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aCHo kommt an

Mit der App «aCHo» hat der Kanton Aargau zusammen mit einem interdisziplinären Team einen Coup gelandet. Eine Begegnung mit den Autorinnen Susanne Grassmann und Linda Leutwiler.
Von Iwan Raschle.

Über 4000 Downloads, begeisterte Rückmeldungen von Benutzerinnen und Benutzern und einen Didacta eLearning-Award für Integration obendrauf: Susanne Grassmann und Linda Leutwiler, Sprachwissenschafterinnen am «Zentrum Lesen» der Pädagogischen Hochschule FHNW, haben allen Grund zur Freude. Sie seien von der Verleihung des Awards überrascht worden, erzählen die beiden, der Preis habe sie aber natürlich sehr gefreut. Für das ganze Entwicklungsteam – die App entstand im Auftrag des Kantons Aargau, Projektleiter war Andy Schär von eduxis, gestalterisch und technisch umgesetzt wurde sie von ovos, Wien – sei der Preis eine Bestätigung dafür, einen besonderen Ansatz gewählt zu haben, um Migrantinnen und Migranten die deutsche Sprache und Kultur zu vermitteln.

Der Idee, eine neue Sprachlern-App zu entwickeln, sei sie anfänglich skeptisch gegenübergestanden, erinnert sich Susanne Grassmann. «Es gibt doch bereits unzählige solcher Apps», habe sie sich gedacht, «weshalb sollten wir eine weitere entwickeln?» Erst nach einer vertieften Auseinandersetzung mit den verschiedenen aktuell erhältlichen Anwendungen habe sich bei ihr die Idee durchgesetzt, wie eine Sprachlern-App für Migrantinnen und Migrantinnen funktionieren könnte, wie sie funktionieren müsste.

Keine Übersetzungen

Zusammen mit der Fremdsprachen- und Deutschdidaktikerin Linda Leutwiler begann Susanne Grassmann, das Konzept für eine App zu entwerfen. Ziel war es nun nicht mehr, eine im deutschen Sprachraum bereits erhältliche deutsche App an schweizerische Verhältnisse anzupassen, wie das anfänglich geplant war, sondern von Grund auf ein neues Lernprogramm zu entwickeln. «Dabei fällten wir einen wichtigen Grundsatzentscheid», erinnert sich Susanne Grassmann: «Wir beschlossen, komplett auf Übersetzungen zu verzichten.» Alles sei erschliessbar aus dem Bild, aus der Anordnung der Inhalte. «Durch den Verzicht auf die sehr aufwendigen Übersetzungen schliessen wir niemanden aus, dessen Sprache wir bei den Übersetzungen vielleicht aus Kostengründen nicht hätten berücksichtigen können», betont Linda Leutwiler. «So wie unsere App gebaut ist, kann sie von Menschen jedwelcher Muttersprache verwendet werden, um Deutsch zu lernen. Es wird niemand ausgeschlossen.»

In kleinen Schritten zum Ziel

«aCHo» vermittelt Migrantinnen und Migranten sprachliches und kulturelles Basiswissen in Lebensbereichen oder Situationen, die sie in Befragungen als für sie relevant bezeichnet hatten. In vier Kapiteln – Basis, Arzt, Einkaufen, Unterwegs – werden den Lernenden in 13 Lektionen einfache Illustrationen präsentiert, die sich kleinschrittig zu komplexen Aussagen verdichten. Dieser Ansatz funktioniere beim kindlichen Erst­sprachen­erwerb, «und wir haben keine Zweifel, dass auch Erwachsene so gut lernen können», betont Lernpsychologin Susanne Grassmann. «Man muss den Lernenden nicht alles erklären», vielmehr könnten sie kleine Dinge auch erraten.

