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Die Zukunft ist jetzt

Im vergangenen Herbst hat Zukunftsforscher Georges T. Roos anlässlich der 2. WAH-Fachtagung des Schulverlags ein vielbeachtetes Referat gehalten. Im Gespräch geht er nun auf Fragen ein, die Schule und Bildung direkt betreffen. Von Christian Graf.

 

Georges T. Roos, lic. phil. I, analysiert als Zukunftsforscher seit 20 Jahren die Megatrends und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Er ist Gründer des Zukunfts-forschungsinstituts ROOS Trends & Futures (www.kultinno.ch) und der European Futurists Conference Lucerne und gilt als der führende Zukunftsforscher der Schweiz. Seine Zeitdiagnosen weisen in die Zukunft unserer Gesellschaft in der globalisierten Welt, benennen die Herausforderungen, stellen die Risiken unverblümt dar, betonen aber immer auch nachdrücklich die Chancen.

profil: Wie kann man sich die Arbeit eines Zukunftsforschers vorstellen?

Georges T. Roos: Zukunftsforschung ist eine Disziplin, sich methodengestützt mit Zukunftsfragen auseinanderzusetzen. Ich versuche, Tendenzen zu verstehen, zu beschreiben und mögliche Folgen davon abzuschätzen. Der Visionär würde fragen, wie die Zukunft sein müsste, also normative Fragen ins Zentrum rücken. Der Zukunftsforscher dagegen beschreibt, wie die Zukunft aussehen könnte, bewertet dies aber nicht.

Ihr Credo lautet: Die Zukunft ist jetzt. Was meinen Sie genau damit?

Wir werden immer von Ereignissen überrascht werden. Aber es gibt Entwicklungen, die vorhersehbar sind, weil sie bereits begonnen haben – auch wenn sie erst kleine Auswirkungen haben. Für die Zukunftsforschung sind die Megatrends besonders wichtig. Dies sind übergeordnete sozioökonomische Entwicklungen, die lange andauern und globale Auswirkungen auf alle Bereiche haben werden. Wir haben im Rahmen von swissfuture 16 solcher Megatrends definiert, die das Individuum und die Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Dazu gehören zum Beispiel das Bevölkerungswachstum, die alternde Gesellschaft, die Verstädterung, die Individualisierung oder die Digitalisierung (vgl. Profil 3/2018, S. 30).

Welche dieser Megatrends hätten Zukunftsforscher vor 100 Jahren bereits wahrgenommen?

Die Beschleunigung und die Globalisierung hätten sie wohl gesehen, die Bevölkerungsentwicklung sowie die Digitalisierung konnten sie sich so sicher nicht vorstellen. Und grundsätzlich hätten sie wohl kaum Zeit gehabt, sich so stark mit der längerfristigen Entwicklung auseinanderzusetzen.

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Was bedeutet dieser Megatrend für Schule und Bildung?

Der Possibilist betont den menschlichen Handlungs- und Interpretationsspielraum im Rahmen seiner physischen und sozialen Grenzen

Die digitale Entwicklung gibt deshalb viel zu reden, weil ihr eine besondere Dynamik innewohnt. Vor 20 Jahren waren viele Entwicklungen in diesem Bereich kaum abzusehen. Wer hätte jemals gedacht, dass alle Informationen jederzeit von jedem Punkt der Welt zugänglich wären. Allerdings sind diese Informationen immer nur kleine Ausschnitte –Faktenwissen. Reines Faktenwissen ist daher für die Schule nicht mehr gleich wichtig. Dagegen wird es zunehmend wichtiger, dass die Schule anregt und unterstützt, diese Fakten einzuordnen, zu überprüfen und Zusammenhänge herzustellen. Kommt dazu, dass sich unsere Rezeptionsarten durch die digitalen Möglichkeiten verändern. Bilder und Filme treten anstelle von Texten. Dank online-Hörsälen kann im Prinzip jeder bei den besten Professoren studieren, Jugendliche finden auf Youtube NASA-Lektionen über das Weltall. Die Schule der Zukunft sollte das Beste aus beiden Welten – der Online-Welt und der direkten Begegnung in der Schule – verbinden.

Welche Megatrends sind weiter für die Schule relevant?

Es gibt solche, die für die Schule noch stärker zum Bildungsinhalt werden müssen, die Ökologie oder die Globalisierung beispielsweise. Im Zentrum selbst aber bleibt der junge Mensch und seine zu entwickelnden Kompetenzen. Individualisierung, also eine intensive Selbstbeziehung, gewinnt durch die sozialen Medien an pädagogischer Bedeutung. Junge Menschen stellen sich aus und suchen Feedback. Das kann bestärken oder aber auch tief verletzen und verstören.

Es wäre fatal, verhielten sich Lehrpersonen zukunfts­abwehrend.

Überdies verstärken soziale Medien die Bildung zunehmend ausdifferenzierterer Gruppenidentitäten, die sich von anderen abgrenzen. Die Schule soll hier sowohl die Bildung einer Selbstkompetenz fördern wie auch den Filterblasen entgegenwirken. Zunehmend wichtig wird es auch sein, dass junge Menschen lernen, verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen. Die künstliche Intelligenz wird beispielsweise besser diagnostizieren, der Arzt aber wird darauf bauend im Einzelfall verantwortungsbewusst entscheiden müssen. Ein weiteres Beispiel ist die Beschleunigung. Alles geht schneller und ist weniger lang gültig, wir packen mehr Erlebnisse in die gleiche Zeit. Für die Schule könnte es interessant sein, ab und zu den Gegentrend Entschleunigung zu pflegen.

Sie haben darauf hingewiesen, dass die Schule Menschen für Berufe ausbildet, die es schon bald nicht mehr geben wird. Was ist zu tun?

Meine These ist tatsächlich, dass es in 20 bis 25 Jahren zum Beispiel kaum mehr kaufmännische Stellen geben wird, weil Routinearbeiten zukünftig von Maschinen genauer und schneller erledigt werden können. Andere Bereiche dagegen werden zunehmend gefragt sein, z.B. die Informatik oder die Krankenpflege. Und viele handwerkliche Berufe werden bleiben. Die Aufgabe der Schule bleibt dabei noch immer die gleiche: Sie soll Neugier und Lust wecken, Neues zu entdecken und zu lernen.

Müssen Lehrpersonen demnach zu Zukunftsforscherinnen und -forschern werden?

Schule hat immer einen Zukunftsbezug. Schon aus dieser Sicht macht es Sinn, wenn Lehrpersonen sich mit der Zukunft auseinandersetzen. Dabei brauchen sie nicht zu Zukunftsforscherinnen und –forschern zu werden. Es genügt, wenn sie die Veränderungen zu verstehen versuchen und sich bewusst sind, dass sie in vielen Bereichen auf offene Situationen hinarbeiten. Es wäre fatal, verhielten sich Lehrpersonen zukunftsabwehrend, vielmehr sollten sie die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen stärken und ihnen den Umgang mit offenen Situationen zutrauen.

Kann man in die Zukunft blicken und gleichzeitig Optimist bleiben?

Optimismus und Pessimismus sind mögliche Einstellungen zur Welt. Ich halte es lieber mit dem schwedischen Arzt Hans Rosling, der sich nicht als Optimist oder Pessimist, sondern als Possibilist bezeichnet hat. Der Possibilist betont den menschlichen Handlungs- und Interpretationsspielraum im Rahmen seiner physischen und sozialen Grenzen. Es geht also darum, die Angst vor der Veränderung durch die Frage zu ersetzen, was wird anders, und was liegt da für mich drin.