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Multitasking als Indiz für Expertentum?

Eine Gruppe von Kindern zu instruieren und gleichzeitig einzelne Kinder zu beobachten, ist anspruchsvoll. Was für eine Junglehrerin machbar ist, zeigt ein Besuch bei Michelle Muther in der Basisstufe Gisikon.
Von Therese Grossmann.

Zu Beginn der Stunde sitzen alle Kinder im Kreis und singen zusammen mit ihren Lehrerinnen das «Pizza-Lied». Damit stimmen sie sich auf das «Pizzeria-Spiel» ein, das sie gerade entwickeln. Dazu gehören zum Beispiel das Schreiben und Lesen von Speisekarten für die älteren Kinder, Arbeiten in der Kinderküche wie das Belegen von Pizzen oder das Zubereiten eines Salattellers (alles mit Bastelmaterial) und natürlich das Servieren. Um im Spiel weiterzukommen, wird die ganze Klasse in zwei gleich grosse Gruppen aufgeteilt.

Was und wie viel gehört auf eine Pizza Margherita?

Während die eine Gruppe mit der Teampartnerin im Zimmer nebenan das Bestellen beim Servicepersonal lernt, übt Michelle Muther mit den anderen Kindern das Lesen der Speisekarte und das Belegen von Pizzen nach Fotovorlagen. Die Kinder freuen sich, einige möchten gleich alle Zutaten auf dem Tisch auf eine Pizza laden. Ruhig setzt sich die Lehrerin mit den Instruktionen durch, indem sie spricht und gleichzeitig einzelne Kinder beobachtet. Wenn nötig unterbricht sie, um das Einhalten von Anweisungen einzufordern – zum Beispiel zu zweit eines der Pizzafotos genau zu studieren und die Zutaten zu benennen.

Michelle Muther bespricht mit den Kindern das Belegen einer «Margherita».

 

Diese Multitaskingsituation mit gleichzeitigem Sprechen und genauem Beobachten will ich nachher mit Michelle Muther thematisieren. Nachdem die Kinder auch noch einen grünen und einen gemischten Salat angerichtet und sorgfältig mit der Fotovorlage verglichen haben, wechseln sie zu den Aufgaben im Nebenzimmer. Schon kommt die zweite Gruppe zu Michelle Muther, um eine «Margherita» oder eine «Prosciutto» zu belegen.

«Pizzeria» können alle spielen

Jetzt geht es an die letzten Vorbereitungen für das heutige Spiel. Dazu sitzen alle wieder im Kreis und überlegen sich mit der Unterstützung ihrer Lehrerinnen, welche Rollen es dazu braucht: Jemanden an der Anmeldetheke, Gäste, Servicepersonal, das Pizzaioloteam für den Ofen, die Köche und Köchinnen für die kalte Küche und für die Pasta. Nach der Zuteilung gehen und rennen die Kinder an ihre Spielorte. «Diese kurze Chaosphase musst du aushalten», erzählt mir Michelle Muther nachher, «und dich auf gezielte Beratungen beschränken.» So braucht es in der Küche Vorbesprechungen, zum Beispiel, wann die Spaghetti (aus Wollfäden) in die Pfanne kommen und wo der Salat angerichtet wird. Auch die Pizzaiolos brauchen noch kurz Unterstützung in der Anordnung der Zutaten.

