farbwelt

Übermogen ist bald, handeln wir heute

Künstliche Intelligenz ist Schreckgespenst für die einen, Glücksfee für die anderen. Was hat die Schule zu erwarten? Eine Annäherung im Gespräch. Von Werner Jundt.

«Meine Schülerinnen und Schüler», verkündet mir Mirjam, «lernen KI-gestützt.» Skeptisch höre ich zu. «Das Coachingprogramm kennt alle für das Lernen relevanten Daten einer Schülerin, ihre Lernbiografie, den detaillierten Lernstand, ihre intellektuellen Möglichkeiten, ihre momentane emotionale und motivationale Verfassung. Da die Lernenden konsequent am Computer arbeiten, können alle ihre Aktivitäten erfasst, unmittelbar ausgewertet und für den weiteren Lernverlauf fruchtbar gemacht werden; Tracking eben. Das Programm kann auch den Arbeitsrhythmus, die Konzentration, sogar die Gemütslage berücksichtigen – und beeinflussen.» Ich mache grosse Augen und höre Mirjam weiter zu: «Zu den mit mir individuell vereinbarten Lernzielen versorgt das Programm meine Schülerinnen und Schüler mit optimal abgestimmten Informationen, Aufgaben und Trainingseinheiten. Zudem erhalten sie Anleitungen und Fortbildungsangebote zu Arbeitstechniken, zum Beispiel zur Textredaktion, Bildgestaltung, zu Recherchierverfahren oder zur Informationsverwaltung.»

 

Mir kommen Zweifel

«Und die sitzen dann dauernd an der Maschine?», frage ich, wohl mit einem kritischen Unterton. «Nicht länger als ehedem hinter Buch und Heft», meint Mirjam. «Das Programm leitet ja auch zu praktischen Arbeiten an: Modellbau, Experimenten im Labor, aber auch Aufgaben draussen, Recherchen im Quartier, Untersuchungen im Gelände. Dank der intelligenten Jacken, die wir neuerdings haben, stehen die Lernenden auch dabei mit dem Programm in Verbindung.»

«Ferngesteuert», entfährt es mir. «Begleitet», verbessert mich Mirjam, «die Lernenden können die Intensität der Begleitung beeinflussen, können verschiedene Funktionen des Coachings anwählen – können das Programm auch ganz ausschalten. Was sie aber fast nie tun. Die Jugendlichen haben ziemlich rasch gelernt, die Möglichkeiten des Programms sinnvoll zu nutzen. Sie lassen sich beraten bezüglich Arbeitseinteilung und -organisation, sie holen Feedback, verlangen Kontrollaufgaben, führen ihr Portfolio, man kann sagen «in Zusammenarbeit» mit dem Programm. – In der Pilotphase haben wir unseren Schülerinnen und Schülern das Programm fakultativ angeboten. Die Vorteile für diejenigen, die sich darauf eingelassen haben, waren derart offensichtlich, dass bald alle KI-gestützt lernen wollten.» «KI-gestützt und einsam.» – «Natürlich nicht!», entgegnet Mirjam: «Das Programm kennt ja alle Schülerinnen und Schüler der Schule und organisiert laufend auch abgestimmte Lern- und Trainingspartnerschaften in der Klasse und über die Klasse hinaus. Und da weltweit immer mehr Schulen so arbeiten und entsprechend vernetzt sind, entstehen auch viele Kontakte im Netz – was zum Beispiel den Sprachunterricht stark verändert hat.»

Das Programm versorgt meine Schülerinnen und Schüler mit optimal abgestimmten Informationen, Aufgaben und Trainingseinheiten.

 … und Ängste

«Fühlst du dich nicht überflüssig?», wage ich zu fragen. Mirjam lacht. «Wie sollte ich! Das Programm hält auch mich auf Trab; indem es mich dauernd über die Aktivitäten meiner Schülerinnen und Schüler ins Bild setzt und mir auch signalisiert, wo meine Einmischung angezeigt ist. Aber natürlich können mich die Lernenden auch jederzeit von sich aus kontaktieren. Das tun sie auch, wohl vor allem, um mein Interesse an ihrer Arbeit zu erfahren und immer wieder mein Erstaunen zu geniessen über das, was sie erreichen. – Und übrigens befinde ich mich mit dem Programm in einer permanenten Weiterbildung. Langweilig wird es mir bestimmt nicht.»

 

Das Ganze sehen

«Aber wir haben ja bisher nur von einem Teil des Unterrichts gesprochen.», fährt Mirjam fort: «Das Programm unterstützt das Sach- und das Methodenlernen. Für das soziale Lernen und den ganzen Anwendungsbereich stehen andere Gefässe zur Verfügung. Wenn ich an all die gemeinschaftsbildenden Projekte denke, die wir am Laufen haben. Unsere online-Quartierzeitung erscheint nun schon im dritten Jahr. Die Renaturierung des Bachs auf dem ehemaligen Fabrikareal ist soeben angelaufen; da bin ich grad ganz schön am Lernen – mit meinen Schülerinnen und Schülern zusammen. In unseren wöchentlichen Klassendiskussionen mit Leuten aus der Gemeinde geht es gegenwärtig um die Eingliederung von Flüchtlingskindern. Demgegenüber wirkt unsere Theateraufführung im Altersheim schon recht konventionell. – Seit wir KI zum Lernen nutzen, kommen unsere Schülerinnen und Schüler nicht nur schneller vorwärts; wir haben auch mehr Zeit für lebensnähere, erzieherisch wertvolle Projekte.»

Die Geschichte des Menschen ist eine fortgesetzte Symbiose von Mensch und Technologie.

