farbwelt

Visionen?

Vier Lehrpersonen aus einem Oberstufenkollegium schildern, wie sie sich ihren Beruf vorgestellt haben und wie sie ihn erleben.
Ein Gespräch, auf- und nachgezeichnet von Werner Jundt.

Vier Unterrichtende aus verschiedenen Stufen diskutieren Möglichkeiten, Lernen direkt oder anhand von Lernspuren zu beobachten. Sie sprechen über Medien, die Lernen sichtbar machen, und über das Zusammenspiel von Selbst- und Fremdeinschätzung bei der Lernförderung; und sie fragen, welche Voraussetzungen Lehrpersonen erfüllen müssen, um das Unterwegssein von Lernenden überhaupt wahrnehmen zu können.

Was kann bei einem Lernprozess überhaupt beurteilt werden? Und wie macht man das?

Klaus Gfeller Sekundarlehrer | Unterrichtet seit 38 J. | Klassenlehrer | Fächer: Math, NMG | Betreut Praktika der PH

Regula Süsstrunk Sekundarlehrerin | Unterrichtet seit 34 J. | Klassenlehrerin | Fächer: D, E, F, NMM, Kultur

Michael Aebischer Sekundarlehrer | Unterrichtet seit 26 J. | Fächer: Math, Sport

Esther Iseli Sekundarlehrerin | Unterrichtet seit 1 J. | Klassenlehrerin seit 2018 | Fächer: WAH, NT, RZG, Math, ERG, KL

Klaus Gfeller Nein, eher Vorstellungen: Ein Beruf fürs Leben sollte es sein. Ein vielseitiger Beruf, der etwas mit Menschen zu tun hat. Ein Beruf, in dem ich gestalten kann. Das war keine Vision; einfach die Vorstellung von einem Beruf, in dem ich alt werden wollte. Und so ist’s geworden. Viele andere sind ausgestiegen. Ich bin geblieben.

Esther Iseli Ja, das sind auch bei mir einfach so ein paar Vorstellungen; dem würde ich nicht Visionen sagen. Eher schon Hoffnungen: Die Eltern würden nicht einfahren, die Schülerinnen und Schüler würden sich benehmen. Wenn du anfängst, musst du überleben. Da ist kein Platz für Visionen.

Regula Süsstrunk Das erstaunt mich jetzt sehr. Ich habe ein Papier von dir gelesen, das strotzt von Visionen; das Berufskonzept, das du an der PH verfasst hast. So etwas hatte ich nie.

Esther Iseli Das sind eigentlich Prinzipien, nach denen ich meine Arbeit ausrichte: Gute fachliche Vorbereitung; die Kinder motivieren; sie auf ihrem Weg weiterbringen.

Michael Aebischer Ich weiss, was du meinst. Für mich tönt Vision auch eher nach: «Dorthin wollen wir!» Als ich anfing, war ich weit davon weg. Ich wusste: Ich muss den Lehrplan erfüllen, muss auch Sachen unterrichten, die ich nicht studiert habe. Ich wollte beliebt sein, wollte keine Probleme mit den Eltern haben. Das Visionärste war wohl die Absicht, mit Werkstätten und Wochenplan zu unterrichten. Das haben wir dann auch mit viel Einsatz gemacht!

Regula Süsstrunk Ich habe im Gymer erlebt: Bildung, Wissen, Verstehen befreit mich zum eigenen Leben – das tönt jetzt vielleicht pathetisch; aber das war unser Unterricht: selber denken, kritisch denken; dafür musst du erst mal viel verstanden haben. Das wollte ich weiter pflegen, wollte verschiedene Fächer genauer kennenlernen. Und Geld verdienen musste ich ja auch noch. Also wurde ich Lehrerin. In der Ausbildung lernte ich «die Kunst des Unterrichtens». Das hiess damals – wohl in Anlehnung an Sokrates: Keine Lösungen verbreiten; alles kritisch hinterfragen, die Sache umkreisen, bis die Lernenden selber auf die Lösung kommen. Als ich anfing zu unterrichten, wollte ich, dass meine Schülerinnen und Schüler erleben können, wie toll das ist, wenn man Zusammenhänge erfasst und selber weiterdenken kann.

Michael Aebischer Das tönt für mich jetzt aber viel mehr nach Vision als zum Beispiel «keine Probleme mit Schülern haben».

