farbwelt

Mythen, Visionen und Realitäten

Mythos, Realität, Vision - mit diesen Begriffen hat sich die «profil»-Redaktion bei der Planung der drei Ausgaben dieses Jahres beschäftigt. Und sich dabei gefragt, wie Verklärung, Deutung und Vorstellung das Verständnis von Lernen und Lehren beeinflussen. Von Christian Graf.

Sowohl Mythos als auch Realität und Vision sind erkenntnistheoretische Zugänge. Ihrer hat sich die Menschheit immer bedient, wenn es darum ging, das eigene sowie das gemeinsame Leben zu gestalten. Es ist nur logisch, wenn diese Zugänge auch das Lernen und Lehren beeinflussen, und es kann hilfreich sein, sich diese Zusammenhänge etwas genauer anzuschauen.

Was verstehen wir unter «Mythos»?

Mythen sind im ursprünglichen Sinn Erzählungen und Behauptungen, die von vielen Menschen als richtig angesehen werden. Sie erheben Anspruch auf Geltung für die behauptete Wahrheit. In der griechischen Antike stellten die Sophisten den Mythos als Gegensatz zum Logos dar, der verstandesmässige Beweise für die Überprüfung von Behauptungen sucht. Mythen geben Menschen Orientierung und Halt und versuchen, rational Unerklärbares zu deuten. Haben sich Mythen einmal in den Köpfen von vielen Menschen festgesetzt, ist es schwierig, die idealisierten Geschichten kritisch zu befragen oder verklärte Vorstellungen zu verändern, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung um Mythen in der Schweizer Geschichte beweist. Mythen sollten jedoch nicht ignoriert oder einfach als realitätsfremd abgetan werden. Sich mit ihren essenziellen Aussagen zu beschäftigen, kann durchaus zu wertvollen Erkenntnissen führen.

Erziehung und Bildung leben davon, dass sie sich mit Entwicklung und Zukunft beschäftigen.

Rund um das Lehren und Lernen wird der Begriff Mythos in der Berichterstattung häufig verwendet, meist im Verständnis, dass daran nichts Wahres sei. So titelte der Tages-Anzeiger 2016 im Zusammenhang mit der Hattie-Studie: «Fünf Lern-Mythen, die wissenschaftlich widerlegt sind», und auch GEO räumt nach eigenen Angaben mit «fünf populären Lernmythen» auf, denn «auch in der Schule gilt: Was viele glauben, muss noch lange nicht richtig sein». Die Sophisten wirken also nach – und wir kommen in den nächsten Nummern auf die populären Mythen rund um das Lernen und Lehren zurück.

Wie real ist die Realität?

Die Realität scheint demgegenüber weniger problematisch. Sie bewahrt vor Illusionen, konfrontiert die Betrachtenden mit Fakten und Tatsachen. Dabei bleibt die Betrachtung und Interpretation aber häufig subjektiv. Eine der Hauptfrage bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen ist die Wahrnehmung und Beurteilung eines Lernprozesses. Wie kann man diesen «real» erfassen? Wie wissen wir als Lehrpersonen mit Bestimmtheit, ob in einer Reflexion geäusserte oder von uns beobachtete Veränderungen real sind? Und wie die Aktualität zeigt, sind auch «Fake news» Teil der Realität geworden. Ein kritischer, mehrperspektivischer Blick auf die scheinbare Realität erscheint also dringender denn je.

Sich von Visionen leiten lassen?

Erziehung und Bildung leben davon, dass sie sich mit Entwicklung und Zukunft beschäftigen. Dabei spielen Ziele und Visionen eine zentrale Rolle. Diese werden von Einzelpersonen, zum Beispiel den Eltern oder den Lehrpersonen, ebenso geprägt wie von Teams, etwa in den Leitbildern einer Schule, oder von der Gesellschaft, zum Beispiel in den Volksschulgesetzen oder den Lehrplänen. Visionen waren und sind Grundlage für Erfindungen und Entdeckungen und allgemein Motor für Entwicklung. Dabei ist zu fragen, aus welchen Quellen sich die jeweiligen Visionen speisen, welche Motive hinter visionären Ideen zukünftiger Entwicklung stehen. Aber Visionen können zu Luftschlössern werden, die für die Gegenwart und die Realität nicht fruchtbar gemacht werden können und entsprechend «weltfremd» wirken.