 

Dr. Edy Portmann
Informatikprofessor, Universität Fribourg

Sie haben es längst gemerkt, liebe Leserin, lieber Leser. Dieses Gespräch hat so nicht stattgefunden. Noch nicht. Dafür ein anderes. Ich unterhalte mich mit Edy Portmann. Er ist Informatikprofessor und befasst sich unter anderem mit Soft Computing und Mensch/Maschinen-Schnittstellen. Ihm skizziere ich die oben beschriebene Vision eines von künstlicher Intelligenz gestützten Unterrichts und bitte ihn, meine Vision einzuordnen, zu relativieren, allenfalls zu zerzausen.

 

Utopisch?

«Ich kann nirgends sagen: Es ist nicht machbar», sagt Edy Portmann. «Die Frage ist: Will jemand in sowas investieren? Das muss die Gesellschaft beantworten. Die Technik ist vorhanden, aber die bestehenden Tools sind nicht auf die Schule ausgerichtet. Die Schule muss signalisieren, was sie braucht; muss helfen, die bestehenden Technologien nach ihren Bedürfnissen weiterzuentwickeln, auf die Schule zu justieren.»

Ich hatte mich utopischer eingeschätzt. Edy Portmann hat zu all meinen Träumereien reale Beispiele. «Apple hat schon vor einigen Jahren Schulen in ärmeren Quartieren mit iPads ausgerüstet, darauf liefen Tracking-Programme: Die Lehrpersonen führten den Unterricht gestützt auf Informationen, die das Programm ihnen – und übrigens auch den Eltern – zur Verfügung stellte. Ein Lehrer kann nie genug über eine 25er-Klasse wissen; ein Tool kann das besser. Technologie kann Lehrpersonen zu besseren Entscheiden verhelfen.» Ich höre. Und staune – mehr als im fiktiven Gespräch mit Mirjam. Ich vernehme Stichwörter, die mich zum Nachgoogeln animieren: «Affective computing»; Emotionen erfassen und analysieren. Programme, die aus Gesichts- und Gestikanalyse, Sprach- und Texterfassung sowie physiologischen Daten die Gemütslage einer Person erschliessen; und entsprechend reagieren. – «Konnektivismus»; eine Vorstellung von Lernen als Verknüpfen von Wissensträgern, menschlichen und anderen. Edy Portmann sagt: «Die Geschichte des Menschen ist eine fortgesetzte Symbiose von Mensch und Technologie; beide haben sich gegenseitig weiterentwickelt. Intelligenz steckt nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Tools. Wir müssen die Tools brauchen, wo sie besser sind, und den Menschen machen lassen, was er besser kann; und die Schnittstellen verbessern! Das Tool muss wissen, was ich brauche; ich muss mit den Daten umgehen können, die es mir liefert. Wenn die Tools mir helfen, mich zu entwickeln, entwickelt sich die ganze Gesellschaft.»

 

Privacy?

Ich höre auch von praktischen Anwendungen, die uns erlauben, Unterrichtsmittel und deren Gebrauch anders zu denken. So sei etwa ein Programm in Entwicklung, das einer Kamera erlaubt, zu einer Aufnahme von Post-it-Zetteln deren Geschichte einzuspielen; zum Beispiel, die Diskussion, die ursprünglich zu diesem Zettel geführt hat. – «Auch Datenerfassung im Feld, via Kleidung, ist möglich», sagt Edy Portmann, «aber natürlich stellt sich hier – wie überhaupt – die Frage nach der Privacy; wer hat Zugriff auf die Daten, wie werden sie abgespeichert?» «Und der zeitliche Horizont von alldem?»  – «Das ist nicht eine Frage der Technologie», sagt Edy Portmann. «Die Technologie steht bereit, um Ideen auszuprobieren. Einige Pilotversuche in Schulen laufen auch; aber viel zu wenige. Wir brauchen Experimente, um zu entscheiden, was wir wollen. Wenn wir nicht aktiv werden, überschwemmen uns kalifornische oder chinesische Produzenten mit Gratismodellen – und trainieren und verbessern diese dann mit unseren Daten. Es ist fraglich, ob die pädagogischen Vorstellungen dieser Anbieter mit unseren übereinstimmen. Aber wir werden nehmen müssen, was auf dem Markt ist.»

 

Sind wir bereit?

Das Gespräch bestärkt meine Vermutung: Gefahr droht der Schule nicht von Seiten der Künstlichen Intelligenz, aber von der eigenen Trägheit her. Auch für Lehrpersonen gilt: Was Maschinen besser können, gilt es zu nutzen. Was der Mensch besser kann, müssen wir pflegen. In der Symbiose mit der ­Maschine können wir wachsen. Aus der Medizin sind KI-Programme nicht mehr wegzudenken. Auch in der Rechtsprechung gewinnen sie an Bedeutung. Viele Anwendungen auf anderen Gebieten unterliegen der Geheimhaltung. Es ist eine Frage der (kurzen) Zeit, bis KI-Programme die Schule revolutionieren werden. «If you don't have a strategy, you're part of someone else's strategy», schrieb der Futurologe Alvin Toffler im Zusammenhang mit zukünftigen Herausforderungen. Haben unsere Behörden eine Strategie? Erkennen die Lehrmittelverlage das Gebot der Stunde? Bereiten wir Lehrpersonen uns vor? Die drei Schlussfragen sind durchaus ernst gemeint: Wir erhoffen uns Antworten  – die wir gerne auch veröffentlichen. Schreiben Sie uns doch bitte Ihre Meinung zur geschilderten Problematik an redaktion@profil-online.ch. Danke!

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