Bereits werden die ersten Gäste hereingeführt, setzen sich und studieren die Speise- und Getränkekarte. Dank den Fotos ist sie auch für die jüngsten Kinder lesbar. Ich setze mich zu einem kleinen Knaben an den Tisch, der mir sofort das Angebot erklärt und meint, ich sei schon gross und dürfe auch Wein bestellen, er nehme heute Tee. Während wir auf den Service warten, sehe ich, wie Michelle Muther in der Nähe des Pizzaofens steht und das Geschehen beobachtet, das zunehmend Fahrt aufnimmt: Bestellungen werden notiert und in die Küche bzw. zu den Pizzaiolos gebracht. «Ajshe, hast du gerade nichts zu tun?», fragt Michelle Muther, «dann könntest du noch Besteck zu den Tellern legen, das haben wir vergessen.» Nicht alle Gäste können gut warten, deutlich sichtbar mimt ein Knabe den Clown. Michelle Muther geht zu ihm hin, beugt sich zu ihm auf Augenhöhe und flüstert ihm etwas zu. Das wirkt leider nur kurze Zeit – wieder geht die Lehrerin zu dem Knaben hin, legt ihm die Hand auf den Rücken und wartet, bis sich der Knabe beruhigt hat. Über dieses Repertoire an Interventionen möchte ich nachher noch mehr erfahren. Inzwischen ist das Spiel so weit fortgeschritten, dass alle Gäste bedient sind und essen, während in der Küche nicht mehr viel läuft. Es wird langsam Zeit, aus dem Pizzeria-Spiel auszusteigen und das Material aufzuräumen.

Das nächste Mal ist es nicht mehr gratis

Ein Klatschspiel im Kreis sammelt die Aufmerksamkeit der Kinder, sodass sie auch in der Schlussphase aufmerksam zuhören können. «Das hat ja vorhin schon gut geklappt», beginnt Michelle Muther die Auswertung, «das Zubereiten der Speisen üben wir nun nicht mehr extra.

Damit die Gäste weniger lang warten müssen, brauchen wir für den Service das nächste Mal mehr Kinder. Mir ist aufgefallen, dass Marla und Tim ziemlich herumrennen mussten, um die Bestellungen in der Küche aufzugeben. Wir wollen ja eine schön lebendige Pizzeria, aber kein Gehetze.» Aus der Reaktion der Kinder auf dieses Feed­back schliesse ich, dass sie es gewohnt sind, auf die Reflexionen der Lehrerinnen zu hören. «Heute waren die Getränke und Speisen noch gratis, das nächste Mal kostet es», kündigt die Lehrerin an. «Letzte Woche habt ihr ja am Marronistand mit dem Geld geübt, das könnt ihr schon so gut, dass wir es in unser Pizzeria-Spiel einbauen.» Die Kinder freuen sich über diese Ankündigung, packen ihre Sachen zusammen und machen sich auf den Heimweg. Ob es zuhause eine Pizza gibt?

Ein Klatschspiel im Kreis sammelt die Aufmerksamkeit der Kinder, sodass sie auch in der Schlussphase aufmerksam zuhören können.

Interview mit Michelle Muther

Während der Vorbereitung des Pizzaspiels hast du instruiert und gleichzeitig einzelne Kinder beobachtet. Und wahrscheinlich laufend Entscheidungen getroffen, ob und wie du reagieren willst. Wie erlebst du dieses Multitasking?

Michelle Muther:Anstrengend, aber faszinierend! Beobachtungsmöglichkeiten in meinem Umfeld haben mich schon immer angezogen, und Multitasking-Situationen entsprechen mir grundsätzlich. Natürlich war mir vor gut vier Jahren, als ich hier anfing, weniger möglich. Damals hatten wir 26 Kinder, heute sind es 18. Auch deswegen musste ich mir halt oft sagen: Jetzt ist dieses Kind überhaupt nicht bei der Sache, aber solange es nicht den Unterricht stört, lasse ich es einfach mal. Zudem weiss ich heute auch mehr, zum Beispiel über die einzelnen Kinder oder über die Schwerpunkte des Unterrichtens in einer Basisstufe.

Kanntest du nach der Grundausbildung deine Rollen bzw. Aufgaben? Dass du unterrichten musst, beraten, begleiten, zusammenarbeiten mit Eltern und im Kollegium?

