farbwelt

Das rote Büchlein kann nichs dafür!

Lehrmittel atmen den Geist ihrer Zeit. Noch mehr der Epoche verhaftet ist aber die Art und Weise, wie sie gebraucht werden. Ob ein Lehrmittel gar Schaden stiftet, entscheidet sich am Gebrauch. Von Werner Jundt.

Es gab eine Zeit, da brauchte es Scharen von Leuten, die schnell und zuverlässig rechnen konnten. In Amtsstuben, Ingenieurbüros und Forschungsanstalten wurde tagein, tagaus gerechnet – schriftlich, versteht sich. Mittlerweile haben uns Taschenrechner und Computer von dieser Last befreit. «Schriftlich rechnen» ist eigentlich ein falscher Ausdruck. Schriftlich ist ja nur das Protokoll dessen, was gerechnet wird. Schritt für Schritt, im Kopf. Kopfrechnen ist heute wichtiger denn je. Zum Schätzen und Überschlagen; noch viel mehr aber für den Aufbau und die permanente Stärkung unseres mentalen Zahlenraums. Numerische Zusammenhänge verstehen gehört zu den geistigen Grundfähigkeiten. Wir brauchen nicht zu wissen, wie der Taschenrechner funktioniert. Aber wir müssen verstehen, was er für uns macht. Gerade weil wir nicht mehr schriftlich rechnen müssen – und weil damit das immanente Kopfrechnen entfällt – sind eine regelmässige Aktivierung der Zahlenvorstellung und das Training der Grundoperationen von Bedeutung. Auch hier helfen nicht zuletzt gute Computerprogramme.

 

Unerwartete Zeitreise

November 2018: Ich blicke von der Strasse in einen beleuchteten ebenerdigen Unterrichtsraum. Eine Gruppe von Asylanten übt Kopfrechnen. Die jungen Männer sitzen aufmerksam an ihren Tischen und studieren die Zahlen auf der Leinwand. Vermutlich geht es vor dem eigentlichen Rechnen auch um die sprachliche Bewältigung der Zahlen im neuen Alltag. «Dreiundzwanzig» – aber die 2 steht doch vor der 3. Warum liest man jetzt plötzlich von rechts nach links? Andere, bekanntere Sprachen tun das nicht: «Twenty-three», «Vingt-trois». Solches geht mir durch den Kopf, bevor ich genauer hinschaue. Aber dann – das darf nicht wahr sein: Auf der Leinwand prangen zwei Aufgaben aus dem «Walther»! Die Geschichte holt mich ein, wie sie Scharen vieler ehemaliger Schülerinnen und Schüler des 20. Jahrhunderts bei diesem Anblick einholen würde. «30 mal 12 plus 60?» – «420!» Das war Toni. Toni darf sich setzen. «Durch 7 plus 12?» – «72!» schreit Alfons, fast bevor Herr H. die Frage gestellt hat. Auch Alfons setzt sich, nicht ohne genüsslich in die Runde zu blicken. Annekäthi fühlt ein Klemmen im Bauch. »Daraus vier Neuntel?» – «Kann ich eh nicht.», denkt Annekäthi. Vroni weiss es. Dann flüstert Herr H. ganz langsam: «Mal 10?» Annekäthi wüsste es, aber andere kommen ihr zuvor. Annekäthis Martyrium geht weiter.

Kopfrechnen ist heute wichtiger denn je.

 

 

Altgedient

Nein, Herr H. ist kein Sadist. Er weiss, dass Kopfrechnen wichtig ist, und will seinen Unterricht abwechslungsreich und wirksam gestalten. Dabei hilft ihm ein rotes Büchlein, welches Herr H. schon kannte, als er selbst noch die Schulbank drückte. «Schnellrechnen: 600 neue Aufgaben für Sekundarschulen und Progymnasien» von Ernst Walther erschien erstmals 1928. Vorbild war ein in der Primarschule verwendetes Übungsbüchlein, das der Münchner Lehrer Karl Immel 1872 veröffentlicht hatte: «Aufgaben zum Kopf-Rechnen». 1997 erschien im Staatlichen Lehrmittelverlag Bern die 15. Auflage von Ernst Walthers «Schnellrechnen». Damit gehört das Büchlein zu den am längsten aufgelegten und verwendeten Unterrichtsmitteln der letzten hundert Jahre. Die dunkelhäutigen Männer im Rechenunterricht wirken keineswegs gestresst. Die Stimmung scheint entspannt. Es wird gerechnet. Nach der anfänglichen Irritation denke ich: Das ist gar nicht schlecht! Umreissen doch die Aufgaben im «Walther» etwa das, was man rechnerisch im Kopf sollte bewältigen können. Kopfrechnen ist enorm wichtig; elementare «1plus1»- und «1mal1»- Aufgaben sollten automatisiert werden. Was die Asylanten in dieser Stunde tun, ist wertvoll und vernünftig. Und der «Walther» ist ein taugliches Mittel dazu.

 

Entscheidend ist der Umgang

Wenn mit dem kleinen roten Büchlein tausendfaches Leiden und bleibende Schäden generiert wurden, kann man das nicht dem Unterrichtsmittel anlasten. Dass Scharen von Schülerinnen und Schülern über Generationen durch die Aufgaben im «Walther» mit einer kaum zu kurierenden Mathematikphobie geschädigt wurden, liegt nicht am roten Büchlein, sondern an der Art, wie weitherum damit unterrichtet wurde. Ganz im Sinne des damaligen Zeitgeistes. Immels Buch hiess «Aufgaben zum Kopf-Rechnen». Von «schnell» war nicht die Rede. Sicher ist «Geläufigkeit» ein Ziel, aber das heisst nicht «Tempo-Wettbewerb» und schon gar nicht «Bestrafung der weniger Schnellen». Wir haben pädagogisch dazu gelernt. «Rechendiktat» war gestern. Dass Automatisieren erst Sinn macht, wenn die Operationen verstanden sind, dass vor dem Geläufigkeitstraining ein Aufbau mit strukturierten Übungen erfolgen muss, gehört zum didaktischen Grundwissen der Lehrperson von heute. Herr H. lebt nicht mehr. Und lebte er noch, er würde andere Methoden pflegen. Der Mathematikunterricht insgesamt ist menschlicher geworden. Eigentlich könnte man den «Walther» wieder auflegen. Digital?

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