Klaus Gfeller Regula, du sprichst in der Vergangenheit. Hast du diese Idee heute nicht mehr?

Regula Süsstrunk Das zerbrach mit einem Knall. – Ich erinnere mich noch genau: Ich unterrichtete Berufswahlvorbereitung. Wir besprachen Texte des kritischen Journalisten Günter Wallraff. Da fragte mich ein Schüler: Ist denn eigentlich alles nur schlecht? Das war’s. – Ich glaube immer noch an den Wert des Wissens, aber ich spüre nicht mehr diese Mission. Heute habe ich eher Ideen, konkrete Ziele, aber nicht die Vorstellung, dass meine Schülerinnen und Schüler das Gleiche erleben müssen wie ich damals im Gymnasium. Und ich stelle nicht mehr primär Probleme in den Raum, sondern gehe von Tatsachen aus, möglichst aus einer positiven, Mut machenden Haltung heraus.

Klaus Gfeller Michael, du hast vorhin gesagt, das Visionärste seien die Werkstätten und der Wochenplan gewesen. Und was ist daraus geworden? Mit dem Wechsel des Schulsystems kamen bei uns die Niveaufächer. Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Klassen wurden für einzelne Stunden in Niveaugruppen zusammengefasst. Und aus war‘s mit dem Wochenplan!

Wer keine Vision hat, wird fremdbestimmt. Klaus Gfeller

Michael Aebischer Das war schon ein Verlust. Für die Kinder und für mich. Es gibt ja andere Formen des selbstständigen Arbeitens. Aber die Wochenpläne waren halt fächerübergreifend, von mehreren Kolleginnen oder Kollegen getragen.

Esther Iseli Ja, eigentlich sind wir sehr jeder für sich vor der Klasse. Die Schülerinnen und Schüler erleben wenig von unserer Zusammenarbeit. Es wäre schön, wenn wir mehr als Ganzes wahrgenommen würden. Für mich ist die Zusammenarbeit mit Fachkolleginnen und -kollegen wertvoll, das gibt mir extrem Sicherheit.

Michael Aebischer Wir reden im Kollegium ja schon darüber: Wo wollen wir hin? Was wollen wir gemeinsam machen? An einem Weiterbildungstag zum Beispiel; und dann ist wieder Alltag: Organisieren, in Arbeitsgruppen Projekte bearbeiten, Listen schreiben. Unterrichten und Unterricht vor- und nachbereiten ist immer weniger das Hauptproblem. Da ist eine Megafülle von anderen Sachen. Unter Zeitdruck bleiben Visionen auf der Strecke.

Regula Süsstrunk Visionen sollen dort bleiben, wo sie sind: Weit weg! Ich habe einfach Ideen für meinen Unterricht. Ich möchte zusammen mit den Schülerinnen und Schülern – und manchmal auch mit Kolleginnen und Kollegen– etwas Sinnvolles machen, ich möchte eine gute Atmosphäre haben, Vertrauen, Sicherheit, Disziplin, gute Elternkontakte. Auf dieser Grundlage kann ich arbeiten; zum Beispiel ab und zu ein kleines Literaturprojekt machen; oder mit der Klasse und mit Eltern eine Oper besuchen, mit einer Theaterführung vorweg. Das sind meine Bausteine – ohne Weisung von oben. Ich mag den Befehl, eine Vision zu haben, nicht. Solche sogenannten Visionen gebären oft primär mal Arbeitsgruppen und Papier. Ich mag organische Entwicklungen mehr, auch wenn solche weniger spektakulär sein mögen.

Michael Aebischer Vielleicht münzt du gewisse Ansprüche auch zu sehr auf dich. Zum Beispiel mit dem neuen Lehrplan. Die «Kompetenzorientierung» regt dich auf. Dabei unterrichtest du längstens kompetenzorientiert!

Regula Süsstrunk Kann schon sein, aber wenn ich eine Neuerung in Frage stelle, mag ich nicht automatisch in die «Angst-vor-Neuerungen-Ecke» geschoben werden.

