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Lernfortschritte sichtbar machen

Lernen ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Lernende gehen auf ihren Lernwegen manchmal allein, manchmal zusammen mit anderen. Sie erreichen Ziele, verlaufen sich, finden zurück und erfahren oder ahnen, was auf sie zukommt. Von Franziska Rutishauser.

Dieses Verständnis von Lernen und die Notwendigkeit, Lernen «sichtbar» zu machen, führte zur Idee, Lernwege, -etappen und -stationen auf einer Art Landkarte darzustellen. «Lernlandkarten» können für Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern zum einen Lehrplaninhalte und zum andern bereits Gelerntes und individuelle Lernprozesse sichtbar machen und Orientierung bieten.

In der Sprache der Lernenden werden in den Lernlandkarten die Kompetenzen des Lehrplans aufgeführt. Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern kann damit verdeutlicht werden, woran die Klasse in einem be­stimm­ten Fachbereich über mehrere Jahre arbeiten wird. In den Kompetenzbeschreibun­gen tragen die Lehrperson und die Lernenden periodisch den individuellen Lernzuwachs ein.

Im Schülerheft dokumentieren die Lernenden, was sie neu gelernt haben, zeichnen ihre thematisch begrenzten Lernländer und zeigen Erkenntnisse und Erfahrungen mit Bildern und Worten. Sie schaffen so eine bildhafte Übersicht, die ihnen hilft, mit anderen Schülerinnen und Schülern, mit Lehrpersonen und Eltern über ihr eigenes Lernen und ihre Lernfortschritte, über die entwickelten Kompetenzen und über die nächsten möglichen Lerngegenstände reden zu können.

Mit Lernlandkarten über das Lernen sprechen

Die Schülerinnen und Schüler oder eine bestimmte Gruppe bereiten das Lerngespräch vor. Dazu erhalten sie die Kopie eines bestimmten Abschnitts der Kompetenzfelder ihrer Lernlandkarte und diesen Auftrag:

«Schau die Kopie aus deiner Lernlandkarte an. Was kannst du in diesen Kompetenzfeldern bzw. ‹Ländern› gut? Welche Kompetenzen hast du schon eingefärbt? Was möchtest du besser können, trainieren oder neu angehen?»

In den anschliessenden Lerngesprächen zeigen die Schülerinnen und Schüler ihre Vorbereitung der Lehrperson. Im Gespräch klären sie zusammen, woran die Schülerinnen und Schüler in den nächsten Wochen vertieft arbeiten möchten. Was kann wie geübt werden? Wer kann dabei Unterstützung bieten: die Lehrerin, der Lehrer, eine Mitschülerin, ein Mitschüler, jemand in der Familie? Wer noch? In der Vereinbarung werden alle relevanten Punkte festgehalten. Sie wird an einem für die Schülerinnen und Schüler zugänglichen Ort aufbewahrt.

Übertritt in die nächste Schulstufe mit Lernlandkarten gestalten

Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler ist der Übertritt in die nächste Schulstufe aus vielen Gründen ein wichtiges Ereignis: Die Klassen werden neu gebildet, wobei in der neuen Klasse alte Freundschaften weiterbestehen können oder auseinandergerissen werden. Neue Lehrerinnen oder Lehrer kommen, und die eigenen gehen. Klassenzimmer oder sogar Schulhäuser und damit Schulwege wechseln. Neue Fächer, Stundenpläne, neuer Schulstoff, oft auch mehr Hausaufgaben kommen dazu.

Schülerinnen und Schüler erleben diese Wechsel entweder als Chance oder aber als Grund zur Sorge. Dies hängt davon ab, was sie hinter sich lassen oder was auf sie zukommt und wie sie sich dabei fühlen. Es dürften Freuden und Ängste zu denselben Fakten geben: «Ich bin älter, grösser, stärker, cooler als noch vor einem Jahr, weil ich jetzt zu den Gros­sen bzw. den Grösseren gehören werde.» Oder: «Ich werde wieder der Kleinste, die Jüngste sein.» – «Ich freue mich auf die neue Lehrerin.» Oder: «Ich wäre gerne bei meiner Lehrerin geblieben. Wir kennen uns, und es war mir wohl bei ihr. Die neue Stufe macht mir Angst.»

Ich bin älter, grösser, stärker, cooler als vor einem Jahr.

Im Sinne einer positiven Bestärkung der Schülerinnen und Schüler stellen Lehrpersonen den Stufenwechsel weniger als Bruch, sondern eher als Schritt hin zu Neuem, als Chance dar.

Eine Übergabe unter Verwendung der Lernlandkarte muss mit Einbezug und aktiver Beteiligung des Schülers bzw. der Schülerin stattfinden – die Anwesenheit der abgebenden Lehrperson ist dagegen nicht zwingend, weil die Kinder sich und ihr Lernen selbst vorstellen. Wichtig ist aber, dass die abgebende Lehrperson ihre Schülerinnen und Schüler auf das Übergabegespräch vorbereitet. Durch regelmässige Lerngespräche mit der Lehrperson und den beispielhaften Dokumentationen eigener Arbeit und eigenen Lernens erkennen Schülerinnen und Schüler, wo ihre Stärken liegen, was sie gut können und wo voraussichtlich nächste Entwicklungsschritte möglich sind. Sie haben in diesem Prozess die notwendige Sprache, den Wortschatz sowie personale und methodische Kompetenzen aufgebaut und geübt, wie

  • Stärken und Schwächen ihres Lern­verhaltens einschätzen;
  • auf Lernwege zurückschauen, diese beschreiben und beurteilen;
  • eigene Einschätzungen und Beurteilungen mit solchen von aussen vergleichen und Schlüsse ziehen (Selbst- und Fremd­einschätzung);
  • Lern- und Arbeitsprozesse durchführen, dokumentieren und reflektieren.

Es ist wichtig, Datenschutzrichtlinien zu beachten: Die Lernlandkarte gehört immer der Schülerin bzw. dem Schüler. Auch beim Übertritt gehören die Daten den Lernenden und können nur durch sie bzw. die Eltern freigegeben werden.

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