«Wir geben zum Beispiel zum Satz ‹Die Frau fährt mit dem Velo› keine Grammatikerklärungen ab», ergänzt Linda Leutwiler, «sondern er wird aus einzelnen ‹Chunks› zusammengesetzt: Frau, mit dem Velo, sie fährt. Daraus erschliessen die Lernenden dann ‹Die Frau fährt mit dem Velo›, ohne dass die Grammatik analysiert werden muss.»

Gesprochen werden die Worte und Sätze von fünf Sprecherinnen und Sprechern, deren schweizerisches Standarddeutsch unterschiedliche Färbungen und Betonungen aufweist. Genau wie in der Realität: Wer nur reinstes Bühnendeutsch versteht, wird die am Bahnschalter oder im Lebensmittelladen gesprochene Sprache oder das mit Dialekt versetzte Standarddeutsch kaum verstehen.

Die Kultur verstehen

«aCHo» ist nicht nur eine Sprachlern-App, sondern befähigt Migrantinnen und Migranten, ihren Alltag zu bewältigen. «Es geht nicht allein um die Sprache, betonen die beiden Autorinnen, «sondern es geht auch darum, die Kultur zu verstehen». Zu verstehen beispielsweise, dass ein Arzttermin um 10 Uhr in der Schweiz wirklich um 10 Uhr stattfindet, weil 15 Minuten später bereits die nächste Patientin oder der nächste Patient eingeplant ist, dass Züge und Busse auf die Minute genau verkehren, dass Häuser Nummern haben und dass ein Mann auf der Strasse eine Frau ansprechen darf, um sich nach einer Adresse zu erkundigen.

Zu den vorhandenen Inhalten der App könnten Su­sanne Grassmann und Linda Leutwiler zwei weitere Lektionen hinzufügen, die sich in der ersten Version aus Kostengründen nicht umsetzen liessen: SBB-­Ticketkauf und Fahrplanauskunft. Weitere Kapitel wie «Kochen», «Spielplatz» und «Sport» sind laut den Autorinnen angedacht und liessen sich ebenfalls ergänzen.

«Wir haben viele Ideen für weitere Themen», lacht Susanne Grassmann, auch liesse sich die App um höhere Levels erweitern, und schliesslich könnten weitere Anwendungen für andere Zielgruppen folgen. Eine Sprachlern-App für Bauarbeiter etwa oder für Gast- arbeiterinnen in der Landwirtschaft – für Menschen, die in unserem Land nicht nur arbeiten wollen. Sondern ankommen.

«aCHo» ist neu ein Projekt des Schulverlags plus

Wenn Migrantinnen und Migranten ohne Kenntnisse der deutschen Sprache in die Schweiz kommen, dauert es oft lange, bis sie Deutschkurse besuchen können. Gleichzeitig besitzen fast alle von ihnen ein Smart­phone. Diese Feststellung hatte den Kanton Aargau veranlasst, im Rahmen eines Pilotprojekts eine Sprachlern-App zu entwickeln, mit der Migrantinnen und Migranten eigenständig erste Schritte beim Erlernen der deutschen Alltagssprache machen können und mit wichtigen Merkmalen der hiesigen Kultur vertraut gemacht werden.

Zusammen mit Fachleuten des Zentrums Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW, Game-Entwicklern der ovos media aus Wien, der Beratungsfirma Eduxis sowie Expertinnen und Experten aus dem Migrationsbereich konnte innert weniger Monate die Sprachlern-App «aCHo» entwickelt werden. Diese ist dank einer Finanzierung über den Swisslos-Fonds des Kantons Aargau für die Nutzenden kostenlos und kann im App Store und bei Google Play bezogen werden.

Inzwischen wurde die App dem Schulverlag plus übergeben. Eine Weiterentwicklung ist in Diskussion. Auch bieten die intelligente Didaktik und innovative «Mechanik» der App Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der digitalen Lehrmittelkomponenten für Schülerinnen und Schüler der Volksschule.

Patric Bezzola, Leiter Programm, Schulverlag plus AG

 

 

Informationen zur App: www.acho.app

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