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«Die fertige Lehrperson» ist ein Mythos

Die PH Bern kann die Studierenden zwar auf die vielen Aufgaben im Lehrberuf vorbereiten, aber nicht abschliessend. Ein Gespräch mit Beat Spirgi Von Therese Grossmann.

 

Beat Urs Spirgi

Dozent für Erziehungswissenschaften PHBern, Sekundarstufe I, seit 1999 in der Grundausbildung von Sekundarlehrerinnen und -lehrern tätig.

profil: Während meiner Ausbildung zur Lehrerin – das war kurz nach 68 – haben wir uns ausgiebig mit dem Thema «Autorität» auseinandergesetzt. Wir haben uns aber nicht mit Rollen als Lehrperson beschäftigt. Ist das heute anders?

Beat Spirgi «Rollen» sind nicht explizit ein Thema. Es geht mehr um Fragen wie: Was muss eine Lehrperson überhaupt können, welche Kompetenzen muss sie haben, welche Aufgaben muss sie erfüllen? Implizit kommt natürlich sehr vieles zum Tragen, was man in Verbindung zur Rollendiskussion bringen könnte: So lassen sich aus Aufgabenbeschreibungen viele Rollen ableiten, mit denen wir uns dann intensiv auseinandersetzen.

In welchem Bereich der Ausbildung tragen Sie zu dieser Auseinandersetzung bei?

Die Ausbildung verläuft in fünf Bereichen: Die erziehungs- und die sozialwissenschaftliche Ausbildung, die fachliche und fachdidaktische und die berufspraktische Ausbildung. Ich bin in der Erziehungs- und Sozialwissenschaft und in der berufspraktischen Ausbildung involviert. In diesem Bereich liegt es nahe, dass man sich Gedanken zu den Rollen macht, aber vielleicht nicht unter diesem Label. Wir beschäftigen uns mit den verschiedenen, manchmal auch widersprüchlichen, Aufgaben, mit denen die Lehrperson umgehen muss.

In der Schule haben die Präkonzepte von Schülerinnen und Schülern für den Lernprozess eine grosse Bedeutung. Wie ist es in der Ausbildung?

Die Studierenden bringen bereits ein Rollenverständnis mit, von ihren Erfahrungen aus dem eigenen Schulleben. Sie haben Lehrpersonen erlebt mit unterschiedlichstem Verhalten und daraus ein Bild entwickelt, was für sie eine gute Lehrperson ist und was eben nicht. Das sind eine Art Präkonzepte. Man weiss, dass Lehrpersonen beim Berufseinstieg eher auf diese Konzepte zurückgreifen als auf Ausbildungsinhalte. Die Studierenden bringen auch das Wissen mit, dass es einen Rollenwechsel braucht vom Schülersein zum Lehrersein.

Man weiss, dass Lehrpersonen beim Berufseinstieg eher auf ihre Präkonzepte zurückgreifen als auf Ausbildungsinhalte.

Wie arbeiten Sie mit den Konzepten der Studierenden?

Wir haben einen Orientierungsrahmen, bei dem wir davon ausgehen, dass der Berufsprozess ein lebenslanger Prozess ist mit verschiedenen Phasen: Die Grundausbildung, dann der Berufseinstieg – eine heikle und anspruchsvolle Phase – und dann das zunehmende Expertentum. In diesem ganzen Prozess ist die Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen Lernen sehr wichtig. Darum müssen die Studierenden ein eigenes Berufskonzept entwickeln. Eines der Ziele des Berufskonzepts ist, dass die Studierenden in der Ausbildung eine permanente und vertiefte Auseinandersetzung mit dem Beruf beginnen. Und dazu gehört auch die Reflexion ihrer Präkonzepte zum Lehrberuf.

Welche Form hat dieses Berufskonzept?

