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Keine zwei Lehrpersonen setzen Lehrmittel gleich ein

Lehrmittel sind noch immer selten Gegenstand von Forschungsprojekten, weder die Produkte selbst noch deren Einsatz oder Wirkung im Unterricht. Ein Blick in eine explorative Studie der PHBern. Von Christian Graf.

An Lehrmittel werden verschiedene Erwartungen gestellt: Öffentlichkeit und Bildungspolitik erwarten, dass diese den gesellschaftlichen Auftrag der Schule umsetzen helfen, Fachwissenschaft und -didaktik fordern die sachgemässe Repräsentation, die Verbindung von Lebens- und Sachwelt sowie hochwertige Lernaufgaben; und sie erhoffen sich den Transport von Innovationen. Lehrpersonen erwarten verlässliche Grundlagen für die Unterrichtsplanung und -gestaltung und ein gut aufgearbeitetes Angebot für die Initiierung und Unterstützung von Lernprozessen. Und die Lernenden wünschen sich übersichtliche Materialien, verständliche Texte und Darstellungen, interessante Aufgaben, also Unterlagen, die sie beim Lernen wirkungsvoll unterstützen. «So bedeutungsvoll Lehr- und Lernmaterialien für den Unterricht und das Lehren und Lernen sind, so wenig ist – insbesondere auch für den Bereich der Primarstufe – bekannt und untersucht, wie mit Lehr- und Lernmaterialien im Unterricht gearbeitet wird, wie diese von Lehrpersonen genutzt und eingesetzt werden und wie letztlich Lernende mit Materialien arbeiten. Gänzlich unbekannt ist, wie sich die parallele Verwendung von Lehrmitteln in verschiedenen Fachbereichen auf die Planung und Gestaltung von Unterricht auswirkt, wie Lehrpersonen Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Konzeptionen von Lehrmitteln wahrnehmen und mögliche Verknüpfungen zwischen diesen nutzen.»

 

Ergebnisse

Die Lehrmittelsynopse führte u.a. zu folgenden Feststellungen:

  • Alle untersuchten Lehrmittel deklarieren als Grundlage den Lehrplan und ein moderat konstruktivistisches Lehr- und Lernverständnis.
  • Die Umsetzung dieser ähnlichen Bezugspunkte ist sehr unterschiedlich.
  • In allen Lehrmitteln werden Aspekte der Differenzierung und des Umgangs mit Heterogenität in den Kommentaren angesprochen, aber diese werden in den Materialien nicht oder nur ansatzmässig konkretisiert.
  • Die Aufgaben sind kaum im Hinblick auf vollständige Lernprozesse formuliert.
  • Die Beurteilung hat in den neueren Lehrmitteln an Bedeutung gewonnen.
  • Die Lehrmittel weisen zwar eine ähnliche Struktur auf, die einzelnen Teile variieren aber in Form und Gestaltung. Die Fülle an verschiedenartigem Material erschwert Lehrpersonen den Umgang und die Orientierung. Bei den Lernenden führt sie teilweise zu Verwirrung.

 

Die Befragung von Lehrpersonen und die Beobachtungen im Unterricht können wie folgt zusammengefasst werden: 

