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Ein Leben für die Natur

Er ist Philosoph, Umwelt- und Jugendpädagoge,Didaktiker, Forstingenieur, Naturschützer und Schriftsteller. Christoph Leuthold ist aber vor allem ein grosser Visionär. Von Hansruedi Hediger.

 

Christoph Leuthold

Christoph Leuthold (*1943) studierte in den 60er-Jahren Forstingenieur an der ETH Zürich und promovierte in Waldökologie. 1970 bis 1975 leitete er die Arbeitsgemeinschaft Umwelt AGU an den Zürcher Hochschulen und war später Mitbegründer eines der ersten Ökobüros der Schweiz. Aus Überzeugung wechselte er 1981 in den Lehrerberuf und unterrichtete bis 1994 an der Rudolf Steiner Schule Zürich. 1995 gründete er die Bildungswerkstatt Bergwald, die er bis 2010 leitete und bis 2015 begleitete. Er ist Verfasser des 2017 erschienenen Buches «Lebens­lernen macht Schule».

Ich will mehr über ihn als Person erfahren und reise deshalb ins tiefverschneite Unterengadin nach Scuol. Er erwartet mich in der gemütlichen Lounge eines Hotels, mit Blick in die nahen Berge. Der Ort für das Gespräch ist stimmig – der naturverbundene Christoph Leuthold passt gut in diese Umgebung, die ursprüngliche Heimat seiner Ehefrau.

Christoph Leuthold ist in Biel aufgewachsen. Seine Eltern haben sich beide mit der Anthroposophie befasst, sie gelebt und ihre drei Kinder in diesem Sinn erzogen und gefördert, waren dabei aber in seiner Erinnerung nie eifernd oder dogmatisch. Der Vater, ein engagierter Ingenieur, war ein Vorkämpfer und Pionier des Umweltschutzgedankens. «Mein acht Jahre älterer Bruder, Zoologe, hat mich ebenfalls stark geprägt und mich überallhin in die Natur mitgenommen, sogar auf abenteuerliche Naturexpeditionen mit dem Deux Chevaux bis in den nahen Osten.» Seine Mutter sei eine herzliche und weltoffene Zeitgenossin und Kunstverehrerin gewesen, die mit ihrer Haltung der Zeit in mancher Hinsicht voraus war. Auf seine Stärken angesprochen, nennt er seine Naturbeobachtungsgabe und die innige Beziehung zur Natur, besonders zu den Bergen, sowie die Kommunikations- und Begeisterungsfähigkeit, die ihm in vielen Projekten geholfen haben.

Ganz besonders haben es ihm die Jugendlichen angetan. Er vergleicht die Pubertät mit der Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling. «Der junge Mensch zieht sich in eine Art Verpuppung zurück, sucht seine innere Bestimmung und offenbart sich eines Tages als einzigartiges Wesen, vergleichbar dem farbigen Schmetterling.» Christoph Leuthold betont weiter, dass er besonders im Umgang mit sehr schwierigen Jugendlichen immer versucht habe, gemeinsam den Schmetterling zu suchen, der in jedem Menschen schlummere. Die Forderungen der meisten Bildungseinrichtungen und die Ungeduld vieler Erwachsener würden aber den Kindern und Jugendlichen immer weniger Zeit zur Entfaltung lassen. Es sei, wie wenn man eine noch geschlossene Blüte zu früh öffne, nicht warten könne, und so vieles zerstöre und nicht mehr erkennen könne, was darin eigentlich verborgen gewesen wäre.

Kämpfer für die Umwelt

Christoph Leuthold kennt und kannte die prominente Szene am Ursprung der Umweltbewegung bestens, war Teil von ihr und kam auch mit internationalen Grössen in Kontakt. Das habe ihn in seinem beruflichen Werdegang geprägt. Er habe sich auch in der 68er-Bewegung aktiv engagiert, einen Bart getragen und «strub» ausgesehen, aber linksradikal oder gar gewalttätig sei er nie gewesen.

Als Paukenschlag und persönliche Weichenstellung erlebte Christoph Leuthold 1970 das Symposium «Schutz unseres Lebensraumes» an der ETH Zürich mit über 1000 Teilnehmenden. Prominente Wissenschaftler und Wirtschaftskapitäne aus aller Welt stellten damals erstmals einhellig und offiziell fest, dass grenzenloses Wachstum kein zukunftstaugliches Gesellschaftsmodell ist und forderten ein radikales Umdenken.

Christoph Leuthold und einige Mitstreiter erhielten grosse Unterstützung vom damaligen Schulratspräsidenten. Sie riefen zu interdisziplinären Zusammenkünften auf und diskutierten, was die ETH an neuen Impulsen nötig habe. Daraus entstand die «Arbeitsgemeinschaft Umwelt an den Zürcher Hochschulen» (AGU), und Christoph Leuthold übernahm deren Leitung. Parallel dazu doktorierte er zu einem waldökologischen Thema.