Unser Tool ist ein E-Portfolio, eine Plattform, wo die Studierenden ihr Konzept festhalten und permanent weiterentwickeln können. In verschiedenen Veranstaltungen wird darauf Bezug genommen, und die Studierenden werden bei der Arbeit daran unterstützt. Wenn es in einer Veranstaltung zum Beispiel um Klassenführung geht, entwickeln sie ein Klassenführungskonzept. Das wird dann besprochen, dabei wird gezeigt, welche Dimensionen eine Klassenführung beinhalten könnte. Die Studierenden müssen sich schon recht früh in der Ausbildung Überlegungen machen wie: Welche Vorstellungen habe ich von mir als Lehrperson? Welche Ideen will ich ernst nehmen und umsetzen, zum Beispiel in Bezug auf Klassenführung?

Wie kommt das Berufskonzept im Praktikum zum Tragen?

Die Studierenden müssen alles, was im Praktikum läuft und was sie dort lernen, im E-Portfolio festhalten: Sie verfolgen und dokumentieren ihre Aufgaben, an denen sie im Praktikum arbeiten, und die Entwicklung ihrer Kompetenzen. Es ist ein reflexives Lernen, zu dem sie in den Veranstaltungen angeleitet werden, aber auch in den Praktika. Da sind wir auf die Unterstützung der Praxis-Lehrperson angewiesen. Dass sie zusammen mit den Studierenden zum Beispiel nicht nur das Unterrichten reflektieren, sondern auch die persönliche Rolle der Studierenden.

Das Berufskonzept enthält also Vorstellungen und Erfahrungen der Studierenden, verbunden mit Wissen, zum Beispiel über die Aufgaben einer Lehrperson. Woher lassen sich die Aufgaben ableiten?

Auf der Ebene des Schulgesetzes gibt es ganz klare Vorgaben für die Lehrperson, dass sie unterrichten muss und erziehen, beraten, begleiten, zusammenarbeiten und weiterentwickeln. Das ist im Lehreranstellungsgesetz beschrieben und damit verbindlich. Darum thematisieren wir diese Inhalte des Berufsauftrags in den Veranstaltungen. Durch die Aufgabenumschreibungen entstehen Handlungsfelder, dabei werden die Studierenden mit ihren zukünftigen Rollen konfrontiert. Mein Kollege hat zum Beispiel im Zusammenhang mit der Klassenführung die Beschäftigung mit pädagogischen Grundhaltungen und die Auseinandersetzung mit dem Berufsauftrag angeregt: Die Studierenden müssen in ihr Berufsverständnis die im Auftrag geforderten Aufgaben bzw. Rollen integrieren. Auch in der Veranstaltung «Zusammenarbeit und Kommunikation» nehmen wir die vom Gesetz festgelegten Aufträge als Grundlage und docken dann die Inhalte und Fallbeispiele dort an.

Wenn wir auf die Kernaufgabe der Lehrperson, das Unterrichten, fokussieren, ergeben sich viele Aufgaben bzw. Rollen. Wie hat sich die Rollenpalette mit dem konstruktivistischen Lernverständnis verändert?

Lehrpersonen müssen heute ein grösseres Repertoire haben als früher. Kurt Reusser hat schon vor beinahe 20 Jahren aufgezeigt, dass das eigenkonstruktive Lernen entsprechende Konzepte braucht: Lehrpersonen sind nicht mehr ausschliesslich Gestaltende von Lektionen und Fachpersonen für den Stoff, sondern auch Gestaltende von Lernumgebungen und Fachpersonen für das Lernen. Die beiden Aspekte/Rollen – also Lektionengeber und Gestaltende von Lernprozessen – dienen beide der Frage: Wie kann ich als Lehrperson die Eigenkonstruktion der Lernenden optimal unterstützen? Die Frage des Lernens ist im Zentrum. Dort braucht es eine breite Palette von Rollen in Bezug zu Unterrichtssettings. Im Frontalunterricht bin ich die steuernde Grösse, im offenen Unterricht habe ich eine andere Rolle. Dort trete ich explizit zurück, weil die Lernenden mehr Verantwortung übernehmen.

Schon nur durch die beiden kurz besprochenen Perspektiven – den Berufsauftrag und die Lerntheorie – ergibt sich ein Konglomerat aus unterschiedlichen Rollen. Wie können Sie den Umgang mit dieser Vielfalt praxisnah gestalten?

