farbwelt

Le pyjama rayé

Wie kann die natürliche Neugier der Kinder im Französischunterricht zum Zug kommen? Welche Rolle spielt dabei das Lehrmittel, welche die Lehrerin? Ein Besuch bei Caroline Erni in Uetendorf. Von Therese Grossmann.

Es ist Dienstagnachmittag, kurz vor den Ferien. Die Kinder der 3. Klasse sitzen im Kreis und singen das Lied «J’aime les mots», das französische Kinder für andere Kinder komponiert haben. Das Lied ist Teil des Kapitels «Jouer avec les mots» aus dem Lehrmittel «Mille feuilles 3». Im Liedtext wird gesagt, welche Eigenschaften Wörter haben können, zum Beispiel «laids, beaux, p’tits, gros». Einigen Kindern ist das Lied gut zugänglich, sie singen engagiert mit, anderen wohl weniger, sie folgen mit dem Zeigefinger dem Liedtext und machen pantomimische Lippenbewegungen. Das zweite Lied ist ein einfaches Lied mit den Monatsnamen, das die Lehrerin Caroline Erni als Zusatzmaterial einsetzt. Der Rhythmus ist so einschlägig und der Text so einfach, dass alle Kinder mitsingen und einige sogar dazu klatschen. «Solche sogenannten Lernlieder brauche ich gerne als Ergänzung», sagt mir die Lehrerin nach der Stunde, «die Kinder mögen manchmal etwas, das sie unmittelbar verstehen.»

 

Unbekannte Wörter erschliessen

Immer noch im Kreis sitzend betrachten die Kinder eine Doppelseite mit Zeichnungen und versuchen, die Bedeutung der zugeordneten Wörter zu verstehen. Das ist manchmal recht einfach, wie bei «la jungle» oder «un fantôme», manchmal auch schwierig wie bei «apprendre», weil das dazugehörende Bild auch «jonglieren» heissen könnte. Da stellt sich mir die Frage, wie denn «apprendre» überhaupt mit einem Bild dargestellt werden könnte. Jetzt hören sich die Kinder die Geräusche zu den Bildern an, das macht ihnen offensichtlich Freude. «Ich liebe den Ton zum Dinosaurier», meint ein Knabe lachend, «ich könnte ihn mir immer wieder anhören!» Geräusche helfen den Kindern auch bei der nächsten Aufgabe, die sie zu zweit lösen sollen. Es geht darum, Gedichte zu verstehen, die spielerisch um einen Buchstaben gebaut sind. Eine Hilfe ist die visuelle und akustische Präsentation der Gedichte auf dem Ipad, ergänzt mit Geräuschen. Die Kinder verteilen sich im Klassenzimmer, hören sich mit dem Kopfhörer die Gedichte an und helfen sich gegenseitig beim Verstehen der Texte. Ein Mädchen zeigt im Gedicht über «Yves» auf die zweite Zeile «en pyjama rayé», dann auf den gezeichneten Knaben und meint, «rayé» heisse sicher «gestreift». Als ich einen Knaben frage, ob er keinen Stress habe mit den vielen unbekannten Wörtern, antwortet er: «Nein, überhaupt nicht! Ich weiss ja, was ich machen kann, wenn ich Wörter nicht verstehe. Ich kann die Bilder anschauen oder hören, ob mir das Geräusch weiterhilft.» Als ich nach der Partnerarbeit die gleiche Frage noch anderen Kindern stelle, erhalte ich Antworten wie «Manchmal ist das Wort im Französisch fast gleich wie im Deutsch, dann ist es leicht» oder «Ich kann ja auch jemanden fragen» oder «Sehen Sie, wir haben da einen mini-dic, da kann ich nachschauen, da stehen die Wörter drin». Und ein Mädchen lacht mich an mit der Bemerkung: «Es macht nichts, wenn ich das Wort noch nicht verstehe, ich kann es ja noch lernen.»

 

Die natürliche Neugier der Kinder

Diese Offenheit für neue Wörter wird auch im Kommentar für Lehrpersonen in Form von Fragen beschrieben, zum Beispiel: «Welche Bilder, Geräusche und Gerüche gehören zum Wort? Mit welchen anderen Wörtern ist es verbunden?» Caroline Erni bestätigt mir nach der Stunde, dass «Mille feuilles» von der natürlichen Neugier der Kinder ausgehe: «Die Neugier ist ja schon bei kleinen Kindern da, wenn sie sprachlich Neues lernen. Sie achten auf meinen Tonfall, meine Mimik, meine Gesten und beziehen das in die Interpretation ein. Sie beobachten, wenn ich auf etwas zeige, und werten so eigentlich alle möglichen Informationen aus dem Kontext aus.» Caroline Erni ist überzeugt, dass der Umgang mit unbekannten Wörtern den Kindern nicht schwerfällt und dass sie auch im Französisch natürliche Verhaltensressourcen nutzen können. «Ich ermuntere die Kinder einfach immer wieder, wie Detektive zu sein, wenn sie etwas nicht verstehen. Ich vergleiche ihre Tätigkeit beim Erschliessen gerne mit einer Schatzsuche und zeige ihnen meine eigene Faszination davon.» Für die Neugier der Kinder förderlich seien auch die vielen verschiedenen Zugänge zu den Texten und die grosse Abwechslung in den Aktivitäten. Und besonders hilfreich seien Texte über gleichaltrige Kinder wie zum Beispiel über Louis, den Zirkusjungen. Da seien die Schülerinnen und Schüler grundsätzlich interessiert daran, den Inhalt zu verstehen. Abwechslungsreich verläuft auch der Rest des Dienstagnachmittags für die 3a: Nach einer kurzen Auswerterunde zu den Gedichten dürfen die Kinder Domino mit Parallelwörtern spielen und ein selbst hergestelltes Quartett. Dann treffen sich alle nochmals im Kreis, um die Französischstunde mit einem Lied zu beenden. Die hohe Aufmerksamkeit der Kinder am letzten Dienstagnachmittag vor den Ferien ist bemerkenswert. Es könnte am Material liegen, das viele verschiedene Zugänge und Aktivitäten ermöglicht. Aber auch daran, dass die Kinder mit der Lehrerin die Freude teilen, Neues zu entdecken und zu verstehen.

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