im Kollegium. Wir haben viele gemeinsame Anlässe, für die es jeweils Vorbereitungsgruppen gibt. Früher hatten wir die Tendenz, immer alles gemeinsam zu machen, auch die Vorbereitungen, da kamen wir dann punkto Aufwand an die Grenzen. Dass wir den Gruppen und ihrer Arbeit vertrauen, ist eine Qualität dieses Kollegiums. Für uns Alphatierchen, von denen es im Kollegium einige hat, ist es manchmal eine richtige Herausforderung, die Vorschläge anderer tel quel anzunehmen und nicht noch eigene Ideen verwirklichen zu wollen. Es sind leistungsbereite Kolleginnen und Kollegen, die einander vertrauen. Es sind nicht Egoisten, die einfach das eigene Zeug machen wollen. Jemanden von einer Idee profitieren zu lassen, ist ja auch eine Qualität.» Während wir die Treppe runtersteigen, kommt Simone Badertscher nochmals auf die Pausenplatzgestaltung zu sprechen, als Beispiel eines sehr grossen und aufwendigen Schulhausprojekts. Im Gegensatz dazu sei der alljährlich stattfindende Spielmorgen ein kleineres Projekt. Da könnten alle Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrpersonen – vom Kindergarten bis in die 9. Klasse – Spiele mitbringen und diese dann in gemischten Gruppen spielen. Vor dem Lehrerzimmer halte ich Simone kurz zurück, ich möchte noch etwas über fachliche Zusammenarbeit erfahren. «Fachliche Projekte sind erst im Kommen, gerade mit dem Lehrplan 21. Ich bin zusammen mit einer anderen Lehrperson Zyklusverantwortliche, mache dazu eine kleine Weiterbildung und sehe, dass das fachliche Zusammenarbeiten bei uns noch entwicklungsfähig ist.» Jetzt betreten wir das Lehrerzimmer, machen uns einen Espresso und setzen uns in die Pausenrunde. Die Neugierde und Offenheit, mit der mir die Kolleginnen und Kollegen von Simone Badertscher begegnen, lassen etwas von der vertrauensvollen Atmosphäre erahnen.

Neue Herausforderungen

«Diese Kollegiumskultur ist auch Schwankungen unterworfen», nimmt Simone Badertscher den Faden wieder auf, als sie mich noch bis zum Ausgang begleitet, «gerade im Zusammenhang mit personellen Wechseln. Aber wir haben viele Kolleginnen und Kollegen, die wie ich schon lange hier arbeiten, und das Ganze weitertragen. Den Zusammenhalt im Kollegium gestärkt hat auch die Umstellung auf Mehrjahrgangsklassen vor 14 Jahren, da waren wir organisatorisch, gruppendynamisch und auch pädagogisch gefordert. Die nächste Herausforderung für uns alle, als einzelne Lehrperson und als Kollegium, wird die Umsetzung des Lehrplans 21 sein. Solche Herausforderungen zu meistern, gibt mir die Chance, am selben Arbeitsort immer wieder an neuen Zielen anzukommen.»

Auf dem Weg zum Bahnhof stelle ich mir vor, wie Simone Badertscher heute Abend das Gebäck und die Getränke aus dem Kühlschrank nimmt, um mit ihren Kolleginnen und Kollegen die «20 Jahre Lehrerin in Lyssach» zu feiern und auf neue Herausforderungen anzustossen.

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