Vom Forstingenieur zum Lehrer

1975 gründete Christoph Leuthold zusammen mit drei Fachkollegen und einer Kollegin die «Beratungsgemeinschaft für Umweltfragen» (BGU). Dieses erhielt immer mehr Anfragen von Schulen, Lehrpersonen und Bildungsinsti­tutionen für Vorträge, Vorlesungen, Lehrmittel zu Ökologie und Umweltbildung. Und immer konkreter tauchte dabei die Frage auf, wie man die zunehmende Naturentfremdung der Jugend überwinden könnte, was man anders machen müsste, damit Kinder und Jugendliche künftig eine verantwortungsbewusstere und lebendigere Beziehung zur Natur aufbauen und aufrechterhalten können.

«Dabei wurde mir immer deutlicher bewusst, dass dies in Wirklichkeit gar keine Fragen für Naturwissenschaftler waren, sondern elementare pädagogische Fragen», betont Christoph Leuthold. «Ich hätte eigentlich Pädagoge sein müssen, um darauf adäquate Antworten zu finden. Und wie es der Zufall wollte, erhielt ich just in dieser Zeit eine Anfrage für die Übernahme des Unterrichts in Biologie, Geografie, Menschenkunde und Chemie an der Oberstufe (9. –12. Schuljahr) der Rudolf Steiner Schule Zürich. Dies musste doch meine Chance sein!» Aber es erwartete ihn auch hier keineswegs eine heile Welt: Nebst vielen tollen, interessierten Jugendlichen gab es auch zahlreiche schwierige Pubertierende. Teilweise arrogant, distanzlos und demonstrativ desinteressiert. Mit seiner geringen Unterrichtserfahrung in einigen Stellvertretungen war er ins kalte Wasser gefallen!

Doch Christoph Leuthold wäre kein Kämpfer gewesen, hätte er hier aufgegeben. Er besann sich auf seine Fachkompetenz als Förster und erstritt sich mehrwöchige Klassenverlegungen, zog als Erstes mit Neuntklässlern in den Bergwald, um dort gemeinsam mit Axt und Zugsäge Bäume zu fällen, tausende Bäume zu pflanzen, bei Wildbach- und Lawinenschutzbauten mitzuhelfen, Wege auszubessern. Später folgte auf die Arbeitseinsätze oft noch eine mehrtägige Gebirgswanderung oder ein Kletterwochenende.

Letzte Instruktionen vor dem Arbeitseinsatz im Bergwald. Bild: Hansruedi Hediger.

«Derartiges hatte es an der Schule bis dahin nicht gegeben», schmunzelt Christoph Leuthold. «Die Bedenken der Eltern und der Kolleginnen und Kollegen liessen nach, das Schimpfen der Schülerinnen und Schüler über die Schinderei hörte auf. Und trotz der Müdigkeit sah man immer öfters strahlende Gesichter.» Vor allem als nach einigen Tagen ein grosses Lob und die Wertschätzung des lokalen Försters gekommen sei, als Frauen von Gemeinderäten des Bergdorfs ein Zvieri in den Wald gebracht hätten und zum Abschluss ein Raclette-Abend mit dem ganzen Gemeinderat organisiert worden sei. Die Schüler und Schülerinnen seien braungebrannt, stolz über das Geleistete und sichtlich verändert nachhause gekommen.

Jugendliche sind voller Tatendrang und auf der Suche nach Sinn, wollen ihre Selbstwirksamkeit erfahren, mitgestalten an der Zukunft.

Und nun kommt Christoph Leuthold zu einem seiner Kerngedanken. «Die damalige Umwelterziehung, die vorwiegend mit abschreckenden Szenarien und mit Verhaltensregeln arbeitete, zeigte gemäss Studien nur marginale Wirkung. Wir können doch Kinder und Jugendliche nicht mit einem sterbenden Wald für die Natur begeistern. Man darf doch nicht fragen, was der Umwelt schade und was die Natur brauche!» ereifert er sich. «Die pädagogische Frage muss doch heissen: Was brauchen Kinder und Jugendliche, um mit Begeisterung in die Welt hineinzuwachsen und sich mit ihr emphatisch verbunden zu fühlen? Und wie können wir sie auf diesem Weg optimal unterstützen?» Christoph Leuthold ist dabei überzeugt, dass Jugendliche voller Tatendrang sind, auf der Suche nach Sinn. Sie wollen ihre Selbstwirksamkeit erfahren und an der Zukunft mitgestalten. Daher brauchen sie sinnstiftende Aufgaben, mit denen sie sich identifizieren können. Und solche Aufgaben bieten sich gerade im handfesten Umgang mit der Natur an. Umweltbildung und Nachhaltigkeit wird so ganz konkret!

Christoph Leuthold führte von da an mit seinen Klassen regelmässig Praktika in den Bergwäldern sowie weitere Outdoorprojekte durch. Das war 1995 der Impuls zur Gründung der Bildungswerkstatt Bergwald.