Die Ausbildung kann die Auseinandersetzung mit multiplen Rollen an ihren zwei Lernorten fördern: An der PH als Institution und in den Praktika. Die beiden Lernorte müssen aufeinander verweisen. In den Veranstaltungen, die ja primär die Aufgabe haben, Konzepte zu thematisieren, Forschungsergebnisse und Theorien zu diskutieren, muss die Praxis beigezogen werden. Das passiert zum Beispiel durch Fallanalysen und durch gefilmte bzw. transkribierte Unterrichtssituationen. Aus meiner Sicht haben wir dort noch Entwicklungspotenzial, indem wir noch mehr authentische Alltagssituationen aus dem Lehrberuf nutzen, um die Theorie lebendig werden zu lassen. Es braucht aber auch am anderen Lernort eine Verbindung zwischen Praxis und Theorie, indem die Studierenden zusammen mit den Praxis-Lehrperson die Unterrichtssituation aufgrund der Theorie reflektieren. Das ist die theoriebezogene Reflexion der eigenen Erfahrung. Praxis-Lehrpersonen leisten dort etwas, das wir hier nicht leisten können. Sie unterstützen die Studierenden in der Entwicklung der Kompetenzen, die wir im Studienplan und im Orientierungsrahmen der PH Bern festgehalten haben. Da kann das Berufskonzept der Studierenden ein hilfreiches Instrument sein.

Lehrpersonen sind nicht mehr ausschliesslich Gestaltende von Lektionen und Fachpersonen für den Stoff, sondern auch Gestaltende von Lernumgebungen und Fachpersonen für das Lernen.

Als ich meine Ausbildung abschloss, ging man davon aus, man sei nun eine «fertige Lehrerin». Ist das aus heutiger Sicht ein Mythos?

Ja, das Bild der «fertigen Lehrerin» ist ein Mythos. Heute gehen wir davon aus, dass die Ausbildung die Grundlage für den Berufseinstieg und für die professionelle Weiterentwicklung ist. Aus der Forschung zur Berufsbiografie weiss man, dass erst nach ein paar Jahren Expertentum entstehen kann. Und dass Jung-Lehrpersonen bei Berufsbeginn in einer Art Survivalstage sind und den Tunnelblick haben, dass sie einige Sachen noch gar nicht wahrnehmen und in ihre Tätigkeit integrieren können. Darum müssen die Lehrpersonen auch nach der Grundausbildung immer weiterlernen. Die Idee der beruflichen Weiterentwicklung ist abgebildet im Berufskonzept. Es ist so angelegt, dass die Studierenden es in die eigene Berufspraxis mitnehmen und dort weiterführen.

Würde das heissen, dass eine Lehrperson als Novizin beginnt?

Die Grundidee des Novizen-Experten-Modells ist, dass eine Lehrperson durch einen langfristigen Erwerb von inhaltsspezifischen Kompetenzen zur Expertin wird. Experten verfügen nicht nur über deklaratives Wissen, sondern auch über prozedurales Wissen, über Handlungswissen. Sie können in komplexen Unterrichtssituationen die situationsadäquaten (richtigen) Register ziehen. Das haben sie durch permanentes Reflektieren der Erfahrungen in Kombination mit lerntheoretischen Aspekten aufgebaut.

Das klingt nach Visionen.

Es geht darum, die Studierenden auf dem persönlichen Weg zum Expertentum zu unterstützen. Und sie vor dem Gefühl zu schützen, sie müssten nach der Ausbildung schon alles können. Wichtig ist, dass sie merken, wo sie bereits kompetent sind, und dass wir sie zur Weiterentwicklung ermutigen, gerade auch hinsichtlich der anspruchsvollen Berufseinstiegsphase. Meine Vision ist, dass sie in der Ausbildung genügend Sicherheit im Argumentieren und Handeln für die Zusammenarbeit mit ihren Rollenpartnern gewinnen.

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