Visionen sollen dort bleiben, wo sie sind: Weit weg! Ich habe einfach Ideen für meinen Unterricht. Regula Süsstrunk

Klaus Gfeller Mit Kritisieren setzt du deine Professionalität aufs Spiel. Wenn du sagst: «Das würde ich jetzt nicht so machen», wird das nicht interpretiert als «du reflektierst», sondern als «du lehnst etwas ab, was jetzt gelten soll.» – Als ich 1980 angefangen habe, spürte ich: Das Kollegium und die Schulleitung vertrauen mir. «Du, junger Kollege, kannst das und machst es gut!» Heute werden wir kontrolliert, müssen immer mehr administrative Aufgaben erledigen, Listen füllen, Pläne und Konzepte abgeben. Lasst uns unterrichten! Habt Vertrauen, dass es gut kommt. Von Seiten der Eltern habe ich immer noch das Gefühl, meine Arbeit wird geschätzt.

Esther Iseli Jetzt, da ich Klassenlehrerin bin, habe ich irgendwie das Gefühl, zur Managerin geworden zu sein. Plötzlich musst du hundert Listen schreiben. Und überall drohen Fettnäpfchen. Zum Glück unterstützen mich die Kolleginnen und Kollegen. Ich werd’s auf die Reihe kriegen.

Regula Süsstrunk Vielleicht ist das auch ein wenig subjektiv, dass wir die Kontrolle als Vertrauensentzug empfinden. Das System ist jetzt mit den «geleiteten Schulen» halt anders. Die Leitung ist ja auch eine Hilfe, wenn sie mich unterstützt!

Klaus Gfeller Eigentlich ist es die Folge eines politischen Entscheides. Seit dem «New Public Management» muss alles belegt und beziffert werden. Früher legte ich den Landschulwochenüberschuss in die Klassenkasse, und bei der nächsten Exkursion bezog ich Geld von dort. Mir wurde zugestanden, dass ich das kann. Heute erstelle ich ein Budget, sammle Belege, kopiere diese, gebe Originale und Kopie ab – und dann stellt irgendwer in der Verwaltung fest: Da wurde etwas von einem Zettel abgeschnitten. Ganze Übung von vorne. – Als Lehrer sind mir Beziehungen wichtig: Die Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern und die Beziehungen zu den Eltern. Wobei das eine das andere stützt. An Elternabenden und bei Elterngesprächen im Beisein der Kinder lernen mich die Eltern kennen, lernen meine Ideen verstehen. So gewinne ich Unterstützung.

Michael Aebischer Und hast auch mehr positive Rückmeldungen. Aber das kommt mit der Zeit. Am Anfang war ich überfordert, am Montagmorgen echtes Interesse für die Erlebnisse der Kinder am Wochenende aufzubringen. Ich war absorbiert mit Material-Besorgen und Organisieren. Heute geht das by the way, und ich kann mich um Beziehungen kümmern. – Gleich wie mit dem Lernen: Rasch verlor ich die Nerven, wenn etwas nicht rund lief. Heute kann ich einen Schritt zurückmachen und zuschauen und Fragen stellen und mir Hilfen überlegen.

Das hat für mich etwas Visionäres: Kollegen oder Kolleginnen beobachten, die kurz vor der Pensionierung noch mit Leidenschaft dabei sind. Esther Iseli

Esther Iseli Das merke ich bereits jetzt. Im Praktikum war zuvorderst im Kopf: Habe ich alles bereit, funktioniert alles, benehmen sie sich so, wie ich es erwarte? Jetzt habe ich bereits mehr Zeit, mich um Beziehungen zu kümmern. Und es macht auch Freude!

Klaus Gfeller Mit den Jahren ändern sich ja auch die Rollen. Zuerst bist du der coole Junglehrer, dann der Vatertyp, wenn deine Schülerinnen und Schüler im Alter deiner eigenen Kinder sind; schliesslich bist du der Grossvater.

Michael Aebischer Als ich zu unterrichten anfing, habe ich gemeint, ich müsste stets beliebt sein. Gemurre, es sei zu streng, nahm ich als Kritik an meiner Person. Erfahrung und Vergleichsmöglichkeiten halfen mir dann zu sehen: Man ist nicht der beste Lehrer, wenn es immer lustig zu- und hergeht. Streng sein gehört zur Berufsrolle. Und mehr als Fun sind Gerechtigkeit und Fairness gefragt, Wertschätzung. Ich soll nicht böse sein, zum Beispiel nicht jemanden blossstellen – aber ich darf streng sein. Ich schreibe niemanden ab. Ich möchte auch denen, die sich am schlimmsten aufführen, wenn sie aus der Schule sind, am Bahnhof noch Hallo sagen können. Auch wer sich daneben benimmt, hat noch verdient, ernst genommen zu werden. Aber dazu gehört auch, ihm zu sagen: Das hast du so verursacht, und jetzt musst du die Konsequenzen tragen. Ich kann heute überzeugter Grenzen ziehen.

