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Fräulein Müllers Ratschläge fürs Leben

 

Therese Grossmann

Fräulein Müllers Ratschläge fürs Leben

1963 - ein Donnerstagnachmittag in der Mädchenschule Laubegg: Die Nasen der Achtklässlerinnen kleben an den Fenstern. Jeden Augenblick sollten die ältesten Schüler der benachbarten Knabenschule auf ihren Fahrrädern vorbeifahren, winken, ein paar Kurven drehen und vielleicht nochmals grüssen. Endlich, sie kommen! Aber auch Fräulein Müller kommt und sieht den Grund der Aufregung in ihrer Klasse. Als die Mädchen am Platz sind und Fräulein Müller hinter dem erhöhten Lehrerinnenpult steht, redet sie eindringlich auf die Schülerinnen ein. Sie mahnt sie, nicht schon jetzt auf Knaben zu warten und ein Auge auf sie zu werfen, das sei noch zu früh, irgendeinmal später komme dann schon der Richtige, man müsse einfach nur Geduld haben.

Unterrichten und erziehen zu trennen – ein Mythos?

Wir könnten nun schmunzeln über diese gut gemeinten «Ratschläge fürs Leben» der Lehrerin, die damals vielleicht selbst immer noch auf den Richtigen wartete. Oder wir könnten uns entsetzen über diese Einmischung und dafür plädieren, Unterricht und Erziehung strikte zu trennen; und vielleicht die Bemerkung nachreichen, das Unterrichten sei schon Aufgabe genug. Wir könnten uns aber auch fragen, ob es nicht ein Mythos sei, «unterrichten» und «erziehen» zu trennen.

Wieder ein Donnerstagnachmittag im Jahr 2019: Die Hände und Lippen der Schülerinnen und Schüler kleben vom Zucker des ausgiebigen Zvieris nach der Sportstunde. Aufgerissene Plastikverpackungen deuten auf Kuchen und Nussgipfel hin. Die WAH-Lehrerin Frau Marti betritt das Klassenzimmer.

 

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