Lebenswerk «Bildungswerkstatt Bergwald» (BWBW)

«Handeln – erleben – verstehen» – das ist das Leitmotiv der BWBW. Der Bergwald wird dabei für die Schüler und Schülerinnen und ihre Lehrpersonen zum Lernort, zum Gegenstand und Lernbeispiel für nachhaltige Entwicklung. Doch das eigentliche Ziel ist das nachhaltige Lernen selbst, der Beitrag zur positiven Entwicklung der Jugendlichen. Daher ist die BWBW klar ein Bildungsprojekt, der Umwelteinsatz ist vor allem Mittel zum Zweck. Eine Begleitgruppe beriet Christoph Leuthold 1995 beim Aufbau des Projekts. Die Gruppe bestand aus Vertretern des Bundes, aus der Waldwirtschaft und aus der Bildungsszene. «Du bist ein Illusionist, das kann nicht lange gut gehen!» Auch das hörte er zuweilen. Aber er gab nicht auf. Heute steht das Projekt auf solidem Boden – auch dank engagierten Mitstreitern und Nachfolgern.

«Lebenslernen» macht Schule

Als persönlichen Abschluss seiner Berufslaufbahn hat Christoph Leuthold auf Anregung des Stiftungsrats nun die Erfahrungen von 20 Jahren Arbeit mit der Bildungswerkstatt niedergeschrieben. Im 2017 erschienenen Buch «Lebenslernen macht Schule» wird die «Bildungswerkstatt Bergwald» ausführlich beschrieben. Das Buch beinhaltet genaue Angaben zum Konzept, zur besonderen, auf verwandte Bereiche übertragbaren Methodik der Waldprojektwochen und dokumentiert deren Ergebnisse und Wirkungen. Christoph Leuthold ist jedoch der zweite Teil mindestens ebenso wichtig. Dieser gibt Einblicke in die pädagogischen Grundlagen, in das zugrunde liegende Menschenbild und wirft insbesondere Grundfragen zu einer zukunftstauglichen Bildung auf.

«Lebenslernen macht Schule» richtet sich an interessierte und sensibilisierte Lehrpersonen und an Bildungspolitiker, ebenso als Mutmacher an besorgte, initiative Menschen mit ähnlichen Projektideen – und nicht zuletzt an die vielen aktuellen und künftigen Mitarbeitenden und an die Auftraggeber der Bildungswerkstatt Bergwald.

Ganzheitliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen

Christoph Leuthold verhehlt nicht seine Enttäuschung über das heutige Bildungswesen und hält seine Kritik aus Sorge um die Zukunft nicht zurück: «Die meisten Lehrpersonen wählen ihren Beruf ja aus innerem Anliegen. Sie möchten Kinder und Jugendliche ins Leben hineinbegleiten. Der Nachhaltigkeitsgedanke von Bildung steht bei Herzblutpädagogen doch im Vordergrund! Ohne dieses Kernanliegen kann ich mir den Lehrerberuf gar nicht vorstellen. Das heutige Bildungswesen hingegen ist immer mehr von Zielen der Wirtschaft und der Politik gesteuert. Diese geben aufgrund ihrer Zukunftsvorstellungen «Bestellungen» an die Hochschulen auf, und diese reichen sie weiter an die Gymnasien, an die Volksschule, und letztlich erreichen immer mehr kindesferne Forderungen den Kindergarten. Die Schulen sollen liefern, was sich irgendwelche Bildungspolitiker ausgedacht haben – und dies nach dem lapidaren Denkmuster: je früher desto besser. Und immer mehr Lehrpersonen scheitern an dieser Realität. Sie wollen sich nicht weiter einspannen lassen und einem vorauseilenden Gehorsam dienen.» Hier redet längst nicht mehr der aufmüpfige Alt-68er, sondern der gereifte Reform-Pädagoge. «Ich bin überzeugt, dass wir mehr engagierte, kreative und verantwortungsbewusste Menschen in allen Berufen hätten, wenn das Hauptziel die ganzheitliche Entwicklung der Kinder zu selbstständig denkenden und handelnden Menschen wäre, die stets abrufen können, was in ihnen steckt. Um diese Fähigkeiten zu entfalten, brauchen Kinder und Jugendliche genug Zeit für ihre Entwicklung, ohne Leistungsstress. Dabei müssen Körper, Seele und Geist im Gleichmass gefördert und gefordert werden.»

Schule der Zukunft

Jedes Quartal mindestens eine Woche lang «Lebenslernen», das heisst am Puls des Lebens Erfahrungen sammeln und verarbeiten – das ist die Forderung des Visionärs an die Schule der Zukunft. «Die Schule muss ihre bisherige Leistung als vorwiegende Wissensvermittlerin und als Zulieferantin für die Wirtschaft überwinden und stattdessen vermehrt menschenbildende Lebenserfahrungsfelder bereitstellen. Im Idealfall integriert und betreibt sie beispielsweise einen eigenen biologischen Bauernhof mit allem, was dazu gehört, vielleicht kombiniert mit einem produktiven, professionell geführten Handwerksbetrieb. Oder sie betreibt eine Gastwirtschaft, ein Hotel oder engagiert sich regelmässig in praktischen Entwicklungseinsätzen im In- und Ausland. Möglichkeiten sind in allen Lebensgebieten viele zu finden.

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