Regula Süsstrunk «Schule muss Spass machen» ist eh ein Mythos. Gleich wie «alles ist machbar – wenn man’s nur richtig angeht». Mit der Zeit lernt man besser, solche Ansprüche abprallen zu lassen. Aber bisweilen stressen sie doch.

Michael Aebischer Wir gehen ja heute sehr von der Selbstverantwortung der Kinder aus; Selbstkonzepte stärken, Selbsteinschätzung. Aber dabei dürfen wir nicht meinen, Kinder kämen am Morgen zur Schule mit nichts anderem im Kopf als der Frage: Was will ich heute lernen? Und sie wollen auch nicht immer für alles die Verantwortung übernehmen. Und auch nicht, wenn sie mit etwas fertig sind, die nächste knackige Aufgabe in Angriff nehmen. Vielleicht möchten sie zuerst eine Belohnung – oder einfach Pause.

Regula Süsstrunk Es darf nicht sein, dass Schule ein Kunstwerk wird oder eine Hexerei. Schule sollte möglichst einfach sein, ein Arbeitsalltag halt für Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen; gewöhnlich, bescheiden.

Klaus Gfeller Natürlich hat die Schule sich gewandelt. Als ich anfing, hast du noch «die Sauerampfer» durchgenommen. Von der Stunde über die Sauerampfer waren 20 Minuten Hefteintrag. Dabei konnten die Schülerinnen und Schüler auch mal in aller Ruhe durchatmen. Heute muss viel mehr Stoff in eine Lektion, und wenn du nicht ein paar Kopien abgibst, musst du denken, deinem Unterricht fehle etwas. Auch die Anforderungen an die Kinder sind viel höher; die kommen oft gar nicht mehr zum Durchatmen.

Da ist eine Megafülle von anderen Sachen als Unterrichten. Unter Zeitdruck bleiben Visionen auf der Strecke. Michael Aebischer

Michael Aebischer Ich fand spannend, als Regula sagte: Visionen sind etwas, das weit weg ist. Ich meine, wir dürfen nicht unbedingt dorthin gelangen wollen, und schon gar nicht sofort. Aber sich darüber unterhalten, wo man hin könnte, sich für ein Ziel inspirieren lassen. Es muss doch noch etwas geben, das weiter draussen ist als das neue Lehrmittel oder das iPad. Man kann sagen: Jeder hat seine Visionen für sich. Aber gemeinsam weiter nach vorne – zu einem Werthorizont – schauen, ist nötig. Vielleicht sind Leute, die schon länger in der Schule sind, nicht die grössten Visionäre. Die ziehen in der Regel nach zwei, drei Jahren weiter. Leute, die länger in der Schule bleiben, sind eher Bewahrer. Wir schauen auch nach vorne; wir wollen den Unterricht auch entwickeln. Wir wollen aber auch das Gute bewahren. Wir machen nicht die grossen Sprünge. Sonst wären wir nicht mehr hier.

Klaus Gfeller Braucht es so etwas wie Visionen? Doch, ich glaube schon. Wer keine Vision hat, wird fremdbestimmt. Wenn wir in der Konferenz diskutieren: «Wohin wollen wir? Warum wollen wir das – oder eben nicht?», da brauchst du etwas – dem kannst du Vision sagen – sonst hast du keine Argumente, und es bestimmt einfach jemand anderes, wo’s langgeht.

Regula Süsstrunk Ich halte ab und zu inne, schaue zum Horizont und sage: «Eigentlich wäre mir das und das wichtig; zum Beispiel mehr Musse im Unterricht. Dann entwickle ich aber nicht ein Gesamtkonzept und stülpe meinen Unterricht um, sondern ich beginne im Kleinen, etwas zu ändern, eine Kopie weniger, dafür wieder mal Hefteinträge.

Esther Iseli Das hat für mich schon etwas Visionäres: Kollegen oder Kolleginnen beobachten, die kurz vor der Pensionierung noch mit Leidenschaft dabei sind. Es hilft mir verfolgen, wie ich mit mir selbst umgehe, um später noch diese Leidenschaft zu haben. Darum scheint es mir auch wichtig, dass in einem Kollegium alle Altersstufen vertreten sind.

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