Der Umgang mit den verschiedenen Rollen und Aufgaben war ein wichtiges Thema im Studium. Was das denn im Alltag sein würde, war nur diffus vorstellbar. Man kann sich die Ausführungen zu den Aufgaben in der Theorie anhören und denken: Ja klar, das leuchtet mir ein. Aber die verschiedenen Aufgaben konkret zu erleben, ist eine andere Sache. Nach dem ersten Quartal war ich schon sehr kaputt, aber nicht überrascht.

Während der Vorbereitung des Pizzaspiels hast du instruiert und gleichzeitig einzelne Kinder beobachtet. Und wahrscheinlich laufend Entscheidungen getroffen, ob und wie du reagieren willst.

Woran hast du am deutlichsten gesehen, dass du nach der Grundausbildung noch nicht fertig ausgebildet bist?

An der Elternarbeit: Ich kam in eine Situation, in der schon vorher einiges nicht so gut gelaufen ist. Das hatte nicht mit mir persönlich zu tun, ich musste es jedoch ein wenig ausbaden. Da fühlte ich mich schon «ins kalte Wasser geworfen» mit heftigen Eltern, die kein Vertrauen mehr hatten. Zudem ist der differenzierte Umgang mit Eltern etwas, das Erfahrung braucht: Dass man zum Beispiel weiss, auf welches Elternanliegen man eingehen muss oder wo man sich abgrenzen sollte.

Was wohl auch Erfahrung braucht, ist der Aufbau eines Handlungsrepertoires. Zum Beispiel im Umgang mit dem Knaben, der Clown sein wollte. Woher hast du dieses Repertoire?

Zum grossen Teil von meinen Praktika. Ich hatte das Glück von sehr guten Praktikumssituationen mit Lehrpersonen, von denen ich viele Strategien in mein Repertoire aufnehmen konnte. Zunehmend handle ich auch intuitiv, wahrscheinlich, weil ich mir das nun mehr zutraue. Ich weiss besser, welche Art von Handlung zu welchem Kind passt. Es gibt Kinder, die eher auf etwas Visuelles ansprechen, andere auf etwas Taktiles oder Kinästhetisches. Manchmal lese ich mich auch in ein Spezialgebiet ein oder spreche mit Expertinnen und Experten.

Du selbst bist ja auch auf dem Weg zur Expertin. Welche Rolle spielt dabei dein reflexives Lernen?

Eine sehr grosse. Ich reflektiere allein, mit meiner Stellenpartnerin oder mit den anderen Kolleginnen aus dem Team. Ich reflektiere oft gerade unmittelbar nach einer Situation. Ich gebe zum Beispiel einen Auftrag und sehe dann an der Reaktion der Kinder, dass ich zu viel geredet habe. Das ist für mich in der Basisstufe ein permanentes Thema: Wie viel ich rede! Ich überlege dann direkt in der Situation, wie ich es ein anderes Mal anders machen könnte.

Genügt das reflexive Lernen, oder braucht es auch Impulse von aussen?

Es braucht beides. Durch das ständige Reflektieren kann ich mich immer weiterentwickeln. Manchmal erlebe ich stärkere Fortschritte, manchmal sind sie weniger gut sichtbar. Das andere ist das aktive Dransein, sei es durch eine Weiterbildung oder durch Besprechungen im Team während der Supervision. Vorwärtskommen ist mir wichtig, es darf Stolpersteine haben, es darf auch etwas schiefgehen, aber es darf nicht stagnieren.

Welches ist dein nächstes Ziel?

Eine Weiterbildung zu wählen mit dem Fokus Kindergarten. Wir sind hier drei Basisstufen, und ich bin zurzeit die Einzige, die von ihrer Ausbildung her Kindergartenerfahrung hat. Darum möchte ich meine Erfahrungen vertiefen und sie den anderen im Team zugänglich machen. Ein weiteres Ziel wäre, dass wir uns auch als Stufe, zum Beispiel mithilfe eines Coachings, noch stärker und vertiefter mit dem Thema Kindergarten auseinandersetzen.

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