  • Die Lehrpersonen orientieren sich für Planung und Einsatz eines Lehrmittels an den Kommentaren und Planungshinweisen, entscheiden aber aufgrund eigener Erfahrungen und Einschätzungen. 
  • «Keine zwei Lehrpersonen setzen Lehrmittel im Unterricht gleich ein.» (Seite 171)
  • Lehrpersonen stellen eine Überein­stimmung zwischen den wahrgenom­menen didaktischen Prinzipien der Lehrmittel und dem eigenen Lehr- und Lernverständnis fest. 
  • Gute Lehrmittel zeichnen sich gemäss Lehrpersonen durch folgende vier Kriterien aus:
    1. Klare Struktur der Materialien
    2. Motivierende Anregungen (Inhalt und Repräsentationsformen)
    3. Didaktische Prinzipien (z.B. aktiv- entdeckendes Lernen)
    4. Vielfältiges Angebot im Lehrmittel 
  • Trotz ziemlich positiver Beurteilung der Lehrmittel bearbeiten Lehrpersonen die Materialien und passen sie auf ihre Klasse an, vereinfachen die Aufgabestellungen, richten sie auf andere Beispiele aus, erstellen zusätzliches Übungsmaterial.
  • Die Arbeit mit den untersuchten Lehrmitteln im jahrgangsübergreifenden Unterricht wird als besonders schwierig und aufwendig beurteilt.
  • Die häufigsten Schwierigkeiten der Lernenden mit den Lehrmitteln ergeben sich durch die zu hohen sprachlichen und inhaltlichen Anforderungen der Inhalte und der Aufträge. 
  • Hier erwarten Lehrpersonen zusätzliche Erläuterungen und Unterstützung: zum sprachlichen Verständnis, zum sachlich-inhaltlichen Verständnis, zur Organisation der Arbeit mit den Materialien sowie zu Darstellungen aus dem Lehrmittel.
  • Lehrmittel werden ausschliesslich fachbezogen eingesetzt. Verbindungen und Kombinationsmöglichkeiten zwischen mehreren Lehrmitteln werden selten explizit genutzt. 

Die Studie empfiehlt, exemplarische Beispiele für den Einsatz eines Lehrmittels im Unterricht zu entwickeln.

Folgerungen für künftige Lehrmittelentwicklungen

Neben der Auseinandersetzung mit den fachlichen und fachdidaktischen Grundlagen sollten Autorinnen und Autoren, so die Studie, das fachliche Vorverständnis und das Lehr- und Lernverständnis der Lehrpersonen sowie die Lernvoraussetzungen und das fachliche Vorverständnis der Lernenden erheben und analysieren.

«Es wäre wünschenswert, dass bei der Entwicklung von Lehrmitteln verschiedene Umsetzungs- und Anwendungsszenarien entworfen und daraufhin die Materialien nochmals bezüglich ihrer Anlage überprüft und allenfalls angepasst würden.» (Seite 176)

ie Studie lässt den Schluss zu, dass die Akzeptanz eines neuen Lehrmittels höher ausfällt, wenn das fachdidaktische Verständnis des Lehrmittels mit dem Fach- und Lernverständnis der Lehrpersonen übereinstimmt. Grundlagen zum fachdidaktischen Verständnis aus dem Kommentar zum Lehrmittel sind Lehrpersonen vielfach unbekannt, am ehesten sind diese von Weiterbildungen in Erinnerung.

Weiter müsste im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Lehrmittel bedacht werden, «wie möglichst transparent aufgezeigt werden kann, welche Kompetenzen und Kompetenzentwicklungen in den einzelnen Teilen in den Fokus genommen werden können. Dabei wäre es wünschbar, dass für Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler in den jeweiligen Materialien einsichtig wird, worum es geht und welche Entwicklungen ermöglicht werden sollen bzw. erwartet werden.» (Seite 178)

Die Studie empfiehlt, exemplarische Beispiele für den Einsatz eines Lehrmittels im Unterricht zu entwickeln und Austauschrunden zu Erfahrungen aus dem Unterricht zu initiieren.

Zudem sollen künftige Lehrmittel arrangieren, wie der eigenständige Umgang der Lernenden mit den Materialien sukzessiv aufgebaut und gefördert werden kann. In den Lehrmitteln sollten «vermehrt Angebote für individuelle Erweiterungen und Vertiefungen innerhalb der einzelnen Einheiten (…) aufgenommen werden. Diese könnten sich auf Vorhaben und kleinere Projekte beziehen, die über die Arbeit mit den Lehrmitteln hinausgehen.» (Seite 179)

Um die Verständlichkeit zu erhöhen, empfiehlt die Studie, Texte und Aufgaben, die für das künftige Lehrmittel vorgesehen sind, direkt mit den Lernenden zu bearbeiten und zu besprechen. Das Handling mit elektronischen Lernmedien müsse einfacher werden, um die effektive fachliche Lernzeit zu erhöhen.

Die Empfehlungen der Studie sind in die Lehrmittelentwicklungen des WAH-Buchs und «Weitblick» (S. 10 und S. 38 in diesem Magazin) eingeflossen.

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