Ich bin doch kein Pestalozzi – die Lehrperson im Fokus

Die vorliegende Ausgabe von «profil» beschäftigt sich mit der Lehrperson, ihren Rollen und Funktionen. Dabei wird auch deutlich, wie stark die heutigen Vorstellungen des «guten Lehrers, der guten Lehrerin» noch immer von Johann Heinrich Pestalozzi geprägt sind.

«Wer in den landläufigen ‹Mythos Pestalozzi› hineinhört, begegnet in der Regel dem Bild eines grossherzigen Almosenspenders, eines sentimentalen Kinderfreundes, eines etwas versponnenen Schulreformers und insbesondere eines ungeschickten Träumers, der es ökonomisch zu nichts gebracht hat», schreibt Arthur Brühlmeier in der Internet­dokumentation www.heinrich-pestalozzi.de.

In dieser Perspektive wird Pestalozzi primär als idealistischer Visionär interpretiert. Visionären kann, wenn man sich nicht auf ihre Gedanken einlassen will, einfach das Etikett Träumer angehängt werden. Im Volksmund grenzt man sich von hohen ethischen Ansprüchen mit der Aussage «Ich bin doch kein Pestalozzi» entsprechend ab. So einfach können wir es uns als Lehrpersonen nicht machen.

Erziehung ist die höchste und grösste Aufgabe des Menschen. Sie ist das Höchste, weil es dabei um die Würde des Menschen geht.

«Erziehung ist die höchste und grösste Aufgabe des Menschen. Sie ist das Höchste, weil es dabei um die Würde des Menschen geht», schrieb Heinrich Pestalozzi in der Wochenschrift für die Menschenbildung. «Zur Menschenwürde führen kann nur, wer selbst innere Würde hat.»

Pestalozzi stellte die Beziehung als wesentlichen Faktor der Erziehung und Bildung eines Menschen ins Zentrum. Der Mensch entwickelt sich «wesentlich nur von Angesicht zu Angesicht, nur von Herz zu Herz menschlich.»

Und nicht nur auf die sittliche Entwicklung, sondern auch auf den Lernerfolg scheint die Beziehung zwischen der Lehrperson und den Lernenden einen wesentlichen Einfluss zu haben. Gemäss der Hattie-Studie (Hattie 2013) sind bezogen auf die Lehrperson deren Klarheit und die Beziehung zu den Lernenden zweit- und drittstärkste Einflussgrössen auf den Lernerfolg.

In seiner Rede am Pestalozzi-Symposium 2008 legte Roger Vaissière, ehemaliger Direktor des Pestalozzianums Zürich dar, wie wichtig «selbstbewusste Lehrpersonen und Erziehende, die Verantwortung übernehmen können und sich nicht als Funktionäre verstehen, eben Frauen und Männer mit innerer Würde» für die Gesellschaft heute sind. «Aber auch sie benötigen immer wieder gesellschaftliche Anerkennung.»

Heidi Gehrig, die in diesem Magazin porträtiert wird, hat 2018 für ihr langjähriges Angebot für eine demokratische Schule den «Anerkennungspreis für die Förderung der st.gallischen Lehrerinnen- und Lehrerbildung» der PH St.Gallen erhalten. In ihrem Werk wird deutlich, was innere Würde im alltäglichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen bedeutet. In seiner Laudatio betonte Ilias Paraskevopoulos, Leiter Institut Weiterbildung und Beratung, PH St.Gallen, wie relevant Heidi Gehrigs ermutigendes Plädoyer für gelebte Demokratie in Schulen ist. Gerade in einer Zeit, «in der es wichtig ist aufzuzeigen, dass es eben nicht nur schwarz und weiss gibt, in der es wichtig ist, Anteil zu nehmen, die andere Seite anzuhören und nicht auszusperren. In einer Zeit, in der Tatsachen in Frage gestellt und Deutungshoheiten verschoben werden.»

Wer nicht hinhören und hinschauen will, mag Visionäre als «Träumer» etikettieren. Das war bei Heinrich Pestalozzi so, das erlebte Heidi Gehrig nicht anders. Die Redaktion von «profil» will in diesem Heft und in den folgenden beiden Ausgaben aber genau dies: Hinhören und hinschauen. Wir prüfen Mythen, beschreiben Visionen, befragen die Realität.

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrags (PDF)1.25 MB